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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Die Stimme erheben

Sieben Geschichten von Menschen,  die es wagten, laut vom Frieden zu träumen, und damit Veränderungen anstießen

BARBARA (1930–1997)
Jahrhundertelang waren die „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich immer wieder in Kriege verstrickt. Ein Chanson über Göttingen trug dazu bei, dass sie sich einander annäherten

In Deutschland singen? Non! Brüsk weist Barbara Anfang 1964 in Paris den Vorschlag von Hans-Gunther Klein zurück, in seinem Jungen Theater Göttingen aufzutreten. Die Sängerin Monique Andrée Serf, so ihr Geburtsname, stammt aus einer jüdisch-russischen Familie, musste 1940 als Zehnjährige mit Eltern und Geschwistern aus dem besetzten Paris fliehen und sich vier Jahre lang vor den Nazis verstecken. Klein aber lässt trotz der Abfuhr nicht locker, und so ändert Barbara ihre Meinung und reist im Juli 1964 in die niedersächsische Universitätsstadt. Der Auftritt wird ein so großer Erfolg, dass Barbara einwilligt, einige Zusatzkonzerte zu geben. Am letzten Tag schreibt sie im Garten des Theaters das Lied „Göttingen“, das sie abends zu einer noch unfertigen Melodie vorträgt:

Gewiss, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nur so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.


„Göttingen“ wird Barbaras erster großer Hit in Frankreich. Und sie, die nie nach Deutschland wollte, singt es 1967 in der ausverkauften Göttinger Stadthalle sogar auf Deutsch und bekommt minutenlangen Applaus. 1988 verleiht ihr die Stadt eine Ehrenmedaille, Deutschland ehrt sie sogar mit dem Bundesverdienstkreuz. In Frankreich gehört das Chanson heute zum Programm der Vor- und Grundschulen. Am 22. Januar 2003 zitiert Gerhard Schröder daraus in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages in Versailles:

Was ich nun sage, das klingt freilich
für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
in Paris, wie in Göttingen.


Lasst diese Zeit nie wiederkehren
und nie mehr Hass die Welt zerstören:
Es wohnen Menschen, die ich liebe,
in Göttingen, in Göttingen.


Barbara hat das nicht mehr erlebt. Sie starb 1997. Jedes Jahr lässt die Stadt Göttingen Blumen auf ihr Grab legen. Rosen, die sie in ihrem Lied besungen hat.


Die Waffen nieder – das wäre Christentum
Max Daetwyler

MAX DAETWYLER (1886-1976)
Er war Christ, Pazifist und in den Augen vieler Zeitgenossen nicht ganz dicht. Mit einer Botschaft und einer weißen Fahne reiste er um die Welt

„Als Soldat bin ich ein Teil des Krieges. Keine Soldaten, kein Krieg.“ Mit dieser simplen Begründung verweigert Max Daetwyler 1914 bei der vorsorglichen Mobilmachung der Schweiz den Dienst an der Waffe. Statt ihn vor ein Militärgericht zu stellen, spricht man ihm die Zurechnungsfähigkeit ab und steckt ihn – nicht zum letzten Mal – in eine psychiatrische Anstalt. Doch seine Überzeugung, sein Glaube werde wie einst der von Jeanne d’Arc Berge versetzen, wächst. Kurz nach seiner Entlassung gründet er die „Friedensarmee“. Da Daetwyler und die traditionelle Friedensbewegung wenig miteinander anfangen können, bleibt sie ein Ein-Mann-Unternehmen. Obwohl er nicht den Klassenkampf, sondern die Versöhnung predigt, erhellt sein weißes Fähnchen stets den roten Fahnenwald bei den Maidemonstrationen in Zürich. Im November 1917 überreden er und einige Mitstreiter die Arbeiter zweier Munitionsfabriken zum Streik. Bei Regierungsvertretern stößt er dagegen bei all seinen „Wallfahrten“ um die Welt auf wenig Gehör. Weder Hitler noch Chruschtschow oder Kennedy wollen ihn empfangen. Trotzdem wird der „Friedensapostel“ in der Schweiz zur Ikone.


