Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Die tun was

Text: Andrea Hösch

Triveni Acharya befreit Minderjährige Zwangsprostituierte. 5000 Mädchen und Frauen hat die indische Menschenrechtsaktivistin seit 1997 aus Bordellen gerettet. Mit ihrer Organisation „Rescue Foundation“ versucht sie, ihnen eine neue Perspektive zu geben

Die Kamera läuft, die Razzia beginnt. Dutzende junge Männer stolpern panisch ins Freie und verschwinden. Triveni Acharya lässt sie laufen, sie sucht nach den Opfern, mit denen sich diese Freier eben noch vergnügt haben. Plötzlich Schreie, Hektik. Ein Mitarbeiter der Rescue Foundation öffnet eine Metallplatte und leuchtet in die Tiefe. In dem Erdloch kauern verängstigte Mädchen. Wenn Triveni Acharya dieses Polizeivideo aus Neu Delhi zeigt, reagieren die Zuschauer erschüttert. Die 49-Jährige konfrontiert sie mit der grausamen Realität: „Das Leben in den Bordellen ist die Hölle. Viele der Mädchen haben jahrelang die Sonne nicht gesehen“, erklärt die Inderin. „Sie werden versklavt, gefoltert und oft 20-mal am Tag vergewaltigt.“

Beim Gedanken an all jene, die tagtäglich rechtlos in „stinkenden Löchern“ ausharren müssen, steigen ihr noch heute Tränen in die Augen. Doch die Witwe – ihr Mann Balkrishna kam 2005 bei einem Unfall ums Leben – hat gelernt, Mitleid in Energie umzuwandeln und ihr Ziel zu verfolgen: das Leid der Mädchen zu beenden und Zuhälter sowie Schlepper hinter Gitter zu bringen. Diese lockten zumeist nepalesische Mädchen mit falschen Versprechen in die Metropolen und verkauften sie dort an Bordellbesitzer. Gewaltsam würden sie eingeschüchtert, mit Wachstumshormonen weiblich gespritzt und mit Drogen gefügig gemacht, sagt Acharya. Allein in Indien würden drei Millionen Frauen zur Prostitution gezwungen, jede Dritte sei unter 18 Jahre alt. Wer dieses Milliardengeschäft stört, lebt gefährlich. Mehrmals hat Acharya Morddrohungen erhalten, doch davon lässt sie sich nicht einschüchtern: „Ich habe keine Angst und vertraue auf Gott“, sagt die Hinduistin, „denn es kommt sowieso alles, wie es kommen soll.“

Szenenwechsel: Heranwachsende tanzen, üben Karate, spielen Volleyball, lachen und lernen. Im Schutzzentrum der auf Spenden angewiesenen Rescue Foundation in Pune bei Mumbai sind zurzeit 500 „Überlebende“ untergebracht, wie sie sich selbst nennen. „Nach der Befreiung fängt die Arbeit eigentlich erst an“, erzählt Acharya. Fast alle sind traumatisiert, viele mit HIV infiziert. Sie brauchen psychologische und medizinische Behandlung. Viele können oder wollen nicht zu ihren Familien zurückkehren, denn in der patriarchalen Gesellschaft Indiens und Nepals werden Prostituierte sozial geächtet. Sie nutzen die Chance, im Zentrum eine Ausbildung zu machen. Tatsächlich haben etliche den Weg zurück ins normale Leben geschafft, sie arbeiten in Krankenhäusern, Hotels oder Fabriken, haben Familie und Kinder.

Die Frau, die den Mädchen das Lächeln zurückgibt, schläft im Schnitt vier Stunden. Um 4.30 Uhr steht sie auf, meditiert, macht Yoga und einen Spaziergang. Danach ist sie für alle da: für Freier, die minderjährige Prostituierte melden, Anwälte, die Klagen gegen Bordellbesitzer einreichen wollen, Undercover-Ermittler, die einen Einsatz vorbereiten, für ihren 14-jährigen Sohn und ihre vielen Töchter, die sie alle „Mami“ nennen.

Obwohl die Inderin täglich mit der frauenfeindlichen Realität in ihrem Land konfrontiert ist, glaubt sie fest an bessere Zeiten: „Die Massenvergewaltigungen lösen eine starke Gegenbewegung aus, die junge Generation hat genug von dem Unrechtssystem“, sagt Acharya. Sie fühlt sich bestärkt, nicht nur durch die vielen internationalen Auszeichnungen für ihr Engagement, sondern auch durch ihre Berufung als Regierungsberaterin, die Einrichtung einer speziell geschulten Polizeieinheit gegen Menschenhandel sowie durch die jüngsten Gerichtsprozesse: Allein in diesem Jahr sind drei Menschenhändler zu bis zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden.

rescuefoundation.net 


ZUR PERSON

Triveni Acharya, 49, arbeitete lange als Journalistin. Ende der 90er-Jahre begegnete ihr bei einer Reportage über das Rotlichtmilieu in Mumbai ein etwa zehnjähriges Mädchen. Auf die Frage, ob seine Mutter Sexarbeiterin sei, antwortete es: „Nein, ich.“ Nach einigen schlaflosen Nächten fing ihr Ehemann an, sich als Freier auszugeben, um minderjährige Zwangsprostituierte ausfindig zu machen und zu retten – die Rescue Foundation war ins Leben gerufen.