Greenpeace Magazin

Ein extremer Sommer

Tropenschwüle, Rekordregen und Orkane über Deutschland – ist der Klimawandel schuld?

Meteorologen sprechen schlicht vom „Münsterereignis“: Am Abend des 28. Juli 2014 ging über der westfälischen Stadt ein Unwetter nieder, wie es ihre Bewohner noch nie erlebt hatten. Stundenlanger Starkregen überflutete zahlreiche Straßen knietief, ein Mann ertrank in seinem Keller, ein anderer in seinem Auto, das in einen reißenden Bach gestürzt war. Binnen sieben Stunden fielen bis zu 292 Liter pro Quadratmeter, zwei Badewannen voll – neuer deutscher Rekord.

Schon im Juni endete das bundesweit heißeste Pfingstfest seit Beginn der Aufzeichnungen in Düsseldorf mit einem apokalyptischen Gewitter. Youtube-Clips dokumentieren, wie es Straßenbäume im stroboskopartigen Licht regelrecht zerriss. Am Ende waren in der Stadt 30.000 Bäume entwurzelt oder stark beschädigt. Drei Menschen, die in einer Gartenlaube Zuflucht gesucht hatten, starben.

Extrem zeigte sich der Sommer auch im Rest der Republik. In Alpennähe wollte das Sauwetter gar nicht enden, im sonst trockenen Osten herrschte wochenlang tropische Schwüle, nur an der Küste war es richtig schön. Verkehrte Welt. Und jede Menge Gesprächsstoff.

Wenn es jedoch um die Frage der Veränderungen geht, die so viele spüren, wird der Ton oft unsicher: „Das muss wohl der Klimawandel sein“, sagt man halb witzelnd, schließlich hat das Wetter auch früher schon mal verrückt gespielt. Fachleute bestätigen, dass sich einzelne Unwetter kaum der Erderwärmung zuschreiben lassen, ergänzen jedoch: Extremwetter wird tatsächlich häufiger.

Für die „monsunartigen Niederschläge“ Ende Juli sei eine bestimmte Großwetterlage verantwortlich gewesen, meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD) – das „Tief Mitteleuropa“ (TM). Diese Wetterlage, gekennzeichnet durch eine hohe Luftfeuchtigkeit und viele Gewitter, tritt heute um rund 20 Prozent häufiger auf als noch vor einigen Jahrzehnten. Und das ist erst der Anfang: „Klimaprojektionen zeigen, dass sich die Häufigkeit im Zeitraum 1950 bis 2100 beinahe verdoppeln wird“, sagt DWD-Experte Andreas Becker.

Wie ist solch ein Wandel zu erklären? Die erste Folge des vom Menschen verstärkten Treibhauseffekts ist, dass es wärmer wird – global bereits um ein knappes Grad. Deshalb kann die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit und Energie speichern, das Potenzial für Unwetter und Starkniederschläge steigt. „Entscheidend ist aber, wo diese runterkommen“, sagt Becker. „Und da hat die Verschiebung von Wettermustern einen massiven Effekt.“

Die Nordhalbkugel wird in rund 20 Kilometern Höhe vom Jetstream umströmt, einem riesigen Starkwindband. Es verläuft oft recht geradlinig, windet sich aber zeitweise wie ein mäandernder Fluss um den Globus – mit Folgen. Denn wo sich diese sogenannten Rossby-Wellen nach Norden wölben, wird tropische Luft in hohe Breiten gesaugt, in den „Trögen“ dagegen fließt arktische Luft gen Süden. „Schieben sich kalte Luftmassen über warme, wird die Temperaturschichtung instabil und die Neigung zur Gewitterbildung steigt“, erklärt Becker.

Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) machten kürzlich eine spannende Entdeckung: Sie stellten durch Datenanalysen fest, dass sich die Rossby-Wellen des Jetstreams in den letzten zehn Jahren immer häufiger stark „aufgeschaukelt“ haben und wochenlang nahezu feststeckten, anstatt wie sonst von West nach Ost zu wandern. Ursache ist womöglich die besonders schnelle Erwärmung der Arktis im gleichen Zeitraum.

„Wir haben beobachtet, dass Wetterextreme in den letzten Jahren stärker zugenommen haben, als es die graduelle Erwärmung allein erklären kann“, sagt Dim Coumou, Leitautor der PIK-Studie. „Das Aufschaukeln der Rossby-Wellen ist offenbar der Grund dafür.“ Als Beispiele nennt er die Hitzewelle in Russland 2010, die große Ernteverluste mit sich brachte, eine Serie von Hitzewellen in den USA und auch die in Mitteleuropa 2003. „Sie alle hielten fünf oder sechs Wochen an und wurden dadurch so verheerend.“

Dass sich Grundlegendes ändert, sieht auch Peter Höppe, Leiter der Geo-Risikoforschung bei der Munich Re. Der weltgrößte Rückversicherer führt seit den 70er-Jahren eine Datenbank über naturbedingte Schadensfälle. Für Deutschland zeigt sich ein klarer Trend: „Die Schadenereignisse durch Naturkatastrophen haben sich verdreifacht“, sagt er. Höppe bestätigt zudem, dass es schwere Folgen hat, wenn Wetterlagen sich nicht vom Fleck bewegen. „Die Überschwemmungen an Elbe und Donau 2002 und im vergangenen Jahr entstanden durch starke, über Wochen stationäre Trogwetter lagen, die zu lang anhaltenden Niederschlägen führten.“

Für die Versicherungen war schon 2013 ein Rekordjahr. Noch teurer als die große Flut kam sie eine Serie heftiger Gewitter mit Hagelschlag zu stehen. Am 28. Juli zerschlugen im schwäbischen Reutlingen tennisballgroße Körner zahllose Autoscheiben, Dächer und Solaranlagen. Insgesamt entstanden 3,6 Milliarden Euro Sachschaden.