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Die Schatzinsel

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Die Schatzinsel

Text: Hannes Grassegger Foto: Russel James

Eine handverlesene Schar von Milliardären, Internet-Unternehmern und Anarchokapitalisten aus der Digitalgeldbewegung trifft sich auf Richard Bransons Privatinsel Necker Island in der Karibik. Dort plant sie den ganz großen Coup

Am roten Steg winkt eine junge Frau. Die Brise legt ihr den kurzen Hosenanzug an den Körper. Sie winkt mit der Rechten, mit der anderen Hand hält sie den Sonnenhut. Der Kapitän des Speedbootes dreht bei, der Motor pluckert, ich springe an Land. „Welcome on Necker“, haucht die Frau. „Ich bin Kezzia.“ Sie dreht sich um. „Komm mit.“

Die Luft hat jene perfekte Temperatur irgendwo in den oberen Zwanzigern, bei der man das Gefühl bekommt, mit der Welt zu verschmelzen, weil man seinen Körper nicht mehr spürt. Das glasklare Karibikwasser ist ein erfrischendes bisschen kühler. „Smart Casual“ lautet der Dresscode der Gastgeber. Also trage ich ein Hemd zur Badehose.

Kezzia führt mich zu einem Golfmobil, das im Sand parkt. Ich muss an dieses Video denken, in dem eine Buchhalterin von Necker Island fröhlich erklärt, wie sie nach dem Office als Unterlage für ein Nacktsushidinner aushalf. In einem Interview erzählte Richard Branson lachend, ein neuer Haushälter habe mal auf seiner Insel einführen wollen, dass Angestellte keine amourösen Verhältnisse mit den Besuchern eingehen. „Das hielt genau zwei Tage.“ Auf Necker gibt es kein Privat und Geschäftlich. Jedenfalls nicht für die Angestellten. Branson selber hat sich für ungestörte Momente die Nachbarinsel Moskito Island gekauft. Nur sein Kitesurfkumpel Larry Page, der Google-Chef, durfte sich kürzlich dort ein Grundstück kaufen. Nun ist er Bransons Mitbewohner.

Nach 36 Stunden Anreise bin ich am Ziel meiner Reise: auf der Privatinsel des britischen Milliardärs Sir Richard Branson. Anlass ist eine Zusammenkunft von Silicon-Valley-Unternehmern und radikalen Anarchokapitalisten der Bitcoin-Digitalgeld-Bewegung, die hier gemeinsam offenbar das ganz große Ding planen wollen. Worum genau es gehen wird, ist mir noch völlig unklar. „Wir freuen uns, Dich bald im Paradies willkommen zu heißen“, hat auf der Einladung gestanden.

Auf dem Weg hierher habe ich bereits einige Teilnehmer kennengelernt. An einem Strandkiosk auf eine Fähre wartend, in Jeans und grünem T-Shirt: Michael Zeldin, 64, führender US-Antigeldwäsche-Experte, bekannt aus vielen Auftritten bei CNN. Früher vertrat er die US-Regierung bei den G7-Verhandlungen, heute ist er „Spezieller Berater“ einer Kanzlei, die 17 der 20 größten US-Banken repräsentiert. Neben ihm, in Badehose und mit einem Carib-Bier in der Hand, der bubenhafte Brock Pierce. Pierce, der angibt, den Begriff „nutzergenerierte Inhalte“ erfunden zu haben, stieg nach einer Karriere als Kinderstar mit 17 Jahren zum millionenschweren Tycoon der New Economy auf, tauchte dann aber wegen eines Sexskandals mit minderjährigen Knaben ab. Vom Exil in Spanien aus baute er ein Onlinegame-Imperium auf, verkaufte virtuelle Waffen in Computerspielen – und wurde so zu einem der wichtigsten Digitalwährungsunternehmer. Derzeit investiere er in 34 Firmen.

Wie ich haben auch Pierce und Zeldin eine Einladung für das morgige „Block Chain Summit Final Dinner“, einen Networking-Anlass auf Bransons Insel mit „Cocktailempfang und Lemurenfütterung“. Der „Block Chain Summit“ solle, so die Ankündigung, „die besten Köpfe der digitalen Erneuerung“ zusammenbringen, um „gemeinsam die Zukunft zu definieren“. Im Kern geht es um eine Konferenz, bei der hier, mitten in der Karibik, auf der Privatinsel eines Milliardärs, eine ganze Menge Macht und Geld zusammenkommen, um etwas auszuhecken.

