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Ein him and her

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

Ein him and her

Text: Bill McKibben Illustration: Ariane Spanier

Trump oder Clinton? Wer den Leugner des Klimawandels verhindern will, muss die von Großkonzernen finanzierte Favoritin des Establishments wählen. Wir haben den Klimaschützer Bill McKibben um eine Analyse der Alternativen gebeten, Umweltaktivisten getroffen, die unbeirrt weiterkämpfen und beim Bestsellerautor T.C. Boyle eine Prognose zum Wahlausgang eingeholt.

Amerika kann aus der Distanz ein bisschen schwer zu verstehen sein, vor allem in diesem Wahlkampf. Beobachtet man den Aufstieg von Donald Trump, dann kann man niemandem die Frage verdenken: Haben die Amerikaner jetzt den Verstand verloren?

Die Antwort dürfte etwas komplizierter sein, obwohl Verlust dabei schon eine Rolle spielt. Verloren gegangen sind nämlich einige vermeintliche Gewissheiten, was die Stellung von Menschen in diesem Land und die Stellung dieses Landes in der Welt betrifft. Die meisten heute lebenden Amerikaner sind irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Geschah dies in den frühen Jahren dieser Ära – so ungefähr während des Babybooms –, dann waren sowohl Ort als auch Zeit so glücklich wie nie zuvor. Die US-Wirtschaft der Nachkriegszeit ließ den gesamten Planeten vor Neid erblassen: Sie führte die Nation aus der Krise und an die Tabellenspitze jeder Liga auf der Welt. Nicht nur, dass wir Europa und Japan beim Wiederaufbau halfen, wir reisten auch zum Mond. Zum Mond!

Natürlich funktionierte das Ganze nur für weiße Amerikaner auf diese segensreiche Weise (und noch nicht einmal für alle – die ländliche US-Bevölkerung gleich welcher Rasse war größtenteils abgehängt). Anfang der Siebzigerjahre jedoch begann sich das phänomenale Wachstum zu verlangsamen. Und mit dem Beginn der Reagan-Ära setzte eine Umverteilung des Reichtums von unten nach oben ein. Kleine und mittlere Einkommen stagnierten – ein Trend, der sich beschleunigte, als Bill Clinton ein internationales Handelsabkommen nach dem anderen unterzeichnete. Durchschnittsamerikaner sind heute nicht wohl habender als vor zwanzig Jahren. Und obwohl sie, verglichen mit dem überwiegenden Teil der Erdbevölkerung, immer noch sehr reich sind, fühlt es sich für sie nicht mehr so an wie die Welt, in der sie aufgewachsen sind. Umfrage auf Umfrage belegt ein diffuses Gefühl des Verlusts. Im vergangenen Jahr berichteten Gesundheitsexperten, es gehe mit der Lebenserwartung weißer Amerikaner nun langsam bergab, wahrscheinlich zum ersten Mal.

Stellen Sie sich also vor, Sie wären ein weißer Amerikaner mit Highschool-Abschluss, der fürchten muss, den Lebensunterhalt seiner Familie nicht mehr sichern zu können. Dann wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Sie sich entweder unter den Anhängern von Bernie Sanders oder denen von Donald Trump wiederfänden. Für Sanders entschieden sich Menschen mit einem Sinn für soziale Solidarität und dem Verständnis, dass staatliche Unterstützung nicht nur ihnen selbst, sondern auch anderen Gruppen zustehen sollte. Auch Trump sammelte Stimmen von Menschen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, es aber ungern sehen, dass diese auch anderen zugutekommt – vor allem, wenn es sich dabei um Schwarze oder Hispanics handelt.

Und das ist der andere Subtext der Wahl: Amerikas ethnische Minderheiten, die ihren rechtmäßigen Anteil am Reichtum der Nation einfordern, haben bei den Vorwahlen größtenteils für Hillary Clinton gestimmt; sie verdankt ihre Nominierung der Unterstützung dieser Gruppen. Ihnen geht es objektiv betrachtet in praktisch allen Bereichen schlechter als den Weißen – und die eigene Situation erscheint ihnen in einem Jahr, in dem die Nachrichten so oft voll waren mit Berichten über Polizeigewalt gegen schwarze Amerikaner, unsicherer denn je. Was nach Meinung mancher Kommentatoren der Grund sein könnte, warum sie in diesem Rennen ausgerechnet die Kandidatin des Establishments unterstützen – das Risiko ist geringer. Clinton ist bei Schwarzen und Hispanics nicht so beliebt wie Obama es war, aber man hält ihr zu Recht eine seit Jahren bestehende Verbindung zu Gemeinschaften von Minderheiten zugute. Und der Kontrast zu einer Figur wie Trump – einem fanatischen weißen Nationalisten – lässt diese Verbindung stärker erscheinen, als es sonst der Fall wäre.

