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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.14

Ein Clan im Widerstand

Text: Andrea Hösch

Zwei Monate saß der Greenpeacer Dima Litwinow in Russland im Knast, weil er die Arktis schützen wollte. In seiner Familie hat Protest gegen Unrecht und Unfreiheit Tradition. Seine Geschichte liest sich wie ein Abenteuerroman

Als Dima Litwinow anfing zu krabbeln, stand die Welt am Abgrund. Die Kubakrise hatte den Kalten Krieg zugespitzt, ein atomarer Schlagabtausch schien unausweichlich. Erst im letzten Moment gelang es den USA und der Sowjetunion, die Gefahr abzuwenden. Welch entscheidende Rolle beide Supermächte in seinem Leben spielen würden, war für den sechs Monate alten Jungen in diesen Oktobertagen des Jahres 1962 nicht abzusehen. Dennoch war der Werdegang des Kleinen schon besiegelt, noch bevor er in der elterlichen Wohnung in Moskau die ersten selbstständigen Schritte wagen sollte: „Dass ich ein angepasster Duckmäuser werden würde, war ausgeschlossen“, sagt der Mann mit den lachenden Augen hinter der Nickelbrille. „Ich habe Ungehorsam im Blut, und das ist auch gut so.“

Die Unerschrockenheit liegt in der Familie. Schon Dimas Vater, Groß- und Urgroßvater lehnten sich gegen Willkürherrschaft und Unterdrückung auf. Sie alle wurden eingekerkert, verbannt und ins Exil gezwungen. Er selbst hat das auch erlebt, nur in anderer Reihenfolge: Als Sechsjährigen schickte ihn die Breschnew-Regierung mit seinen Eltern nach Sibirien, als er elf war, emigrierte seine Familie nach New York, und später machte er mehrmals mit dem russischen Knast Bekanntschaft.

Seine Vorväter kämpften gegen das totalitäre Sowjetregime, Dima wehrt sich gegen die Zerstörung der Arktis und den Klimawandel. Als Campaigner von Greenpeace Schweden will er verhindern, dass in der Polarregion Öl gefördert wird. Deshalb saß Dima Ende letzten Jahres nach einer Protestaktion an der Gazprom-Plattform Priraz lomnaya als einer der „Arctic 30“ in Russland im Gefängnis. Unter Gorbatschow und Jelzin musste er nach Greenpeace-Protesten gegen Atomwaffentests und gegen das Versenken von Atommüll schon einmal hinter Gitter – aber nur für wenige Tage.

„Im Knast zu landen, ist in unserer Familie keine Schande, sondern eher eine Art Auszeichnung“, sagt Dima. „Aber noch nie war ich so froh, wieder nach Hause zu kommen, wie diesmal.“ Das Schlimmste für ihn war nicht das Eingesperrtsein, die Kälte oder die Einsamkeit, sondern nicht zu wissen, wie lange die Crew der „Arctic Sunrise“ festgehalten würde. Und die Sorge um seine Liebsten: „Einmal hab ich ein Bild von meiner Frau Anitta in der Zeitung gesehen, da sah sie so eingefallen und traurig aus. Sie hat noch mehr gelitten als ich.“

Drei prall gefüllte Ordner liegen auf seinem Schreibtisch im Stockholmer Greenpeace-Büro. Darin verwahrt er Namen und Zellennummern von Mitgefangenen, Solidaritätspostkarten aus aller Welt, die „Free Dima“-Projektion seines Gesichts auf der Alhambra und zahllose Zeitungsausrisse. Darunter ist ein Artikel aus der Los Angeles Times, in dem sein in New York lebender Vater Pawel Litwinow sagt: „Als ich mit meinen Kindern Dima und Lara Russland verließ, dachte ich, dass ihnen so etwas nie passieren könnte.“

Dima studierte an der Wesleyan Universität im US-Bundesstaat Connecticut Anthropologie. Während eines Forschungsaufenthalts in Guatemala lernte er die Schwedin Anitta kennen, die er wenig später heiratete. Ende der 80er-Jahre fing er in Boston bei Greenpeace als Spendensammler an. Nach dem Mauerfall und dem Zerfall der Sowjetunion plante die Umweltorganisation ein Büro in der russischen Hauptstadt und suchte händeringend russischsprachige Übersetzer. Also packte Dima seine Sachen und kehrte nach Moskau zurück.

