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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Die Mauer

Ein mächtiges Bollwerk trennt Israelis und Palästinenser. Statt auf Friedensgespräche setzt Israels Premierminister Scharon auf eine Politik der Abschottung – und heizt die Krise gefährlich an.

Die Israelis werden bis Ende des Jahres 190 Kilometer der Mauer fertiggestellt haben. Allein rund 20 Kilometer des gewaltigen Sperrwerks ziehen sich um Jerusalem herum und knapsen ein großes Stück Palästinenserland ab. Bis zum Jahr 2005 soll der Wall samt dazugehöriger Gräben und Wachtürme auf 650 Kilometer anwachsen. Zum Vergleich: Die Mauer, die West- und Ostberlin trennte, war 155 Kilometer lang und 3,60 Meter hoch.

„Die offizielle Regierungsbezeichnung ,Zaun‘ ist viel zu verharmlosend“, schrieb der Journalist Meron Rappaport in der israelischen Tageszeitung „Yediot Ahronot“. Auf der östlichen, der palästinensischen Seite beginnt sie mit einem Elektrozaun, es folgt ein tiefer Graben, ein Sandweg, dann die bis zu acht Meter hohe Mauer selbst, auf der westlichen Seite schließen sich ein Sandweg, eine Teerstraße (breit genug für Panzer) und weitere Elektrozäune an. Die auch in Israel umstrittene Mauer, die vor Selbstmordattentätern schützen soll und neun Milliarden Dollar kosten wird, verschlechtert die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen der 3,5 Millionen Palästinenser im seit 1967 besetzten Westjordanland (engl.: Westbank). Vom ersten Bauabschnitt sind nach einer Weltbank- Schätzung etwa 200.000 Bewohner direkt betroffen sie trennt Dörfer von ihren Feldern und Schulen oder Gemeinschaftseinrichtungen. An den wenigen Checkpoints müssen die Menschen Stunden oder gar Tage warten. Die Weltbank warnt vor einer großen sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe für die Palästinenser.

Auch die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem schlägt Alarm: Nach ihren Recherchen werden die 3,5 Millionen Palästinenser nach Fertigstellung der Riesenmauer im Jahr 2005 auf rund 40 Prozent der Fläche der Westbank eingeschnürt sein. 60 Prozent wären dann für die etwa 230.000 israelischen Siedler reserviert. Die Palästinenser sprechen deshalb von einem „Apartheids-Wall“, der sie wie einst die Schwarzen in Südafrika in Homelands pfercht. Der Milliarden verschlingende Bau der Mauer treibt den israelischen Staat nicht nur politisch ins Abseits, sondern verschärft auch die eigene wirtschaftliche Lage. Seit Beginn der neuen Intifada der Palästinenser vor drei Jahren haben sich die Militärausgaben verdoppelt. Zudem kommen seitdem 70 Prozent weniger Touristen nach Israel ein herber Schlag für den Staat, der zu einem Fünftel von den Einnahmen aus der Tourismusbranche lebt. Auch für die Palästinenser ist das Fernbleiben der Touristen verheerend. Niemand kommt mehr zur Geburtskirche nach Bethlehem. „Die Mauer von Premierminister Scharon ist in jeder Weise ein Fehler“, sagt die israelische Friedensbewegung. „Sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Die Mauer schadet dem Friedensprozess und stürzt Palästinenser und Israelis in neue Hoffnungslosigkeit“.
 

Weitere Informationen unter:
www.betselem.org Menschenrechtsorganisation
www.gush-shalom.org, www.peacenow.org Friedensorganisationen