Wir rollen in dem Golfmobil nur ein paar Meter über eine schmale, von Steinen begrenzte Sandpiste und halten vor einem zweistöckigen Holzhaus. „Die anderen sind schon oben beim Lunch“, sagt Kezzia. „Ich würde vorschlagen, du nimmst dir einen Drink, schaust dich ein bisschen um und stößt danach zu uns?“ – „Brauche ich Geld?“, frage ich. Sie schüttelt lachend den Kopf und summt davon.

Aus dem zweiten Stock höre ich das Gemurmel der Gäste beim Mittagessen. Das nach allen Seiten offene Erdgeschoss des Strandhauses ist eine Art Tropenpub. Links läuft auf einem großen Flatscreen Tennis, gegenüber grenzt ein Sandplatz-Court ans Gebäude, rechts steht ein riesiger Billardtisch. Aus versteckten Lautsprechern blubbert Reggae. Durch die Mitte des Raumes läuft eine U-förmige Bar. Darauf sitzt ein braunes Wesen mit Hundegesicht und suckelt an einem stehen gelassenen Drink. Das ist also einer jener Lemuren, die Branson aus Madagaskar holte, um sie vor dem Aussterben zu retten. Der Halbaffe schaut mich an, dann wendet er sich wieder seinem Drink zu.

Ich suche das Hauptgebäude oben auf dem Hügel und folge einem Pfad am Tennisplatz vorbei durch den Dschungel. Der Geruch der Insel könnte ein Parfum sein – Tropenholz mit einer Spur Menthol und etwas Strandbrise. Ein Netz hängt vor den Bäumen, dahinter sehe ich zwei riesige Aras. Branson brüstet sich damit, seine Insel in ein Biotop verwandelt zu haben. Hunderte Arten habe er eingeführt, um sie hier zu schützen. Eine „Best of Nature“-Arche.

Seine Villa hat Sir Richard Branson auf Bali konstruieren lassen, dann wurde sie zerlegt, verschifft und auf Necker Islands höchstem Punkt aufgebaut. Offensichtlich hatte Branson beim Einrichten seiner Insel vor allem zwei Sachen im Kopf: Sex und Drinks. Auf dem Dachgiebel thront ein Hot Tub, eine hölzerne Badewanne mit warmem Wasser, dahinter weht die Flagge der British Virgin Islands, der Union Jack auf blauem Grund und der Leitspruch der Insel: Seid wachsam. Von hier lässt sich das ganze Eiland überblicken, das Strandhaus, der Tennisplatz, die zwei Teiche, eine Handvoll verstreuter Liebesnester, im Hintergrund ein paar Inseln. Am Sockel des Hauses liegt ein grün schimmernder Infinity Pool mit Blick auf den endlosen karibischen Horizont.

Manchmal suchte Prinzessin Di hier Zuflucht. Wie sehr sie Bransons Paradies mochte, zeigt ein handschriftlicher Brief, den sie ihm einst widmete. Immer wieder nutzte Branson die Ungestörtheit seiner Insel für ambitiöse Treffen, wie damals, als er Politiker und Unternehmer wie Tony Blair und Larry Page zusammenbrachte, um das Weltklima zu retten.

Unten sehe ich Solaranlagen, die die Insel mit Strom versorgen. An einem versteckten Pier entladen Arbeiter eines der Boote, die die Insel laufend beliefern müssen. Mit allem, auch mit Sonnencreme und dem Energydrink „Pussy“.

Nur ein paar Dutzend Auserwählte haben eine Einladung für das Gipfeltreffen auf Necker Island erhalten. Frauen waren ursprünglich nicht darunter. Alle haben eine weite Anreise auf sich nehmen müssen, denn die Insel liegt am östlichsten Rand der British Virgin Islands, zwei Flugstunden östlich von Jamaika. Die Teilnahmegebühr beträgt mehrere tausend Dollar pro Tag.

Zum Auftakt hat Branson seine Gäste aufgefordert, ihre Businesspläne an der „Größe des Effekts auf die Gesellschaft“ zu messen. Dazu gab es eine Einlage der Starcellistin Zoë Keating, die seither begeistert Schnappschüsse von Bransons Riesenschildkröten auf Instagram postet.

Vom Hot Tub auf dem Dach der Villa, vorbei an ein paar Terrassen, gelange ich in einen Saal, der so hoch ist, dass ausgewachsene Palmen hineinpassen. Von der Decke hängt eine Diskokugel. Hier finden wohl die Veranstaltungen statt. In einer kuschligen Couchlandschaft liegen ein paar Bücher herum mit Titeln wie „Eine optimistische Reise in die Zukunft“.

