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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Die tun was – 2.15

Text: Vito Avantario

Einst war er Manager bei Vattenfall, heute betreibt Justus Schütze mit seiner Firma „Buzzn“ ein alternatives Stromunternehmen, das private Produzenten mit lokalen Abnehmern zusammenbringt

Der innere Konflikt, der jahrelang in ihm schwelte, brach an einem Tag im Jahr 2007 auf, als Justus Schütze sich in Warschau aufhielt, um für seinen damaligen Arbeitgeber eine Handelsgesellschaft zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Volkswirt bereits eine Karriere als Investmentbanker hinter sich. Später wurde er Geschäftsführer von Vattenfall Trading Services Poland, einer Tochter des Energiekonzerns, für die er jahrelang um die Welt flog, um einen Haufen Geld für den Konzern einzuspielen und dabei einen riesigen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen.

„Den Höhepunkt meines verlogenen Schaffens erlebte ich dann während eines Kongresses, bei dem ich für Vattenfall auf dem Podium saß, um für die ungefährliche Verpressung von CO2 in die Erde zu werben“, erinnert sich Schütze. Es sei fürchterlich gewesen. An die Lügen, die er damals erzählte, habe er tatsächlich geglaubt. Doch irgendwann konnte er die innere Stimme, die ihn quälte, nicht mehr überhören.

An jenem Tag in Warschau ließ er sein altes Leben vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Schütze stammt aus einem Ökohaushalt – andere Schulkinder gingen in den Fußballverein, Justus wurde Mitglied der BUND-Jugend und setzte sich für den Naturschutz ein. Er sagt: „Die Logik, in die ich mich über Jahre verstrickt hatte und in der sich alles ums Geld drehte, hatte mich von mir und meinen Wurzeln entfremdet.“

Zurück in Deutschland kündigte er bei Vattenfall, zog wieder ins heimatliche Wolfratshausen bei München, kaufte seiner Familie ein Haus und begann mit einem Blockheizkraftwerk und einer Solaranlage Strom herzustellen – mehr, als er selbst verbrauchte. Das war die Initialzündung für Buzzn.

„Buzz“ bedeutet im Englischen soviel wie summen oder brummen. Mit zwei Partnern gründete Schütze im Jahr 2010 ein Unternehmen, dessen Idee als Illustration die Rückseite seiner Visitenkarte ziert: Private Stromproduzenten, die Elektrizität aus allen Arten erneuerbarer Energiequellen gewinnen, melden sich bei Buzzn an und speisen ihren Strom ins öffentliche Netz ein. Über eine auf der Firmenwebpage veröffentlichte Karte können Konsumenten lokale Knotenpunkte wählen und den regional produzierten Strom beziehen. 500 Einspeiseknotenpunkte bietet Buzzn derzeit bundesweit. 1500 Menschen haben sich bisher dem Netz angeschlossen, dessen Slogan („People power“) bewusst an John Lennons Protestsong „Power to the people“ angelehnt ist.

Angebot und Nachfrage regelt Buzzn, indem es nur so viele Stromnehmer aufnimmt, wie Stromgeber sie bedienen können. Dabei achtet Buzzn darauf, dass Produzenten und Konsumenten nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, um so wenig wie möglich landschaftsverbrauchende Stromtrassen zu nutzen. Setzt sich Schützes Idee der dezentralen Stromversorgung bundesweit durch, werden Energiekonzerne überflüssig. Der Grundpreis von Buzzn liegt bei derzeit acht Euro pro Monat. Die Kilowattstunde kostet 26,5 Cent. Somit entspricht der Preis ungefähr dem anderer deutscher Ökostromlieferanten. Im letzten Jahr schrieb Schützes Firma erstmals schwarze Zahlen.

Justus Schütze fährt auf kurzen Strecken Fahrrad, auf längeren ein Elektroauto. Anders als früher fliegt er nicht mit dem Flugzeug um die Welt. Das letzte Mal sei er 2007 in einen Jet gestiegen. Aber nur, weil seine Tante gestorben war. Es ließ sich nicht vermeiden, sagt er.
buzzn.net