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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.10

Die Glut in der Asche

In Italien macht die neue Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ Front gegen Berlusconi. Ein Gespräch mit Chefredakteur Antonio Padellaro

Herr Padellaro, Sie haben eine beachtliche Karriere gemacht und arbeiten nun für eine kleine Tageszeitung. Wie viel Geld verdienen Sie jetzt? 2400 Euro netto im Monat. Für einen Chefredakteur ist das der tariflich festgeschriebene Mindestlohn in Italien. Um eine gute Zeitung zu machen, reicht das als Bezahlung.

Ihr Blatt bezeichnet Italien als das „Sultanat Berlusconien“. Warum?
Wir informieren unsere Leser darüber, wie lächerlich dieses Italien ist, dessen Geschicke von korrupten Politikern, durchtriebenen Wirtschaftsbossen und clownesken Multifunktionären à la Silvio Berlusconi bestimmt werden. Darüber ausführlich zu berichten, wäre eigentlich die dringende Aufgabe jedes Journalisten, aber leider sind viele von ihnen so sehr verstrickt in dieses lächerliche Italien, dass sie es nicht können. Deshalb haben wir eine eigene Zeitung gegründet – 
eine, die wirklich unabhängig ist.

Das behaupten die meisten italienischen Tageszeitungen von sich. Ja, aber viele sind von politischen und kommerziellen Interessen beeinflusst. Zum Beispiel ist die Familie Agnelli, Großaktionär von Fiat, Besitzerin der Tageszeitung „La Stampa“. Die Repubblica/L’Espresso-Gruppe gehört dem Unternehmer Carlo De Benedetti. Über Berlusconis Medienmacht muss ich keine Worte verlieren. Ich möchte nicht über die Arbeit der Kollegen anderer Zeitungen und Zeitschriften urteilen. Ich stelle aber in Frage, ob Medien, die am Tropf von Unternehmern oder Parteien hängen, frei von deren Interessen sind. Wir bieten einen Gegenentwurf.

Parteifreunde Berlusconis geben der „Hetze der linken Presse“ Schuld an dem blutigen Übergriff auf den Ministerpräsidenten im letzten Jahr. Fühlen sie sich mitverantwortlich? Wir betrachten uns weder als „linke“ noch „rechte“ Zeitung. Unser Blatt ist ein halbes Jahr alt und nicht bedeutend genug, um derartige Kampagnen zu initiieren, die man uns unterstellt. Wir haben den Übergriff gegen den Ministerpräsidenten bedauert und auf unserer Internetseite Stellung dazu bezogen. Unsere Pflicht als Journalisten ist aber, über Politiker zu berichten, die an ihren Sesseln kleben, obwohl sie verdächtigt, angeklagt oder gar verurteilt wurden.

Wollen sie leugnen, dass Berlusconi oft auf polemische Weise ihre Titelblätter ziert?
Er ist Ministerpräsident und der reichste Unternehmer des Landes – wenn so ein Mann die Verfassung angreift und rechtliche Immunität anstrebt, dann sehen wir darin eine Gefährdung der Demokratie und müssen uns des Themas annehmen. Aber wir berichten auch kritisch über Berlusconis Gegenspieler.

In einer ihrer Titelgeschichten haben sie kürzlich einige Oppositionspolitiker als „kastrierte Demokraten“ bezeichnet. Ja, weil auch sie keine Lösungen anbieten für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Landes. Die Kaste der Politiker verliert die Verbindung zur Bevölkerung, während die Menschen – durch die Krise desillusioniert – sich der Politik verschließen. Italien ist ein geduldiges Land, aber es steuert auf einen Punkt zu, an dem es ein lautes „Basta!“ geben wird.

Und was geschieht dann?
Das ist schwer zu sagen. Aber die Glut, die in der Asche lodert, ist heiß genug, um ein Feuer zu entfachen.

Interview: Vito Avantario

Zur Person:
Antonio Padellaro, 64, 
ist Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“. Er arbeitete für die italienische Nachrichtenagentur Ansa, den „Corriere della Sera“, war Mitglied der Chefredaktion beim Nachrichtenmagazin „L’Espresso“ und Chefredakteur der ehemals kommunistischen Tageszeitung „L’Unitá“. Außerdem hat er Biografien italienischer Spitzenpolitiker verfasst.