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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Die tun was – 3.15

Text: Julia Lauter

Der Exil-Syrer Mohammad und seine Mitstreiter vom „15th Garden“-Netzwerk bauen eine Bewegung für urbane Gärten in Syrien auf. In einem Land, in dem Hunger als Waffe benutzt wird, ist das so notwendig wie gefährlich

Yarmouk, ein Stadtteil im Süden von Damaskus, wird seit 2012 von der Armee des Assad-Regimes belagert. Die Bewohner sind von der Versorgung mit Medikamenten und Nahrungsmitteln abgeschnitten. Die Regierungstruppen hungern sie aus, um sie gefügig zu machen. Augenzeugen berichten, dass im Winter 2013 bis zu 170 Menschen an den Folgen der Unterversorgung gestorben sind und rund 70 Prozent der Kinder an Unterernährung leiden.

„Der Vorschlag, Gärten in Yarmouk anzulegen, stieß bei den Menschen erst auf Unverständnis“, sagt Mohammad vom „15th Garden“-Netzwerk. Doch lange mussten die Aktivisten nicht um Mitstreiter werben: Nachdem die Einwohner bis zu zwölf Stunden auf spärliche Essenspakete der internationalen Hilfswerke warten mussten, schlossen sich viele den Stadtgärtnern an. Heute bestellen über 200 Menschen ihre Felder auf Brachland, in zerstörten Gebäuden oder auf den Dächern Yarmouks, um die Belagerung zu überleben.

„Unser Netzwerk ist aus der Krise geboren: Menschen, die nicht von Hilfsgütern abhängig sein wollen, beraten sich gegenseitig über den oft schwierigen Anbau von Gemüse in urbanen Gebieten“, sagt Mohammad. Der 28-Jährige wurde in Syrien politisch verfolgt und lebt heute in Deutschland. Auch hier erfordert seine Koordinierungsarbeit Vorsicht, um die Gärtner vor Ort nicht zu gefährden: Nicht nur das Assad-Regime, auch Einheiten des IS und andere bewaffnete Gruppen behindern ihre Arbeit in Syrien. Zwei Aktivisten wurden bereits getötet, die Sorge um seine Verbündeten ist Mohammad anzumerken: „In unserem Netzwerk gibt es keine Stelle, an der die Informationen zentral zusammenlaufen. Alle Aktivisten kennen nur den Teil der Gruppe, mit dem sie zusammenarbeiten.“ Jede persönliche Information, die Mohammads Identität preisgibt, könnte zu seinen Mitstreitern vor Ort führen und sie in Gefahr bringen. Deshalb nennen wir hier nicht seinen echten Namen.

Heute gibt es dank des Netzwerks Gärten in allen Teilen von Syrien, in belagerten und umkämpften Städten im Nordwesten des Landes, aber auch im ländlicheren Süden und in Flüchtlingslagern im Libanon. „Besonders wichtig ist der Austausch von Saatgut, das seit dem Beginn der Aufstände in vielen Regionen knapp ist“, sagt Mohammad. Seit einem Jahr arbeiten die Syrer deshalb auch mit den Stadtgärtnern der Prinzessinnengärten in Berlin und anderen Gartenprojekten in Deutschland, der Türkei und Griechenland zusammen. Trotz der schwierigen Situation hat Mohammad Hoffnung auf Frieden in seiner Heimat: „Wir glauben weiter an die Revolution und daran, dass sich die Dinge in unserem Land zum Positiven verändern können.“

In den Gärten von Yarmouk wachsen heute Auberginen, Tomaten, Gurken, Zuchini. Im vergangenen Winter sorgte eine Ernte von rund zehn Tonnen Gemüse dafür, dass viele Bewohner wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag kochen konnten. Mohammad ist stolz auf diesen Erfolg: „Mit unserer Arbeit legen wir den Grundstein für eine unabhängige, nachhaltige Nahrungsmittelversorgung.“ Befürchtungen, dass westliche Saatguthersteller wie im Irak die Krise nutzen, um ihr steriles Saatgut zu verbreiten und damit die lokalen Bauern abhängig zu machen, treiben die Aktivisten zusätzlich an: „Wir klären jetzt schon über diese Gefahr auf, um das in Syrien zu verhindern“, sagt Mohammad. Aus der Ferne arbeitet er für die Zukunft seines Landes, eine Rückkehr bleibt für ihn aber bis auf weiteres ausgeschlossen. „Ich wäre heute schon tot“, sagt er.

ZUR PERSON
Mohammad, 28,
sorgt sich um die Sicherheit der Gärtner in Syrien, die mit ihrem Einsatz das Aushungern der Zivilbevölkerung stoppen wollen. Zum Schutz der Aktivisten vor Ort verzichten wir hier auf weitere Informationen zur Person.