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Die Kraft der Versöhnung

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Die Kraft der Versöhnung

Text: Susan Dominus Fotos: Peter Hugo

Kann ein Mensch einem anderen vergeben, der seine Familie ausgelöscht, seinen Besitz zerstört hat? Zwanzig Jahre nach dem Völkermord vollzieht sich in Ruanda die Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern in persönlichen Begegnungen – ein Prozess, der beiden Seiten viel abverlangt

Im Frühjahr 2014 reiste der Fotograf Pieter Hugo in den Süden Ruandas, zwei Jahrzehnte nachdem in dem Land während des Völkermords fast eine Million Menschen getötet worden waren, und fing eine Serie von unglaublichen, fast unvorstellbaren Bildern ein. Auf einem davon liegt die Hand einer Frau auf der Schulter jenes Mannes, der ihren Vater und ihre Brüder umgebracht hat. Auf einem anderen posiert eine Frau mit einem lässig im Gras liegenden Mann, der ihren Besitz geplündert hat und dessen Vater an der Ermordung ihres Mannes und ihrer Kinder beteiligt war. In vielen dieser Fotos herrscht augenscheinlich wenig Wärme zwischen den Paaren, und doch: Da sind sie – zusammen. Auf jedem Bild ist der Täter ein Hutu (obwohl auch moderate Hutu unter den Opfern waren). Der oder die überlebende Tutsi hat ihm sein Verbrechen vergeben.

Die Menschen, die eingewilligt haben, sich fotografieren zu lassen, sind Teilnehmer eines fortlaufenden nationalen Versuchs der Versöhnung. Im Rahmen ihres Programms begleitet die gemeinnützige Organisation AMI (Association Modeste et Innocent) kleine Gruppen von Hutu und Tutsi über viele Monate hinweg. Ziel des Prozesses ist die formale Bitte des Täters um Vergebung. Gewährt sie der oder die Überlebende, bringen der Täter, seine Familie und Freunde meist einen Korb mit Gaben, normalerweise Essen, Sorghumhirse oder Bananenbier. Die Aussöhnung wird mit Gesang und Tanz besiegelt.

Die hier abgedruckten Fotos sind eine kleine Auswahl aus einer größeren Ausstellung, die in Den Haag gezeigt wurde – im Großformat unter freiem Himmel. Die Kunstorganisation Creative Court hatte die Serie als Teil des Programms „Ruanda, 20 Jahre danach“ in Auftrag gegeben, in dem das Thema Vergebung erforscht wird. Die Porträts werden später in Ruanda bei Mahnmalen und in Kirchen gezeigt.

Bei den Aufnahmen habe es in den Beziehungen zwischen Opfern und Tätern eine große Bandbreite gegeben, berichtet Hugo. Einige Paare kamen, setzen sich ganz selbstverständlich zusammen hin und redeten über Dorfklatsch. Andere waren zwar willens, sich fotografieren zu lassen, sahen sich aber außerstande, viel weiter zu gehen. „Es gibt ganz klar verschiedene Stufen der Vergebung“, sagt Hugo. „Die Distanz oder Nähe, die man auf den Fotos sieht, gibt das ziemlich genau wieder.“

In Interviews, die AMI und Creative Court für das Projekt führten, sprachen die Teilnehmer über den Prozess der Vergebung als wichtigen Schritt zur Verbesserung ihres täglichen Lebens. „Diese Menschen können nicht irgendwo anders hingehen – sie müssen Frieden schließen“, erklärt Hugo. „Vergebung kommt nicht aus irgendeinem versponnenen Gefühl der Nächstenliebe, eher aus einem Überlebensinstinkt.“ Doch die praktische Notwendigkeit der Versöhnung kann nicht über die emotionale Stärke hinwegtäuschen, die den Ruandern für dieses Ziel abverlangt wird – oder eben dafür, Seite an Seite fotografiert zu werden.