Wir leben, sagen uns die Zeitdiagnostiker, in einer vom Fortschritt begeisterten Epoche, vergleichbar jener am Ende des 19.Jahrhunderts, als Eisenbahn und Telefon alles veränderten und ungeahnte Reichtümer hervorbrachten. Wie damals explodiert heute die Zahl der Superreichen. Was früher Rockefeller war, sind heute Zuckerberg, Page, Gates – und, als einer der Ersten, Richard Branson. Etwa 1800 Dollarmilliardäre gibt es. Ihre Vermögen sind in den letzten Jahren so massiv gestiegen, dass sie sich fragen, wohin mit dem Geld. Gleichzeitig gibt es in der Nähe San Franciscos ein Tal voll von Technologieunternehmern, die für ihre Geschäftsvorhaben Geld brauchen, viel Geld. Und deren Ziel stets ist, bestehende Branchen mit neuer Technologie nachzubauen, Monopolist zu werden und die Profite einzufahren.

Wie Airbnb bei Hotels oder Uber bei Taxis. Je größer die attackierte Branche, desto besser. Google hat ein Geheimlabor, um sogenannte „Moonshots“ auszutesten: Ideen, so größenwahnsinnig, dass alle sie für unmöglich halten – wenn man nicht ein paar Milliarden in der Tasche hat, um sie doch zu realisieren. Genau so etwas hat Branson hier im Sinn.

Am gegenüberliegenden Ende der Bar stehen Reihen von Korbstühlen, die auf einen Flatscreen ausgerichtet sind mit dem Schriftzug: „Block Chain Summit – The Vision“. Ich verstehe, dass sich hier eine ganze Menge Leute versammeln, deren Zeit knapp und teuer ist. Solche Leute treffen sich nicht nur zum Spaß, aber auch.

Genauso wenig hat Branson seinen Wohnort zufällig gewählt. Die Britischen Jungferninseln oder Virgin Islands, kurz BVI, zu denen Necker gehört, sind der beliebteste Standort für Firmengründungen zur Steuervermeidung weltweit. Mit komplizierten Geflechten von BVI-Firmen ist es Branson gelungen, die englischen Behörden so zu verwirren, dass er zu Hause fast keine Steuern mehr zahlt. Necker Island kennt in England jedes Kind: die Trauminsel, die dafür steht, dass man gegen den Staat gewinnen kann.

Zur Moderation des Gipfels hat Branson einen der renommiertesten Finanztechnologie-Autoren gebucht, den „Wall Street Journal“-Kolumnisten Michael J. Casey, der gerade ein Buch zu Digitalwährungen wie Bitcoin und ihrer Programmiergrundlage, der „Block Chain“, veröffentlicht hat. Die Block Chain, erklärt Casey darin, sei ein Register, ein gewaltiges Kontobuch, das jede einzelne Überweisung verzeichne. Im Gegensatz zum gängigen Geldsystem, wo jede Bank ein zentrales Register führt, um zu überprüfen, ob die bewegten Geldmengen korrekt sind, erledige die Block Chain diese Überprüfung dezentral, auf jedem angeschlossenen Rechner. Die Block Chain lasse beispielsweise jeden Bitcoin-Nutzer Bankaufgaben übernehmen. Ganz nebenbei. Dadurch sei nicht nur fälschungssicheres digitales Geld möglich geworden. Im Prinzip, prophezeit Casey, könne diese Technik Firmen und Behörden ersetzen, deren Aufgabe im Verwalten von Vermögenswerten besteht.

Am Strand unter einem Sonnendach treffe ich auf mehrere Männer in den Dreißigern. Alle in Shorts, ziemlich ungebräunt, mit Bauchansatz. Ein vollbärtiger Hüne namens Oliver Luckett lässt Rap auf einer kleinen, röhrenförmigen Box laufen, wie sie Teenager in Parks benutzen, und erzählt, dass er kürzlich einen Rolls-Royce für 10.000 Dollar gekauft habe, um ihn für das Video des Rappers mit Flammenwerfern abzufackeln. Das gehe dann viral um die Welt, weil alle am Video Beteiligten so viele Follower im Netz hätten. „Schnäppchen!“, sagt er. Die anderen nicken.

Er mache den Rapper zum Star im Web, dafür werde er von dessen Label bezahlt. Oliver Lucketts Firma The Audience hat eine Weile die Social-Media-Kampagne für Obama organisiert. Davor hatte er für Disney gearbeitet. Im digitalen Reich ist er eine Art Propagandaminister.

Auf einer Sandbank sehe ich einen Katamaran, daneben ein Dutzend Leute. Vielleicht ist Branson ja dort. „Hast du Lust, was auszuprobieren?“, fragt einer der Beach-Beaus. Er führt mich in eine Hütte voller Surfbretter, Segel, Schnorchel. An der Wand ein Foto Bransons, breit in die Kamera grinsend – vorn hält er ein Kitesegel, seine Füße auf dem Brett, surfend, am Rücken ein nacktes Model, Branson umschlingend.