Inzwischen lebt der 52-Jährige mit seiner Frau und den drei Kindern im Alter von 14, 20 und 27 Jahren in Stockholm. Er hat die schwedische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Auf dem Küchentisch in seiner Wohnung breitet Dima alte Fotos aus. Von seinem Urgroßvater, Maxim Litwinow, hat er kein Bild, erzählt aber stolz, dass er ein Revolutionär gewesen sei und gegen die Zarenherrschaft aufbegehrt habe. Neben vielen Kinderfotos kommt ein Porträt eines Mannes mit stattlichem weißem Bart zum Vorschein. „Das ist Lew Kopelew, mein Großvater mütterlicherseits. Ich habe ihn geliebt“, sagt Dima. „Dass ich zu Greenpeace ging, hat ihn sehr gefreut, und mehr noch, dass wir unseren ersten Sohn nach ihm benannt haben.“

Als junger Erwachsener hat Dima seinen Großvater ab und zu in Köln besucht. Der damals in Deutschland berühmte Schriftsteller und Dissident zog in die Stadt seines Freundes Heinrich Böll, nachdem ihn das Breschnew-Regime 1981 ausgebürgert hatte. Zeit seines Lebens setzte sich der in Kiew geborene Jude Kopelew für die Versöhnung der Deutschen und Russen ein. Im Zweiten Weltkrieg hatte er in der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland gekämpft. Doch trotz seiner Tapferkeit verurteilte Stalins Justiz ihn wegen Mitleids mit dem Feind zu zehn Jahren Lagerhaft. Er hatte nach Kriegsende Gräueltaten der Sowjets an der deutschen Zivilbevölkerung angeprangert.

Dima geht ins Wohnzimmer und zeigt auf eine Reihe blauer, handsignierter Bücher im unteren Regal: „Die hab ich alle gelesen“, sagt er, schiebt seine Brille in die Stirn und erzählt, dass sein Großvater im Gulag den Schriftsteller und Regimekritiker Alexander Solschenizyn kennengelernt habe. Solschenizyns Romanheld Lew Rubin sei von der Biografie seines Großvaters inspiriert.

Auch Kopelews Schwiegersohn, Dimas Vater Pawel, ließ sich nicht von der Staatsmacht einschüchtern. In der elterlichen Wohnung in Moskau gingen bekannte Dissidenten ein und aus, verfassten verbotene Manuskripte und planten Kampagnen, um Regimekritiker zu befreien. Auch wenn er noch nicht alles verstand, hörte der kleine Dima mit. KGB, Verfolgung, Knastlieder, Gefängnisliteratur und Protestgedichte waren ihm schon früh vertraut.

Doch mit der Invasion der sowjetischen Truppen in der Tschechoslowakei 1968 änderte sich sein Leben radikal. Denn sein Vater Pawel protestierte mit anderen Dissidenten auf dem Roten Platz: „Für eure und unsere Freiheit“, stand auf dem Banner, das der Physiker bei der Niederschlagung des Prager Frühlings in die Höhe hielt. „Ich schämte mich, ein Russe zu sein“, erklärte er später. Pawel Litwinow wurde als Parasit beschimpft, geschlagen, abgeführt und zu fünf Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Dorthin nahm Pawel seine Frau Maya und seinen Sohn Dima mit. Tief im Osten lernte der Grundschüler zwei Lektionen: dass in einem Unrechtsstaat Gesetze nach Bedarf gebeugt werden. Und dass die Natur groß und unbeherrschbar ist. Kurz nach dem Ende der Lagerzeit verließ die Familie im Jahr 1974 die UdSSR und ging ins Exil. Von den USA aus setzte sich Pawel Litwinow weiterhin gegen Unfreiheit und Korruption in seiner Heimat ein. Bis heute ist er in der bekannten russischen Menschenrechtsorganisation Memorial aktiv.

