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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Die tun was

Text: Andrea Hösch

Michael Stenger ist seiner Zeit voraus: Vor 15 Jahren hat er in München eine Schule für minderjährige Flüchtlinge gegründet. Anfangs wurde der Menschenrechtsaktivist für sein Vorhaben von der Landesregierung niedergemacht, heute bekommt er Auszeichnungen

„Mein Karriereziel habe ich längst erreicht“, sagt Michael Stenger, hält inne und horcht. Von nebenan ertönt klassische Klaviermusik. „Ich könnte wetten“, sagt der 55-Jährige und springt auf, „dass da ein Schüler spielt.“ Vorsichtig linst er ins nächste Klassenzimmer hinein. Tatsächlich fliegen die Hände eines afghanischen Jungen über die Tasten. Stenger, mit seinen 1,91 Metern ein Bär von einem Mann, geht auf den Jungen zu, kniet vor ihm nieder und huldigt dem Talent. „Kannst du auch so schnell schreiben wie spielen?“, fragt er den Künstler. Beide prusten vor Lachen.

„Mein Karriereziel war es“, setzt er noch einmal an, „eine Schule ins Leben zu rufen, in die Lehrer und Schüler gerne gehen. Und das hab’ ich geschafft.“ Für seine Gabe, andere zu motivieren und zu bestärken, hat sich der Pädagoge eine besonders hilfsbedürftige Zielgruppe ausgesucht: unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge zwischen 16 und 21 Jahren. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder Somalia, viele haben auf der oft monatelangen Flucht Schlimmes erlebt und sind traumatisiert.

„Kopf hoch“ heißt die erste Lektion an der im Jahr 2000 gegründeten „Schlau-Schule“ in München, das Kürzel steht für „schulanalogen Unterricht“. Für jugendliche Flüchtlinge ist sie die einzige Bildungschance, denn für staatliche Schulen sind sie schon zu alt. „Sobald die Schüler Vertrauen fassen, geht alles von ganz allein“, sagt Stenger. Er ist selbst immer wieder erstaunt, was die Flüchtlingskinder – viele von ihnen sind Analphabeten und wohnen in überfüllten Lagern – alles schaffen: In zwei oder drei Jahren lernen sie fließend Deutsch und saugen so viel Stoff in sich auf, dass sie die Hauptschulprüfung machen können. Fast alle bestehen. Das Erfolgsrezept der Schlau-Schule sind kleine Klassen. Engagierte und speziell fortgebildete Lehrer und Sozialpädagogen helfen ihren Schützlingen, Probleme und Krisen zu bewältigen. Ein kurdischer Junge aus dem Nordirak etwa erhielt täglich Drohanrufe von seinem Vater. Wenn er kein Geld schicke, schlage er die Mutter. Als die Lehrer davon Wind bekamen, besorgten sie dem Jungen zu seinem eigenen Schutz eine neue Handynummer. Sie sprachen ihm Mut zu und unterstützten ihn ganz besonders bei seinem Endspurt: Drei Monate später hatte er den Hauptschulabschluss in der Tasche.

„Die müssen wissen, dass wir auf ihrer Seite stehen, auch wenn es eng wird“, sagt Stenger. Besonders eng war es, als zum ersten und bisher einzigen Mal eine Schülerin abgeschoben werden sollte. Der Schulleiter setzte alle Hebel in Bewegung, schaltete Presse, Politik und Prominenz ein, um das Mädchen aus Togo vor der Abschiebung zu bewahren. „Wir haben sie in letzter Minute aus dem Flieger geholt. Zur Not hätte ich mich ans Fahrgestell gefesselt.“ Da blitzt sie durch, die Radikalität, die man braucht, wenn man die Welt verändern und ein bisschen gerechter machen will.

Die staatlich anerkannte Privatschule finanziert sich durch öffentliche Mittel, Spenden, Stiftungen und Sponsoren. 300 Schüler besuchen sie derzeit. Zusätzlich kümmert sich das 40-köpfige Kollegium um die Nachbetreuung von 75 Ehemaligen, die eine Ausbildung machen oder eine weiterführende Schule besuchen. Manche schaffen sogar das Abitur. „Wir müssen den Flüchtlingskindern nur eine Chance geben. Sie nutzen sie.“ Diese Botschaft will Michael Stenger im ganzen Land verbreiten. Im vergangenen Jahr hat er die Schulleitung abgegeben, um sich ganz der politischen Lobbyarbeit für Flüchtlinge zu widmen. Der Motivationskünstler wünscht sich, dass sein Modellprojekt auch in anderen Großstädten Schule macht. Bedarf gibt es überall.
schlau-schule.de


ZUR PERSON
Michael Stenger, 55, geboren im Spessart, wollte eigentlich Musiker werden. Er studierte 26 Semester lang vor allem Sprachen und bereiste viele Länder. Zurück in Deutschland engagierte er sich beim Bayerischen Fluüchtlingsrat, bei Pro Asyl und unterrichtete „Deutsch als Fremdsprache“. 2009 ehrte ihn die gemeinnützige Organisation Ashoka als sozialen Unternehmer. Zwei Jahre später verlieh die Bundesregierung dem Schulgründer die Integrationsmedaille. Und 2014 gewann die Schlau-Schule beim Deutschen Schulpreis den Preis der Jury.