Ein Holländer in den Fünfzigern, er stellt sich als Marc vor, will Stand-up-Paddeln probieren. Ich schließe mich ihm an. Marc investiert in Start-ups. Er ist aus Vancouver eingeflogen. „Warum bist du gekommen?“, frage ich. Der Trainer legt uns die Bretter aufs flache Wasser. „Bitcoin ist allmählich ernst zu nehmen“, sagt Marc und versucht sich auf das wacklige Brett zu stellen. „Schau, wer hier ist. Ein Präsident von Samsung, der Strategiechef von Ernst& Young. Hast du mitbekommen, dass Obamas Lieblingsökonom Larry Summers in eine Bitcoin-Bank eingestiegen ist? Und der Visa-Gründer?“

Im Tropenpub treffe ich auf Michael J. Casey vom „Wall Street Journal“. Er sieht aus wie diese Reporter in Krisengebieten mit den überdimensionierten Mikros. Wir bestellen Painkiller, einen exzellenten Kokoscocktail, und kommen ins Gespräch. „Seit der Krise 2008“, sagt Casey, „ist das Geldsystem kaputt. Man versucht das zu übertünchen, indem man mehr Dollars druckt. Geld ist ein Produkt, und jetzt gibt es ein Überangebot. Schau, was in der Schweiz passiert. Negativzinsen. Man zahlt dafür, jemandem Geld zu geben. Klar, dass die Menschen in andere Werte flüchten, Häuser oder so. Aber was sollen sie als Währung nutzen?“ Casey schüttelt den Kopf. „Das Kernproblem der Finanzkrise war, dass alles zu stark zusammenhing. Die Zentralisierung. Irrerweise ist jetzt alles noch extremer. Mittlerweile beruht die ganze Weltwirtschaft auf zwei Zentralbanken. Soll das stabil sein? Bitcoin ist die Alternative zu diesem kaputten Geld.“

Der abendliche Cocktailempfang naht. Zusammen mit Luckett und einem Australier laufe ich vom Tropenpub zurück in Bransons Villa. Der Australier führt uns in sein Zimmer. Es kostet 2000 Dollar die Nacht. Ein Billigtarif, normalerweise muss man die ganze Insel mieten für rund 65.000 Dollar am Tag. Für diesen Sparpreis muss sich der Australier das Zimmer mit dem ältlichen Futuristen Marshall Thurber teilen. Vom Balkon aus filmt Casey den Sonnenuntergang. „Diese Zeit ist so aufregend“, sagt er. „Stell dir vor, du könntest die Geburt des Internets miterleben. Ungefähr so groß ist das hier.“

Obwohl die ersten Gäste schon am gestrigen Tag angereist sind, hat die Zusammenkunft auf Bransons Insel eigentlich erst am heutigen Morgen mit einer Session begonnen. Niemandem war das genaue Programm wirklich klar. Wir gehen rüber in den großen Saal, Sundowner trinken. Casey lässt sich in ein Sofa fallen neben einen dicklichen Kahlkopf im weinroten Poloshirt. Der erzählt grade, wie er einst die Verfassung von Peru schrieb. Es ist Hernando de Soto. Sein Geschäft ist es, Regierungen zu beraten. Wenn de Soto eine Frage zu Russland habe, so hat Casey ihn mir vorgestellt, dann rufe „Hernando“ Putin an – und der hebe den Hörer ab. Bill Clinton hat de Soto einmal als „den größten lebenden Ökonomen“ bezeichnet. Damit Hernando rechtzeitig zum Treffen kommen konnte, hat ihm der Premier der Virgin Islands persönlich ein Visum zugefaxt. De Soto hat furchterregend kräftige, haarige Arme, die er wie Krebszangen bewegt.

Am Morgen hat der Peruaner die Teilnehmer mit flammenden Worten auf ihre Mission vorbereitet: den Kapitalismus zum Leben zu erwecken. Denn dieser existiere noch gar nicht richtig.

Armut, so die Theorie, die de Soto weltweit bekannt gemacht hat, sei nicht Ausbeutung, sondern Ausschluss – also dass Menschen nicht am Kapitalismus teilnehmen können, weil sie nichts zu handeln haben. Wie jene Slumbewohner, die eine Hütte bauen, die ihnen aber nicht gehöre, weil sie die Hütte nirgends registrieren können. Hätten sie ein offizielles Papier dafür, einen verbrieften Eigentumsanspruch, dann wäre die Hütte etwas wert. Weil man sie verkaufen könne. Was man also brauche, um die Menschen aus der Armut zu holen, sei die Kopplung ihrer Wertgegenstände an ihre Person: Eigentumsrechte.