Ich habe es versucht.
Abi Nathan

ABIE NATHAN (1928 – 2008)
Um die Versöhnung mit den Arabern anzustoßen, gab der Israeli ein Vermögen aus und landete mehrmals im Gefängnis

Frieden im Nahen Osten ist möglich, davon ist Abie Nathan überzeugt. Der Aktivist kauft ein Schiff und lässt es zu einem Piratensender ausbauen. Zwischen 1973 und 1993 funkt „The Voice of Peace“ von „irgendwo im Mittelmeer“ Friedensbotschaften in die Krisenregion und erreicht bis zu 23 Millionen Menschen. „Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“ – diesem Motto Gandhis folgt der ehemalige Kampfpilot, wenn er in Katastrophengebiete reist, um notleidenden Menschen zu helfen. Wenn er mit Hungerstreiks gegen israelische Siedlungen im Westjordanland protestiert. Wenn er 1966 – trotz Verbots für Israelis – mit einer kleinen Propellermaschine nach Port Said in Ägypten fliegt oder für sein Händeschütteln mit Palästinenserführer Jassir Arafat im Gefängnis landet. Nur drei Jahre später werden die Politiker Schimon Peres, Jitzchak Rabin und Jassir Arafat für ihre Verhandlungen den Friedensnobelpreis bekommen. Auf dem Grabstein des Pioniers der israelischen Friedensbewegung steht: „Nissiti“. Das hebräische Wort für „Ich habe es versucht.“


KLARA MARIE FASSBINDER (1890 – 1974) 
In den 50er-Jahren gingen Hunderttausende gegen die Wiedergewaffnung Deutschlands auf die Straße. Vorneweg eine Frau

„Die Christin mit der Marxistin, die Wissenschaftlerin mit der Arbeiterin“ will Klara Maria Faßbinder für den Frieden einen. 1952 gründet sie die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung. Während der Eiserne Vorhang Ost und West teilt, organisieren die Aktivistinnen Kongresse zur Völkerverständigung, demonstrieren gegen die Bewaffnung der BRD und für die Wiedervereinigung. Immer vorneweg marschiert das „Friedensklärchen“. Ursprünglich glühende Anhängerin der Monarchie und Gegnerin des Frauenwahlrechts, haben zwei Weltkriege aus ihr eine Kämpferin für Versöhnung und Verständigung gemacht. Das bringt der Katholikin nicht nur Bewunderung ein. Wegen ihrer „Kommunistennähe“ wird sie als Professorin für Geschichtspädagogik beurlaubt, ihr Gang in die Politik scheitert.


DER UNBEKANNTE VOM TIAN'ANMEN–PLATZ
Man hat nie erfahren, wer er war und was aus ihm wurde. Doch das Bild des „Tank Man“ ging um die Welt – als ein Symbol des Widerstands gegen brutale Militärgewalt

Es ist der 5. Juni 1989. In den Tagen zuvor hat das chinesische Militär den Studentenprotest auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen, rund 2600 Menschen sind gestorben. Gerade haben Soldaten die benachbarte Chang’an Avenue freigeschossen, nun biegt eine Panzerkolonne auf die Straße. Plötzlich läuft ein Mann davor und stellt sich ihr in den Weg. Als der vorderste Panzer um ihn herumfahren will, schneidet er ihm den Weg ab. Er klettert hinauf, versucht mit dem Fahrer zu reden. Nichts passiert, kein Schuss fällt. Schließlich wird er festgenommen.
Video im Netz: bit.ly/gpm1501


DIE SINGENDE REVOLUTION
Wer in der Sowjetdiktatur baltische Nationalhymnen sang, dem drohte das Straflager. Millionen Menschen ließen sich trotzdem nicht mundtot machen

In Estland, Lettland und Litauen versammeln sich während der Perestroika Hunderttausende auf öffentlichen Plätzen und erheben für die Unabhängigkeit ihrer Länder die Stimme. Sie singen Dainas, traditionelle Volkslieder, deren Texte von ihrer nationalen Vergangenheit zeugen. Am 23. August 1989, fünfzig Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, bilden mehr als eine Million Menschen eine 600 Kilometer lange Kette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius und singen dreisprachig „Das Baltikum wacht auf“. Die friedliche Bewegung geht als „Singende Revolution“ in die Geschichte ein.


HENRY DUNANT (1828–1910)
Schockiert vom Anblick eines Schlachtfeldes, setzt sich der Schweizer für eine humane Verwundetenhilfe ein – die Geburtsstunde des Roten Kreuzes

Am 24. Juni 1859 bietet sich dem Genfer Geschäftsmann Henry Dunant ein Bild des Grauens: Auf einem Feld in der Nähe des Dorfes Solferino liegen rund 30.000 Tote und Verwundete – die Opfer der entscheidenden Schlacht des italienischen Unabhängigkeitskrieges. Vom Elend der zurückgelassenen Soldaten bewegt, organisiert der Calvinist Dunant kurzentschlossen die Verarztung der Überlebenden. Zurück in der Schweiz setzt er sich für ein internationales Abkommen über die medizinische Versorgung in Kriegsgebieten ein. Die Idee stößt auf positive Resonanz: 1864 unterschreiben zwölf europäische Staaten die erste Genfer Konvention und bereiten damit der internationalen Rotkreuzbewegung den Weg.