„Das Wichtigste, was ich meinen Kindern mitgeben will, ist, dass sie für ihre Überzeugung einstehen“, sagt nun auch sein Sohn Dima. „Das muss gar nicht meine eigene sein“, hängt er noch an und schwingt sich aufs Rad. Jeden Tag fährt er mit Anitta eine Stunde durch Wiesen und Wälder zur Arbeit. Oft machen die beiden auf dem Nachhauseweg noch einen Abstecher in den Hafen. Dort liegt der hundert Jahre alte Zweimastsegler „Shamrock“, den sie mit Freunden schrubben, streichen, putzen und instand halten. Im Kreis der Seebären, die teilen, was sie haben und wie Dima auf Geld, Karriere und Prestige pfeifen, fühlt sich der Greenpeacer am wohlsten.

Jeden Sommer verbringen Dima und Anitta auf der Shamrock ihren vierwöchigen Jahresurlaub – zusammen mit der Crew und mehr als 20 Jugendlichen, die in diesen vier Wochen die Grundlagen des Segelns lernen. „Es ist wunderbar zu beobachten, wie sich die Jugendlichen in dieser Zeit entwickeln“, sagt Dima, der während des Törns für die ganze Mannschaft kocht. Nirgendwo ist der 52-Jährige lieber: „Auf See fühle ich mich frei und spüre die Größe der Natur“, sagt Dima. „Sie lehrt uns Demut.“

Am liebsten würden Anitta und Dima aufs Wasser ziehen. Aber noch haben die Litwinows kein geeignetes Boot gefunden. Und von einigem Hausrat müssen sie sich bis dahin auch noch befreien. Aber spätestens, wenn Dima nach fast 40 Greenpeace-Jahren in Rente geht, wollen sie ihren Traum wahr machen und in Richtung Südsee aufbrechen. Dort lässt es sich Dimas ältester Sohn Lew gut gehen. Zuletzt ließ er verlauten, er habe in Australien gegen Fracking protestiert. Diese Nachricht gefällt Dima. Das Widerstands-Gen lebt weiter.

 

Im Namen der Arktis
Dima Litwinow war mit an Bord des Eisbrechers „Arctic Sunrise“, als Mitte September 2013 eines der dramatischsten Ereignisse in der Geschichte von Greenpeace seinen Lauf nahm: in der Petschorasee nahe der Gazprom-Plattform Prirazlomnaya protestierte die Besatzung des Greenpeaceschiffs gegen die Ölförderung in der Arktis. Die Arctic Sunrise befand sich in internationalen Gewässern, als sich plötzlich Schnellboote und Hubschrauber näherten. Vermummte Einsatzkräfte, die mit Messern und Pistolen bewaffnet waren, stürmten an Bord und nahmen die gesamte Mannschaft fest. Die „Arctic 30“ mussten zwei Monate in Untersuchungshaft in Murmansk und Sankt Petersburg verbringen. Danach wurden sie auf Kaution entlassen. Aufgrund einer Generalamnestie durften alle Ende Dezember ausreisen. Das Schiff liegt immer noch im Hafen von Murmansk, obwohl der Internationale Seegerichtshof die Herausgabe verlangt hat. Greenpeace International bereitet gerade eine Klage wegen unzulässiger Freiheitsberaubung vor. Unter erneutem Protest von Greenpeace legte Anfang Mai der erste Tanker mit arktischem Öl aus der Petschorasee im Rotterdamer Hafen an.
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