Das sei in den meisten Ländern fast unmöglich. Hernando de Soto klappte eine Papierkette auf: drei Dutzend Anträge, die in Peru notwendig sind zur Registrierung einer Firma. Eine physische Block Chain nannte er sie, deren Bearbeitung Hunderte von Tagen erfordere. Würden solche Zustände behoben, die Armut in der Welt wäre beendet, und der Kapitalismus würde erblühen. Die Teilnehmer waren begeistert.

Neben de Soto sitzt der stille Brian Forde, bis vor kurzem im Weißen Haus Technologieberater Obamas. Jetzt baut er für das elitäre Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Zentrum für Digitalwährungen auf und reist um die Welt, um Regierungen und Firmen dafür zu gewinnen, die Block Chain auszuprobieren.

Hunderte kreischender Flamingos empfangen uns bei der Dinnerparty. Ein Feuer brennt, Köche stehen am Buffet, eine lange weiße Tafel ist aufgebaut. Bis auf die Angestellten hat sich fast niemand an die Kleiderordnung „Evening in White“ gehalten. Die meisten sind in Shorts gekommen. Anzüge sind ein zu enger zivilisatorischer Mantel für diese Leute. Plötzlich taucht im Meer hinter dem Buffet eine Haiflosse auf. Einer der Gäste wirft kichernd einen Hühnchenschlegel ins Wasser. „Save Water, Drink Champagne“, steht auf seinem Shirt.

Ich sitze gegenüber von Paul Brody, einem schlanken Manager aus San Francisco mit kurzem meliertem Haar. Gut gelaunt erzählt er in quäkendem Westküstenakzent, wie er morgens um sieben von Branson vom Tennisplatz gefegt wurde. „Beeindruckend für seine 65!“ Brody probiert sich gerade durch alle Personal Trainer der Insel. Morgen Gewichtheben, „alles inklusive“. Ich frage, wie viel er gezahlt habe, um hierherzukommen. „Hm“, rechnet er, „das zahlt die Firma. Mein Satz, das wären für drei Tage 36.000 plus Anflug plus Übernachtungen hier auf der Insel, 8000...die Teilnahmegebühr. Rund 50.000.“

Brody ist ein kleiner Star im Silicon Valley. Sein Ehemann hat den Verkauf von Instagram an Facebook verhandelt. Bei IBM hatte Brody 6000 Leute unter sich. Jetzt ist er „America’s Strategy Leader“ für die Beratungsfirma Ernst & Young. Irgendwie kommen wir aufs Fahrradfahren. „Ich liebe es! Ich bin viel Fahrrad gefahren“, erzählt Brody, „bis mich jemand umfuhr. Ich hab mir geschworen, so lange nicht aufs Fahrrad zu steigen, bis es nur noch selbstfahrende Autos gibt.“ Unser Tischnachbar nickt begeistert: „Menschen sind zu fehlerhaft. Wir müssen sie aus der Gleichung nehmen.“

Neben Brody sitzt Jeff Garzik, ein Bitcoin-Chefentwickler. Er versucht derzeit Investoren zu finden, um Minisatelliten in den Orbit zu schießen für ein eigenes Bitcoin-Netz. „Kein Staat der Welt könnte Bitcoin mehr kontrollieren“, sagt er. Später stoße ich auf eine Gruppe, die in einem Sofa hängt und eine E-Zigarette mit flüssigem Marihuana kreisen lässt. Es sind Mitarbeiter von Bransons Serviceteam. Einer erzählt, dass tagsüber 120 Leute die Insel am Laufen halten. Er verdiene 1200 Dollar im Monat. Das ist Brodys Stundenlohn.

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr am Frühstücksbuffet: Speck, Eier, Tomaten, Croissants, Gemüsesäfte mit Kale, Grünkohl, zum Entgiften. Fairtrade-Müsliriegel und Champagner mit goldenem Etikett: Sir Richard Branson’s Private Island.

Beim Birchermüsli stehe ich plötzlich vor Richard Branson. „Hi!“, sagt er mit nettem Lächeln. Er hat eine Surfermähne in Löwengold, was gut zu seinem großen Mund mit dem riesigen Gebiss passt, umrahmt von einem dunklen Kinnbart. Branson ist braun gebrannt und trägt ein graues Nike-T-Shirt und eine Badehose. Er schnappt sich einen Fruchtsaft und läuft nach oben. Ich folge ihm zu einer Veranda, auf der ein langer Holztisch steht, an dem mit Sicherheit alle dreißig Leute, die in Bransons Villa übernachten, Platz finden.

