Die Söhne Bosniens

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Die Söhne Bosniens

Text: Andrea Hösch Fotos: Hardy Mueller

Wie durch ein Wunder überlebt Ermin Jusufovic einen Minenunfall und kämpft sich – dank des Sports – zurück ins Leben

Senkrecht fliegt der Ball fünf Meter hoch. Dann donnert ihn Ermin Jusufovics rechte Pranke übers Netz ins gegnerische Feld. Sofort rutscht der 33-Jährige auf seinen aufgerauten Handknöcheln nach vorn, den Ball lässt er dabei keine Sekunde aus den Augen. Er pritscht, blockt, baggert, köpft und wehrt einen Schmetterball auch mal mit dem Fuß ab, oder mit seinem Stumpf. Hier spielt ein Weltmeister: Die Sitzvolleyball-Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina holte sich Ende Juni, just vier Tage bevor das bosnische Fußballteam in Brasilien aus dem Turnier flog, zum dritten Mal den Titel – und damit das Ticket für die Paralympics in Rio 2016.

Soeben ist Ermin aus dem polnischen Elbag, dem diesjährigen WM-Austragungsort, zurückgekommen. Zusammen mit seinem sechsjährigen Sohn Namik sitzt er auf der Terrasse vor seinem Haus in Devetak und erzählt seine Geschichte, während seine hochschwangere Frau Merima Kaffee und selbstgebackenen Kuchen serviert. Das Dorf blieb vom katastrophalen Hochwasser im Mai verschont, es liegt auf einer Anhöhe nahe der Stadt Lukavac in Zentralbosnien. In diesem hügeligen Gebiet kämpften während des Bosnienkrieges Anfang der 90er-Jahre christlich-orthodoxe Serben gegen muslimische Bosnier. Beide Seiten legten Minen. Schätzungsweise 120.000 Stück gefährden die Bevölkerung bis heute, fast zwanzig Jahre nach Kriegsende sind sie noch immer scharf.

500 Meter vom Haus der Jusufovics entfernt geschah am 19. Mai 1997 das Unglück. Die 16-jährigen eineiigen Zwillinge Ermin und Armin sollten aus dem nahe gelegenen Wald streifen Äste als Rankhilfe für die Bohnen im Garten holen. Da die Brüder vergessen hatten, eine Axt mitzunehmen, ging Ermin noch einmal zurück. Um den Weg abzukürzen, wich er diesmal vom ausgetretenen Pfad ab. Die Detonation war bis hinunter in die Stadt zu hören. 

Armin fand seinen Bruder blutüberströmt, mit aus Armen und Beinen heraushängenden Knochen und Wunden in Brust und Bauch: „Er sah aus, als wäre er überfahren worden. Ich wusste gar nicht, wie und wo ich ihn anpacken sollte.“ Geistesgegenwärtig löste Armin seine Schnürsenkel aus den Schuhen und versuchte, so die Blutungen zu stoppen. Dann trug er den Bruder über das an den Wald angrenzende Feld zur Straße, wo schon durch den Knall alarmierte Nachbarn mit einem Auto auf den Schwerverletzten warteten. „Fahrt nicht so schnell, sonst kommen wir noch alle um“, soll Ermin noch gesagt haben, bevor er in Ohnmacht fiel. 

Tagelang schwebte der Junge in Lebensgefahr. In wachen Momenten nahm er wahr, dass seine Eltern am Krankenbett um ihn bangten. „Ich hatte mich schon aufgegeben“, sagt er heute. Tatsächlich grenzt es an ein Wunder, dass der Jugendliche überlebte, denn wie sich herausstellte, war er auf eine "Prom" getreten – Minenexperten gehen davon aus, dass die Killermine noch im Umkreis von 50 Metern tödlich wirkt. Ermins rechtes Bein musste unterhalb des Knies amputiert werden, fünf weitere Operationen folgten. Noch immer stecken etliche Splitter in seinem Körper. „Solange sie mich nicht behindern und nicht weh tun, können sie drinbleiben“, sagt er. Bei Sicherheitschecks an Flughäfen sorgt das Invalidenteam regelmäßig für Aufregung: „Es dauert immer ewig, bis sie uns durchlassen“, erzählt Ermin, „am schlimmsten war es, als wir in die USA wollten.“ 

