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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Die Letzten ihrer Art

Text: Wolfgang Hassenstein

Der Elfenbeinspecht (Campephilus principalis)

„Um 13 Uhr 15 flog ein großer, schwarz-weißer Specht über den Fluss“, schildert Tim Gallagher die historische Begegnung vom 27. Februar 2004. „Wir schrien gleichzeitig ‚Elfenbeinspecht!‘ und paddelten wie wild zum Ufer.“ Gallagher und sein Begleiter Bobby Harrison folgten dem Vogel in den Wald. Die letzte Elfenbeinspecht-Sichtung lag 60 Jahre zurück; nun hatte ein Tipp die beiden Ornithologen auf die Spur in den sumpfigen Big Woods des US-Staats Arkansas gebracht. Zwar misslangen an diesem Tag Filmaufnahmen, doch Harrison weinte vor Glück. Ein verständlicher Emotionsausbruch — die Suche nach dem Specht war für den Biologieprofessor „seit Jahrzehnten die dominierende Kraftquelle“. Nun wurde ein Expertenteam gebildet. Seit April 2004 sichteten die Forscher 15-mal einen Elfenbeinspecht — wobei unklar blieb, ob immer den gleichen oder verschiedene. Der typische Doppel-Klopfer auf Tonband und ein verschwommenes 1,2-Sekunden-Video, auf dem ein fliehender Specht mit genau elf Flügelschlägen seine charakteristische Zeichnung offenbart, machten den Existenzbeweis perfekt. Im April meldete das „Science“-Magazin den Jahrhundertfund. US-Medien und Naturschützer waren begeistert: Es sei, als ob der Dodo wieder auferstanden wäre — oder Elvis. Schließlich ist der mit 80 Zentimetern Spannweite drittgrößte Specht der Welt die attraktivste von sechs seit 1880 in den USA verschollenen Vogelarten. Binnen kurzer Zeit bildete sich eine breite Koalition zum Erhalt der urigen Sumpfwälder von Arkansas. Mit dabei: US-Innenministerin Gale Norton, sonst nicht gerade als beherzte Naturschützerin bekannt — sie versprach zehn Millionen Dollar. Nun könnte aus dem Symbol für den Artenschwund das Wappentier für den Schutz ursprünglicher Landschaften werden.  

Weitere Informationen:
www.birds.cornell.edu/ivory
(hier ist auch die Videoaufnahme des Elfenbeinspechts zu sehen)