Ein Milliardärsleben, zeigt sich da, ist eine Castingshow. Rund um Branson sitzen de Soto, Forde, Casey, Luckett. Jeder versucht ihm in wenigen Sätzen ein Vorhaben schmackhaft zu machen. „Elevator Pitch“ nennt man das, wenn man dem Investor seines Lebens in den 90 Sekunden, die man zufällig mit ihm im gleichen Aufzug verbringt, einen Plan für ein gemeinsames Business anbietet. Branson, geschätzte fünf Milliarden Dollar schwer und bekannt für die wildesten Firmenkonzepte, ist eine Riesenchance. Ein Liftbauer schlug ihm einst vor, eigens für die Elevator-Pitches einen Aufzug auf der Insel zu installieren.

Branson hört ruhig zu, löffelt Müsli und nippt am Kaffee. Manchmal fragt er nach, mit sanfter Stimme. Sein markantes Stottern hat er gut im Griff. Als er etwas holen will, wird er alle zwei Meter aufgehalten. Er soll sich Ideen anhören oder für gemeinsame Bilder posieren, die dann sofort online gepostet werden. Was den Marktwert derer steigert, die mit ihm auf dem Foto sind.

Gegen zehn wird endlich gezeigt, worum es hier geht. Die 35 Anwesenden, darunter fünf Frauen und ein Schwarzer, sammeln sich um den Flatscreen im großen Saal. Manche haben kurze Präsentationen vorbereitet. Brody, der Starmanager, erklärt, dass in naher Zukunft fast alle Gegenstände online gehen. „Jeder Toaster wird einen Chip in sich tragen wie diesen hier“, sagt er und hält sein Ladegerät hoch. „Der Chip hier drin hat mehr Rechnerleistung als das erste iPhone“, quäkt er fröhlich. „Das Gerät ist netzfähig. Und was passiert mit Sachen, die online sind? Wir erfassen ihre Nutzung, messen ihre Auslastung – und versuchen die zu steigern. Wie unsere Fitness, dank Fitbit-Armbändern, die unsere Schritte zählen. Wie Wohnungen, die wir auf Airbnb untervermieten, wenn wir weg sind. Wie Autos, die man mieten kann, während sie ungenutzt rumstehen.“

Überall seien ungenutzte Potenziale. Gäbe es nun eine Methode, um diese Potenziale zu registrieren und mit ihnen zu handeln, würde sich „ein gewaltiger, ein unglaublicher Markt“ ergeben. Die Block Chain sei genau das geeignete Tool zur Verwaltung eines „Internets der Werte“, in dem „alles“ handelbar werde. Hernando de Soto strahlt.

Die Block Chain könnte den Kapitalismus ins Netz einziehen lassen. Der ist dort bisher daran gescheitert, dass es spielend leicht ist, alles zu kopieren. Nichts ist knapp. Daher sind digitale Inhalte wie Musik, Bilder, Texte fast immer kostenlos oder müssen extrem gesichert werden. Durch die umfassende Kontoführung über Datenverläufe mittels Block Chain könnte künftig die Kopierbarkeit beispielsweise eines Songs komplett eliminiert werden. Denn es würde nachweisbar, wer wann welche digitale Kopie bei sich hat. Ein digitales Magazin wäre ein Einzelstück – wie eine gedruckte Ausgabe. Man könnte es kaufen und verkaufen wie einen physischen Gegenstand.

Ein langhaariger Informatiker namens Patrick Deegan zeigt die Umsetzung solcher Ideen. Er hat mittels Block Chain digitale Pässe erstellt, um Eigentum auf Personen zu registrieren. Deegan erzählt von „Smart Contracts“, digitalen Verträgen, die sich automatisch ausführen. Wie Leasing-Autos, die gar nicht erst anspringen, wenn man die Rate nicht gezahlt hat. Alles Verwaltungspersonal, das man bisher dafür brauchte, würde unnötig. Deegan ist optimistisch. Die Block Chain, scheint es, ist ein Instrument zur Automatisierung der Bürokratie. Sie könnte die Arbeit von Millionen Angestellten ersetzen. Ein Moonshot.