Monatelang konnte Ermin nur auf einem Bein hüpfen, seine Arme waren zu schwach, um an Krücken zu laufen. Mobil war er erst wieder, als er ein halbes Jahr nach dem Unfall eine Prothese bekam: „Als ich das erste Mal wieder auf zwei Beinen stehen konnte, weinte ich vor Glück“, erinnert er sich.

Mit diesen ersten Schritten schöpfte der inzwischen 17-Jährige neuen Mut für sein zweites Leben. Er fing wieder an, sich Ziele zu setzen. Erst kleine: den Weg zur Großmutter zu schaffen, die knapp einen Kilometer vom elterlichen Haus entfernt lebte. Dann größere: sich nicht länger zu schämen, positiv nach vorne zu blicken, in der Schule den verpassten Stoff aufzuholen. Und – nachdem ihn sein Freund Safet Alibasic an einem Herbsttag des Jahres 1998 zum Training der „Söhne Bosniens“ mitgenommen hatte – ganz große: Weltmeister zu werden.

Die aufgereihten Prothesen am Spielfeldrand waren Ermin gleich beim Betreten der Sporthalle aufgefallen. Im Krieg oder bei einem Minenunfall hatten viele Männer einen Unterschenkel oder gar beide Beine verloren. Doch beim Sitzvolleyball erwies sich die Behinderung als Vorteil: Spieler ohne Beine sind beweglicher. Der Neue beobachtete, wie sich, sobald der Ball über das 1,50 Meter hohe Netz schoss, Muskeln und Schultern strafften, Arme flogen, Schreie ertönten und Hände einander abklatschten. Diese Kraft und Willensstärke der Versehrten faszinierten ihn. Und er lernte, dass mit einem Bein nicht das ganze Leben verloren ist. Mit dieser ersten Trainingsstunde fiel der Startschuss für Ermins Karriere auf dem 10 mal 6 Meter großen Spielfeld – und für seine Genesung: „Der Sport war das einzige Ventil, um meine Wut und Verzweiflung rauszulassen. Ohne meine Familie und den Sport hätte ich es nicht geschafft, mich wieder zurück ins Leben zu kämpfen“, sagt er heute. 

Das Team aus der Industriestadt Lukavac zählt zu den besten im Land. Die „Söhne Bosniens“ können sich in der ersten Sitzvolleyball-Liga des Landes regelmäßig direkt hinter den Spitzenclubs Spid und Fantomi aus Sarajevo behaupten. Bei Spid, dem Real Madrid des Sitzvolleyballs, spielte Ermin später acht Jahre lang. Die Mitglieder der Nationalmannschaft, allesamt Amateure, stammen vor allem aus diesen drei Vereinen. Ermin trainierte wie verrückt, achtete auf seine Ernährung, verfeinerte seine Technik – und wurde zusammen mit seinem Freund Safet tatsächlich 2001 in den Nationalkader berufen. Ein Jahr später erlebte er seinen ersten großen Triumph: In Ungarn erkämpfte er sich mit seiner Mannschaft den Europameistertitel. „Ich bin glücklich, Invalide zu sein, sonst hätte ich nie so viel von der Welt sehen können“, sagte er damals vor laufender Kamera. In seiner Heimatstadt feierten sie ihn bei der Rückkehr wie einen Helden. Vom Staat hingegen, den die Spieler repräsentieren, bekämen sie so gut wie keine Förderung, beklagt der Sportler.

