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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Die tun was!

Sieghard Wilm beherbergt in seiner Kirche in Hamburg-St. Pauli 80 Flüchtlinge aus Afrika. Seine humanitäre Geste fordert die Politik und den Kiez heraus

„Bis ein Afrikaner sein Dorf verlässt, muss viel passieren“, sagt Pfarrer Sieghard Wilm, der selbst ein Jahr lang in Ghana lebte. Von dort kommen einige der 300 Flüchtlinge, die vor Monaten von der italienischen Insel Lampedusa aufbrachen, in Hamburg strandeten und hier umherirrten – bis Pastor Wilm an einem nasskalten
Junitag die Pforten seiner St.  Pauli Kirche öffnete.

Seit 80 Afrikaner im Kirchenschiff nächtigen – mehr passen einfach nicht rein – hat der 48-Jährige keine ruhige Minute mehr. „Ich fühlte mich zuerst wie im freien Fall und merkte dann, dass ich getragen werde“, sagt Pfarrer Wilm, überwältigt von der Hilfsbereitschaft seiner Gemeinde. Nachbarn bringen Kuchen, halten Nachtwache, waschen, geben Deutschunterricht. Manche gehen sogar zum ersten Mal in ihrem Leben demonstrieren. Firmen bringen Lebensmittel, spenden Bettzeug und Wärmflaschen. Ständig klingelt das Telefon. Journalisten wollen den mutigen Kirchenmann interviewen, das Thalia-Theater bereitet mit den Flüchtlingen eine Urlesung der Streitschrift „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek in der Kirche vor, Musiker veranstalten Benefizkonzerte und ein Künstler lässt zwei Bilder zugunsten der Afrikaner versteigern. „Die Gäste sind ein Geschenk“, sagt der Pfarrer, „und eine Chance, dass Menschen über sich hinauswachsen“.

Der Kiezpfarrer hat ein Herz für jene, die am Rand der Gesellschaft stehen. Um ihre Würde zu verteidigen, nimmt er in Kauf, angepöbelt zu werden, und legt sich mit den Mächtigen der Stadt an. Bislang sind alle Verhandlungen über ein Bleiberecht mit dem Hamburger Senat gescheitert. Dieser beruft sich auf die Drittstaatenregelung und knüpft jede Unterstützung an die Bedingung, dass die Flüchtlinge freiwillig nach Italien zurückkehren.

Dabei haben die Männer schon eine Odyssee hinter sich: Ursprünglich stammen sie aus Westafrika, lebten aber als Gastarbeiter in Libyen. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, mussten sie wieder fliehen. Wer die Überfahrt nach Europa überlebte, war traumatisiert und wurde auf Lampedusa in Lager eingepfercht. Als diese wegen unmenschlicher Zustände geschlossen wurden, steckten die italienischen Behörden den Flüchtlingen ein paar hundert Euro und ein Touristenvisum für den Schengen-Raum zu und schickten sie weg.

So viel Menschenverachtung macht Pfarrer Wilm fassungslos. „Wir müssen unsere Grundwerte retten, die für alle Menschen gelten, gleich welcher Hautfarbe oder Religion“, sagt er, „sonst bekommen wir ein Europa für wenige Glückliche, und alle anderen müssen draußen bleiben, während wir uns noch auf ihre Kosten bereichern, indem wir ihre Küstengewässer leer fischen und ihre Rohstoffe ausbeuten.“

Welche politische Brisanz in der Öffnung der Kirche steckt, wurde Wilm erst nach und nach klar. In seiner Kirche verdichtet sich die globale Problematik von Armut, Not, Flucht und Krieg. „Europa hat in der Asylpolitik seine Hausaufgaben nicht gemacht. Die angstbestimmte Abwehrpolitik ist gescheitert“, befindet er.

Jetzt sucht Wilm für die Flüchtlinge ein Winterquartier. Dank Stiftungsgeldern und Spenden hat er die Hälfte der Strom- und Mietkosten für beheizbare Container schon beisammen und sogar einen Stellplatz in Aussicht. Dass der Senat noch immer untätig bleibt, findet er beschämend. „Ihr duldet alles, nur uns duldet ihr nicht“, heißt es an einer Stelle in Jelineks Anklage der Schutzbefohlenen. Die Menschen von St.  Pauli sind eine rühmliche Ausnahme.

Text: Andrea Hösch 

stpaulikirche.de