All das diene dem Guten. Ein Redner beruft sich auf den Architekturvisionär Buckminster Fuller, der für die spirituellen Wurzeln des Silicon Valley steht. Er verteilt Fullers Bibel „Raumschiff Erde“, erzählt, wie er von „Bucky“ in dessen letzten Tagen einen großen Auftrag erhalten habe – und präsentiert ein Ratingsystem, bei dem Menschen laufend bewertet werden. Wie beim Taxiservice Uber, bei dem Kunden die Chauffeure bewerten und Chauffeure die Kunden – aber für das ganze Leben, für alle sichtbar. Am Ende zeigt der Rolls-Royce-Abfackler Oliver Luckett noch, dass die Entwicklung von Internet und Block Chain zutiefst natürlich sei: Auch die Natur sei ja in Netzwerken organisiert. Als Beleg zeigt er Aufnahmen von Pilzgeflechten, daneben Visualisierungen von Social-Media-Netzwerken. Der Applaus ist frenetisch.

In einer kurzen Pause versammeln sich die Teilnehmer für ein 3D-Gruppenbild. Als die Drohne auf uns zuschießt, reißen alle die Arme hoch und jubeln der Maschine zu.

Die Stimmung beim Lunch ist euphorisch. Das Mittagessen wird im unteren Pool gereicht. Ich sinke ins Wasser, ein Mädchen schiebt ein kleines Boot mit Getränken heran. „Sake-Cocktail?“ Dann kommt ein blütengeschmücktes Kajak voller Sushis. Der französische Sternekoch serviert in Badehose. An der palmblattbedeckten Poolbar läuft Elektropop von Ratatat: „Cream on Chrome“. Über den Pool ist ein Balancierseil gespannt. Der sehnige Hongkonger Investor und Summit-Mitorganisator Bill Tai versucht es als Erster, fällt nach zwei Schritten. Dann fixiert Will O’Brien, ein 33-Jähriger aus Palo Alto, das Ziel am anderen Ufer. Ein paar Leute klatschen, johlen. Er nimmt Anlauf, rennt zwei, drei Schritte, das Seil schwingt, er rutscht, liegt quer in der Luft und fällt mit der Brust auf das Seil. Als er auf dem Wasser aufklatscht, spritzt es bis an mein Sushiboot. Einen Moment sind alle still, dann taucht O’Brien wieder auf. Er versucht es gleich noch mal.

Bei einem Kokossaft an der Bar rede ich mit einem Investmentbanker, die blonden Locken zurückgegelt. Er ist richtig high. „Fantastisch, Mann! Mein Business ist vor allem, Geld aus China rauszuschaffen. Saukompliziert, lauter Vorschriften, Transparenz und Limits. Ganz viel Kontrollaufwand…Ich sehe riesige Effizienzsteigerungen.“ – „Und wie?“ – „Wenn bald alles via Block Chain geht…Ich könnte mein halbes Team entlassen“, strahlt er, „Juristen, Notare, Banker, die machen nur das, was die Block Chain jetzt automatisch kann.“ Dann lenkt ihn eine Frau im engen schwarzen Kleid mit einem riesigen Schlapphut ab. Die Partygäste für später sind also eingetroffen.

Ich schnappe mir ein Sushiröllchen. Exzellent, der frische Fisch, der von weit her eingeflogen worden sein muss, da an diesem Ende der Welt die Fische wegen eines seltsamen Algengiftes ungenießbar sind. Neben mir planscht ein dunkelhaariger Mittdreißiger, der mit Bitcoins dealt und zwischen London und Frankreich pendelt. Seine Augen leuchten: „Große Teile des Staates machen nichts anderes, als Werte zu verwalten und Verträge auszuführen. Nicht nur die Zentralbank, auch Passbüros, Meldeämter, Grundbuchämter für Immobilien. All das wird unnötig.“ Verschwörerisch raunt er mir zu: „C’est une révolution.“

Wir steigen aus dem Pool, und vor mir steht ein dünner junger Araber, das Bärtchen mehr Flaum als Bart. „Salaam“, sagt er mit einem wohlwollenden Lächeln. „Der ist aus den Emiraten“, klärt mich mein neuer Freund auf, während wir zum Strand laufen. „Könnte der erste große Block-Chain-Investor aus dem arabischen Raum werden. Vielleicht ist er reicher als Branson. Auf jeden Fall hat Branson ihm verboten, seine Leibwächter auf die Insel mitzubringen.“

Am Strand greife ich mir einen Schnorchel. Unter Wasser schwimme ich am Meeresgrund an einem kugelartigen Wesen vorbei, einen halben Meter groß, und es pulsiert. Überall sind hier komische große Fische.