Mit seinen 1,97 Meter Körpergröße überragt der Spieler mit der Nummer 12 die meisten im Team und macht seinem Namen alle Ehre: „Ermin steht für groß, gewaltig und stark“, erklärt sein Vater Izet, der sich auf der Terrasse einen Stuhl zurechtrückt. Er wohnt im Haus nebenan und kommt gerne mal auf einen Schwatz herüber. An seine Obstbäume komme kein Tropfen Gift, erzählt der Hobbyimker. Und im Garten habe er Stevia angepflanzt, damit sein Sohn ohne Gewissensbisse Süßspeisen essen könne. Außerdem verrät Izet, dass seine Zwillinge Frühchen waren und bei der Geburt nur je 2,2 Kilogramm wogen. „Das kann man kaum glauben, wenn man sie heute sieht“, sagt er und wendet sich wieder seinem grünen Reich zu. 

Die Brüder sind kaum auseinanderzuhalten. Noch dazu machen sie fast alles gemeinsam – beide spielen Sitzvolleyball, und beide sind Minenopfer. Zwei Jahre vor seinem Bruder war Armin an fast gleicher Stelle auf eine Mine getreten, zum Glück kam er mit ein paar Splittern davon. Obwohl er unversehrt geblieben ist, gehört auch er zu den „Söhnen Bosniens“ – in der Liga darf je ein Spieler ohne Handicap im Team sein. Für sein Land darf Armin aber nicht antreten, die Nationalmannschaft ist Behindertensportlern vorbehalten. 

Als sie Kinder waren, sammelten die Zwillinge Munition, Granaten und Blindgänger, heute häuft Ermin Medaillen aus internationalen Wettbewerben an. In einer Schuhschachtel hat er sie alle aufbewahrt: mehr als 50 Stück. Die wichtigsten für ihn: zweimal Olympiagold (Athen 2004 und London 2012), einmal Olympiasilber (Peking 2008) sowie drei Weltmeister- und sieben Europameisterauszeichnungen. „Wir haben uns daran gewöhnt, zu gewinnen“, sagt er schlicht. Seit 2001 hat Ermin mit seinem Team nur wenige Turniere verloren – meist gegen den Hauptkontrahenten Iran. Seine bislang höchste persönliche Ehrung als Athlet erlangte er im Jahr 2008: Bei der WM in Ägypten wurde er zum besten Blocker des Turniers gekürt. 

Trotz all dieser internationalen Erfolge wirkt Ermin unaufgeregt, bescheiden und zufrieden – mit seinem Familienleben, seinem Job als Teammanager der „Söhne Bosniens“ und seinem fast abgeschlossenen Sportmanagementstudium. Das Diplom der Sporthochschule Sarajevo ermöglicht es ihm, später große Wettkämpfe zu organisieren oder eines Tages die Nationalmannschaft zu trainieren. Ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. Da Spitzensportler beim Sitzvolleyball sogar noch mit 40 Jahren auf sehr hohem Niveau spielen können, hat sich der Weltklasse-Blocker vorgenommen, auf jeden Fall noch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio dabei zu sein. 

„Ich habe das Beste aus diesem Schicksalsschlag gemacht“, sagt Ermin. Er genießt den Erfolg, die Reisen und den Zusammenhalt der Mannschaft: „Wir sind wie eine große Familie.“ Inzwischen zieht er morgens seine Prothese so selbstverständlich an wie er seine Zähne putzt. Nur an seinem „zweiten Geburtstag“, wie er den Unfalltag nennt, oder bei Interviews denkt er noch an das Unglück.

Zärtlich streicht er seinem Sohn über den Kopf. Namik kommt im Herbst in die Schule. Langsam fängt der Sechsjährige an, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Um ihn und die anderen Kinder im Dorf machen sich die Jusufovics große Sorgen, denn das Minenfeld, wo Ermin vor 17 Jahren verunglückte, ist noch immer nicht geräumt. Entlang des Waldsaums stehen ein paar rote Warnschilder, die nächsten Häuser sind gerade einmal 50 Meter davon entfernt.