Bei Einwanderern, vor allem bei Hispanics, ist die Furcht vielleicht am größten. Trump hat angekündigt, elf Millionen Menschen deportieren zu lassen. Das ist rein physisch wahrscheinlich unmöglich. Aber eine Herrschaft leisen Schreckens ist ganz und gar vorstellbar. Für unregistrierte Einwanderer war es in Amerika unter der Regierung Obama schon schwierig genug. Ungeachtet der Tatsache, dass sie weniger Straftaten begehen und Jobs annehmen, die andere nicht wollen, wurde eine Rekordzahl von ihnen zurück über die Grenze geschickt. Und jetzt ist ein Mann, der sie als Vergewaltiger und Kriminelle beschimpft, der Präsidentschaft so nahegerückt.

Umfragen deuten darauf hin, dass es wahrscheinlich genügend junge Leute, Minderheiten und weiße Liberale gibt, um Clinton zum Sieg zu verhelfen, vielleicht sogar zu einem hohen. Doch da sie persönlich unpopulär ist, wird es nicht leicht werden. Und von der Linken wird sie nur widerwillig unterstützt. Die Menschen wissen, dass sie ihre Haltung zu Themen wie dem großen transpazifischen Handelsabkommen TPP hauptsächlich auf Druck von Bernie Sanders geändert hat. Kandidaten anderer Parteien sind aufgetaucht: Die Grüne Jill Stein auf der Linken sowie der Libertäre Gary Johnson, mehr oder weniger ein Vertreter der Rechten. Angesichts des amerikanischen Wahlsystems, in dem es keine parlamentarischen Koalitionen gibt, wie sie Europäer gewohnt sind, ist es allerdings schwierig, Wähler von einer dritten Partei zu überzeugen. Die Stimme gilt häufig als verloren. Trotzdem ist der Ausgang viel weniger vorhersehbar als sonst.

Was natürlich erschreckend ist, weil so viel auf dem Spiel steht. Nehmen wir das weltweit wichtigste Thema als Beispiel: Trump glaubt nicht, dass es den Klimawandel wirklich gibt („ein Schwindel, den die Chinesen erfunden haben“). Er hat erklärt, die Klimavereinbarung von Paris aufkündigen zu wollen. Das könnte er im Prinzip tun: In Paris wurde eine Reihe freiwilliger zwischenstaatlicher Vereinbarungen beschlossen, und es gibt keinerlei gesetzliche Grundlage, die ihn zur Einhaltung unserer Zusagen verpflichten würde.

Clinton hingegen hat zwar die Klimawissenschaft verteidigt – aber ebenso das Fracking zur Gasförderung, jene Praxis, die Deutschland kürzlich verboten hat. Und in ihre Wahlkampfkasse ist viel Geld aus der fossilen Energiewirtschaft geflossen. Der Unterschied zwischen den beiden liegt, wie bei so vielen anderen Themen, wahrscheinlich weniger darin, wozu sie sich persönlich bekennen. Viel entscheidender ist, zu welcher Politik sie gedrängt werden können.

Klimaaktivisten haben gegen Trump keine Chance. Selbstverständlich werden sie weiterkämpfen, und in gewisser Weise wird der Protest angesichts einer solchen Bedrohung im Weißen Haus sogar leichter zu organisieren sein. Doch beim Klimawandel tickt die Uhr. Vier Jahre totaler Blockadepolitik seitens des Präsidenten würden jeden Fortschritt verhindern. Clinton dagegen könnten die Klimaschützer, ebenso wie zuvor Obama, ihre eigenen Aussagen vorhalten, mit einer Kampfansage der Linken bei der nächsten Wahl drohen und so versuchen, sie zur Einhaltung ihrer Wahlversprechen zu bewegen. Aber das wird massive Anstrengungen erfordern. Wer damit rechnet, dass sie eine bahnbrechende Führungsrolle beim Thema Klimawandel übernimmt, hat seine Erwartungen zu hoch geschraubt.