Gleich beginnt das „Final Dinner“. Es ist etwa sieben, und ich warte auf Tina Hui. Sie betreibt einen Social-Media-Kanal über Bitcoin. Laufend postet sie Updates, sogar während des Schminkens. „Ich darf nie schlecht aussehen“, sagt sie, „bin ja ständig online.“ Die junge Asiatin ist eine der Frauen, die nachträglich auf die Gästeliste kamen, nachdem die Veranstalter dafür kritisiert wurden, dass sie nur Männer eingeladen hatten. Darunter eine Astrophysikerin, die für Bransons Raketenbusiness tätig ist, eine Starjuristin sowie Elizabeth Rossiello, die ein Bitcoin-Sozialprojekt verfolgt. In Afrika. So was ist super für den Ruf von Bitcoin, das niemals von der breiten Masse verwendet werden wird, solange es als Geld für Internetgangster gilt. Daher hatte am Morgen auch ein unauffälliger Herr mit strengem Seitenscheitel und apricotfarbenem Leinenhemd, der früher für das US-amerikanische Justizministerium arbeitete, eine Kooperation mit „staatlichen Stellen“ vorgeschlagen. Einen strategischen Waffenstillstand, sozusagen.

Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es ins Tropenpub. Das Essen hat der Koch in marokkanischem Stil zubereitet, vielleicht zu Ehren des jungen Scheichs. Die Tafel ist U-förmig. Mittlerweile sind etwa siebzig Gäste auf der Insel. Ich sehe Brock Pierce und Michael Zeldin und einige Damen in Kleidern. Fackeln stecken im Sandboden. Neuseeländischer Rosé wird eingeschenkt. Mir gegenüber sitzt Ted Rogers, der aussieht wie der Kapitän eines Ruderteams. Rogers ist Präsident der Hochsicherheits-Bitcoin-Bank Xapo, in die gerade Larry Summers eingestiegen ist, nachdem er nicht Präsident der US-Zentralbank wurde. Bitcoin-Unternehmen müssten runter von den Pirateninseln, sagt Rogers, und rein in saubere Länder. Einer der Xapo-Firmensitze sei in der Schweiz. „Die Schweiz könnte das Zuhause von Bitcoin werden“, die Kultur der Privatsphäre und der staatlichen Zurückhaltung erscheine ihm optimal. Und mit den Gesetzgebern könne man reden. Gerade beginnt er zu erklären, dass in der Stadt Zug eine wichtige Bitcoin-Community sitze, da taucht Branson wieder auf.

Der Tennisplatz wird erfüllt von Celloklängen, die Gäste liegen im Halbrund auf Kissen, Branson thront auf einem Sofa, zu seiner Linken der Scheich. Die Cellistin Zoë Keating verlässt die Bühne. De Soto steht auf, nun folgt sein Auftritt.

Einen kurzen Moment ist Branson allein. „Sir“, sage ich zu ihm, er beugt sich nach vorne, „Sie haben doch damals die Sex Pistols auf Platte rausgebracht.“ Er nickt, fletscht die Zähne zu einem Lächeln. Mit einem Boot war er am Geburtstag der Queen auf die Themse gefahren, von wo aus die Punks sich über die Königin lustig machten. Natürlich kam die Polizei. Der Skandal brachte die Single in die Charts und Branson eine Menge Geld.

Es gibt zwei Sorten Milliardäre. Die einen verdienen am System. Branson verdient an dessen Umsturz.
„Geht es eigentlich immer noch um dasselbe wie damals?“, frage ich. „Gegen Staat und Banken?“ Sir Richard grinst mich an. Er hebt seine Hand zum High five und schlägt ein. „Sicher, Mann. You got it.“
„Kapital!“, ruft de Soto. Er ballt die Faust, sein Blick kontrolliert die Runde, „das kommt vom Kopf des römischen Kaisers auf der Münze, von ‚Caput‘, Kopf.“ Seine Stimme ist fest, sogar die Cellistin hört zu. „Dieser Kopf, das ist die Kraft“, Hernando de Soto hebt die Faust. „Und der Kopf seid ihr.“
Branson schaut wie ein Junge, der zum ersten Mal sein selbst gebautes Modellflugzeug aufsteigen sieht. De Soto zeigt mit dem Finger auf die Zuschauer.
„Ihr seid dabei, ein neues Kapital zu erschaffen.“
Kurz ist es still.
„Yes!“, sagt Branson von seinem Diwan aus. „Yes!“, und er beginnt zu klatschen, und dann fallen die anderen ein, und der Applaus erfüllt die Insel.
Die abschließende Beach Party war ein Flop.

Richard Branson
Der Brite gründete 1970 die Virgin Group, die Musiklabel, Airlines, Reisefirmen und vieles mehr umfasst. Um den Erfolg des schillernden Selfmade-Milliardärs zu würdigen, schlug Die Queen ihn 1999 zum Ritter, er darf den Titel „Sir“ tragen.

Der Text ist zuerst im „Magazin“ erschienen, das dem schweizerischen „Tages-Anzeiger“ beiliegt