Das zuständige Mine Action Center (MAC) in Tuzla hat das 57.000 Quadratmeter große Minenfeld schon zur Räumung vorbereitet. „Diese Fläche hätte schon längst gesäubert sein müssen, denn wir wissen, dass dort noch viele Minen liegen“, sagt der MAC-Leiter Nedžad Kabaruzonic. „Wir könnten gleich morgen loslegen, wenn wir die finanziellen Mittel hätten“, fügt er schulterzuckend hinzu.

Namik spielt gelangweilt mit einem Spielzeuggewehr. Keiner seiner Freunde ist da. An diesem heißen Sommertag sind sie wahrscheinlich alle an dem kleinen See, der hinter dem Minenfeld liegt. Namik darf dort nicht hin. Das sei zu gefährlich, sagt Ermin. „Ich bläue meinem Sohn jeden Tag ein, dass er auf den Wegen bleiben muss.“ Ermin weiß ja, wie groß die Verlockung einer Abkürzung ist.

Das neue Minenräumprojekt des Greenpeace Magazins
In Gradačac, 40 Kilometer Luftlinie von Lukavac entfernt, durchkämmen seit Juni zwei Teams der Deutschen Minenräumer (Demira) einen Berghang. Auf der 1,3 Millionen Quadratmeter großen Risikofläche haben sie schon 25 Minen, darunter die unten abgebildete PMR2, und zehn Blindgänger gefunden. Finanziert wird das Projekt von der EU und dem Greenpeace Magazin. "Wir müssen beim Minen räu men effizienter werden", sagt Nedžad Kabaruzonić von der Minenbehörde in Tuzla. Deshalb wird in Gradačac jetzt eine neue Methode erprobt: Abgesucht wird nicht mehr jeder Zentimeter, sondern gezielt die Orte, wo Minen vermutet werden. 90 der 1230 Quadratkilometer, die in Bosnien als minenverseucht gelten, fallen in seinen Zuständigkeitsbereich. „Pro Jahr schaffen wir zwei Quadratkilometer", sagt der Minenexperte, "wenn wir so weitermachten, bräuchten wir noch 45 Jahre."

Mehr Infos unter: demira.org; greenpeace-magazin.de/minen

FLUTEN VERSCHÄRFEN MINENGEFAHR
Mit einer Hacke bricht Josip Vrbat den Estrich auf, darunter schimmern Pfützen. In seinem Haus in Kopanice, eine Autostunde nordöstlich von Ermins Dorf, stand das Wasser drei Wochen lang zwei Meter hoch. Nach dem Dammbruch des nahe gelegenen Grenzflusses Sava hatten die Fluten das ganze Dorf überspült. Sein gesamter Hausrat war zerstört. Der 43-Jährige verbrannte ihn. Auch das Minenräumfahrzeug Rex, das Vrbat für die Deutschen Minenräumer (Demira) fährt (siehe GPM 1.11), stand bis zum Dach unter Wasser. Vrbat hofft, die Maschine schon bald wieder flottzukriegen. 

Das Jahrhunderthochwasser überflutete im Mai weite Teile Bosnien und Serbiens. Die Fluten rissen Häuser mit sich und vernichteten Ernten. Nach ersten Schätzungen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung belaufen sich die Schäden allein in Bosnien-Herzegowina auf rund 1,3 Milliarden Euro. Zudem spülten die Strömungen Sprengkörper, Blindgänger und Warnschilder fort. Immer wieder werden Minen an Orten gefunden, die zuvor als sicher galten. „Wir wollten am Ufer der Bosna gerade anfangen, ein Minenfeld zu räumen“, sagt Nedžad Kabaruzonić vom Mine Action Center (MAC) in Tuzla, „nach dem Hochwasser war es nicht mehr da.“

Wenn auftauchendes Kriegsgerät gemeldet wird, rücken mobile Räumungsteams aus, um die Gefahrenquelle zu beseitigen. „Wir können nicht wieder ganz von vorne anfangen, sondern nur gezielt räumen“, sagt Goran Radović, ein MACKollege aus dem rund zehn Kilometer entfernten Brčko, „und hoffen, dass in Zukunft keine Unfälle passieren."