Das bislang vielleicht Interessanteste am Wahlkampf war der starke Auftritt von Bernie Sanders – vor allem, weil er als Person es Amerikanern eigentlich schwer macht, ihn zu unterstützen. Als Jude und Sozialist ist er einzigartig in unserer Politik. Und dennoch zeigen Umfragen, dass er der wohl populärste Politiker des Landes ist. Einerseits liegt das daran, dass er jahrein, jahraus dieselbe Botschaft wiederholt: Die Menschen nehmen ihm wirklich ab, dass er meint, was er sagt. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass seine Inhalte populär sind: Amerikaner scheinen tatsächlich soziale Sicherheit und eine gute Gesundheitsversorgung zu wollen. Sanders hat während seiner Kampagne oft davon gesprochen, wie gut es in Dänemark läuft – sehr ungewöhnlich für einen amerikanischen Politiker. Die rühmen normalerweise die USA als einziges Land der Welt, das als Vorbild dienen kann.

Aber Donald Trump ist Sanders’ Popularität nicht verborgen geblieben. Er hat mit der üblichen republikanischen Doktrin gebrochen und aufgehört, einer Privatisierung der Sozialversicherung das Wort zu reden. Stattdessen hat er Sanders’ Aussagen über das manipulierte politische System übernommen und sich – schockierend für einen Republikaner – gegen neue Freihandelsabkommen ausgesprochen. Er versucht, anders gesagt, Clinton bei ein paar zentralen Themen links zu überholen, weil Sanders gezeigt hat, wie populär das gerade ist.

Die amerikanische Politik ist mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Hillary Clinton erscheint als letzte Vertreterin einer berechnenden Politik der Mitte, die seit der Amtszeit ihres Ehemanns in den Neunzigerjahren en vogue ist. Jetzt, da Amerika sich mit der zunehmenden Einkommensungleichheit und ungemütlichen Umweltthemen neuen großen Problemen gegenübersieht, hat sie die wirklich nicht beneidenswerte Aufgabe, sich für den Status quo stark zu machen. Dennoch scheint sie sich mit der althergebrachten Herangehensweise durchaus wohlzufühlen: So hat sie zum Beispiel im Verlauf ihrer Kampagne den Rat und die Unterstützung von Henry Kissinger gesucht. Viele zentristische Republikaner haben angekündigt, sie statt Trump zu unterstützen und führen als Argument an, dass sie Amerikas interventionistische Außenpolitik fortsetzen werde. (Sowohl Trump als auch Sanders haben weit weniger Interesse an militärischen Auslandseinsätzen bekundet – obwohl Trump laut darüber nachdachte, dass es vielleicht gar so schlecht wäre, ein paar Atombomben auf Schurken wie den IS zu werfen).

Die Republikaner sind in Aufruhr. Ihre alte Koalition zwischen Vertretern der Wall Street und Konservativen ist zerbrochen und wahrscheinlich nicht mehr zu kitten. Dagegen erscheinen die Demokraten derzeit geschlossener. Hillary Clinton ist ganz klar das Zentrum der amerikanischen Politik.

Aber das Zentrum ist in einem Jahr großer Unruhe kein besonders sicherer Aufenthaltsort. Wäre Trump nicht so gefährlich, dann wäre es durchaus möglich, dass ein großer Teil der Linken gegen Clinton revoltieren würde. Die Frage ist, ob die Progressiven sie zu einer so volksnahen Politik bewegen können, dass es die demokratische Partei nicht zerreißt. Es wird ein schwieriges Kunststück. Im Jahr mit der stärksten Anti-Establishment-Stimmung seit Menschengedenken könnten die Amerikaner drauf und dran sein, die Kandidatin mit der stärksten Bindung an das Establishment zu wählen, die man sich vorstellen kann. Das bedeutet: Unser politisches System ist auf eine Art und Weise verwundbar, die viele Amerikaner ängstigt – und die auch der Welt Angst machen sollte.
Übersetzung: Kerstin Eitner

UMWELTSCHÜTZER UND AUTOR
An der Spitze von 350.org führt der 55-Jährige weltweite Kampagnen zum CO2-Ausstieg. Während des Vorwahlkampfs war er Berater von Bernie Sanders. Im Essay für das Greenpeace Magazin analysiert er das Rennen zwischen Trump und Clinton – und was der Ausgang für den Klimaschutz bedeutet.