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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Ein Kraut trotzt dem Klimawandel

Von den Anden in die Super­märkte der Welt: Die bislang unterschätzte Pflanze Quinoa soll helfen, den Hunger zu lindern

„Früher war Quinoa indianische Nahrung, verachtet wie die Indios selbst. Heute ist sie ein Lebensmittel der Gringos, gefragt in aller Welt.“ Mit diesen Worten fasst Evo Morales, Präsident des Hauptanbaulandes Bolivien, der selbst indianische Wurzeln hat, die Geschichte des Andenkrauts zu­sam­men. Das „Korn der Inkas“ ist nicht nur reich an Eiweiß und Aminosäuren, die Quinoa-Pflanze ist vor allem klimatisch flexibel: Sie erträgt bis zu minus acht Grad Kälte und knickt bei 38 Grad Hitze noch nicht ein. Sie wächst auf Meereshöhe genauso wie in Hochlagen von mehr als 4000 Metern und ist zufrieden mit kargen Böden und wenig Wasser. Selbst salzigen Grund erträgt Quinoa. Ideal, um den zu er­wartenden Wetterkapriolen zu trotzen.

Diesen Boom hat der Regierungschef Morales mit einer Kampagne zur Förderung der tra­­­­di­­tionellen Feldfrucht selbst an­­ge­­sto­ßen. Für einen weiteren Schub sorg­te UN-­Ge­­ne­­ral­­sekretär Ban Ki Moon, als er das Jahr 2013 zum „inter­na­tio­na­len Jahr der Quinoa“ aus­rief. In­zwi­schen ist auch José Graziano da Silva, Direktor der Welternäh­rungs­­orga­ni­sa­tion FAO, überzeugt, dass das an­spruchs­lo­se Samenkorn „bei der Be­kämp­fung von Hunger, Un­ter­er­näh­rung und Ar­­mut eine wichtige Rolle spie­len kann“.

In Hochlagen, wo weder Mais noch Ge­treide wächst, wird die Pflanze in den Anden seit rund 7000 Jahren angebaut. Zusammen mit der Kartoffel gehört sie noch heute zu den Grundnahrungsmitteln india­ni­scher Völ­ker wie den Aymara. Die spa­ni­schen Er­oberer brandmarkten Quinoa als „un­christ­lich“, auf ihren Anbau stand sogar die To­des­strafe. Die bis zu anderthalb Meter hohe krautartige Pflanze gehört zur Fa­mi­lie der Fuchsschwanzgewächse und ist somit ein entfernter Verwandter des Spi­­nats. Aus den mineralienreichen Blät­tern bereiten die Aymara Salate und Ge­­mü­se­­beilagen. Die Samen, kleine Kü­­­­gel­chen mit rund zwei Millimetern Durch­­­mes­­ser, erinnern an Senfkörner. Sie schme­­­­cken nussig und enthalten mehr Ei­­weiß, Mag­ne­sium und Eisen als Getrei­de. In Eu­ro­­­­pa waren die glutenfreien Qui­noa-Sa­men bis­lang allen­falls in Bioläden und Re­­form­häusern zu bekommen. Je bekannter ihre ge­sund­heitsfördernden Eigen­schaf­ten werden, desto häufiger finden sie den Weg in die Supermärkte der Indus­­­trie­nationen.

Doch seit die FAO den Quinoa-Anbau auch als mögliche Strategie zur Anpassung an den Klimawandel entdeckte, fürchten die bolivianischen Produzenten internationale Konkurrenz. Im Land selbst wird Quinoa heute auf einer Fläche von insgesamt rund 2000 Quadratkilometern angebaut, zu 90 Prozent von Kleinbauern. Der Export hat sich in jüngster Zeit auf 7750 Tonnen pro Jahr versieben-, der Weltmarkt­­­preis verdreifacht. In das attraktive Ge­­schäft sind auch andere eingestiegen: In kleinen Mengen wird Quinoa in Nord­ame­rika und in Europa angebaut, etwa in Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden. Förderprogramme der FAO in Hungergebieten der Himalaya-Region In­diens und in Kenia verlaufen erfolgversprechend. In Brasilien wurde auf Ver­suchs­feldern in tropischen Tieflagen sogar bis zu dreimal mehr Quinoa pro Hektar geerntet als in den Ursprungsländern.

Noch behaupten sich die Andenländer als Haupt­produzenten: 90 Prozent der welt­weiten Produktion kommen nach wie vor aus Bolivien, Peru und Ecuador. Dort hat der globale Boom die Preise auf den loka­­­len Märk­ten zwar mehr als verdoppelt, doch das nimmt Bo­li­viens Präsident Mora­les ge­­­lassen. Wo Blätter und Sa­men­körner seit Jahr­tau­sen­den Grundnahrungsmittel sind, sei die Pflanze weiterhin für jeden er­schwing­­lich. „Die Aymara bauen ihr eige­nes Qui­noa an oder bekommen es im tra­di­­tio­nel­len Tausch gegen andere Waren“, sagt Morales. 60 Prozent der Produk­­tion kon­su­mie­ren die Bauern selbst, von den rest­li­chen 40 Prozent werden zwei Drittel ex­por­tiert. Nach wie vor sind die Hoch­­land­indios die eifrigsten Quinoa-Esser. Beim staatlich subventionierten Schul­­­essen darf das Andenkraut bei keiner Mahl­­­zeit fehlen.

Text: Toni Keppeler