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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Ein Okapi gegen mörderische Gerüchte

Text: Julia Lauter

Der jahrzehntelange Krieg hat die Menschen im Kongo entzweit – ein Radio-sender trägt nun zur Versöhnung bei

Wenn im Kongo das Okapi ruft, hört man das bis an alle Landesgrenzen. Die Rede ist nicht vom kongolesischen Dschungeltier, sondern von Radio Okapi, dem populärsten Sender des Landes – und Kinshasas Hoffnung auf eine gewaltlose Zukunft.

Wie in vielen Ländern mit hoher Analphabetenrate ist der Hörfunk die wichtigste Informationsquelle im Land. Doch spätestens seit dem Völkermord im benachbarten Ruanda, der durch hetzerische Radiosendungen befeuert wurde (siehe rechte Spalte), sind auch die Schattenseiten dieses Mediums bekannt. „Dabei kann das Radio auch eine positive Rolle spielen“, sagt der Schweizer Olivier Lechien, Programmmanager bei Radio Okapi. Als der Sender die Arbeit aufnahm, war das Land nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs zerfallen, Rebellenarmeen rangen gewaltsam um die Macht. Das war 2002. Um einen Dialog auf nationaler Ebene zu ermöglichen, bauten dreißig kongolesische Journalisten mithilfe von zehn Mitarbeitern der Vereinten Nationen und der schweizerischen Stiftung Fondation Hirondelle einen Radiosender auf, der den Frieden fördern sollte. Den Gründern geht es bis heute darum, durch ausgewogene Berichterstattung und öffentliche Diskussionen zu verhindern, „dass gezielt gestreute Gerüchte in einer instabilen Gesellschaft zur mörderischen Realität werden“.

In der Demokratischen Republik Kongo ist das eine große Aufgabe: Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt das Land auf Platz 151 von 180. Noch immer werden Journalisten häufig bedroht und angegriffen. „Von der Polizei kann man keinen Schutz erwarten, viele Morde an Reportern werden weder verfolgt noch bestraft“, sagt Caroline Vuillemin, die das Projekt von Lausanne aus koordiniert. „Unter kongolesischen Journalisten ist die Selbstzensur deshalb weit verbreitet.“ Rund 600 Radio- und 60 Fernsehsender gibt es in dem Vielvölkerstaat, doch die Qualität der Berichterstattung sei schlecht, sagt Vuillemin: „Die meisten Sender werden von Politikern im Wahlkampf gegründet und reden ihnen nach dem Mund.“

Radio Okapi entwickelte sich unter dem Schutz der UN-Friedensmission zum Zentrum des unabhängigen Journalismus im Land und wird heute von täglich 14 Millionen Menschen gehört. Rund 200 Journalisten berichten aus allen elf Provinzen des Landes. Morgens und abends werden die Nachrichten zeitversetzt in den vier Nationalsprachen sowie auf Französisch gesendet. „So erhalten alle Menschen im Land die gleichen Informationen“, sagt Caroline Vuillemin.

In der beliebtesten Sendung „Dialog zwischen Kongolesen“ debattieren täglich Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft mit den Hörern über aktuelle Themen – eine absolute Ausnahme im kongolesischen Radio. „Die Menschen vertrauen Radio Okapi, weil sie dort gehört werden und unverfälscht zu Wort kommen“, erklärt Olivier Lechien.

Noch ist ungewiss, wie es mit dem „Radio für den Frieden“ weitergeht, wenn die UN-Mission eines Tages ausläuft – denn der Sender hängt von der Unterstützung durch die Blauhelme ab. Vuillemin wirbt schon jetzt für eine breitere internationale Förderung. Sie ist sich sicher: „Ohne Dialog wird es im Kongo keinen dauerhaften Frieden geben.“


Aufruf zum Hass
Als es im Frühsommer 1994 in Ruanda zum Völkermord an den Tutsi kam, spielte der Sender „Radio-Télévision Libre des Mille Collines“ eine entscheidende Rolle: Das Sprachrohr der extremistischen Bewegung „Hutu Power“ sendete neben aktuellen Sportnachrichten und den neuesten Hits auch hasserfüllte Aufrufe zu Gewalt und Hinweise auf versteckte Tutsi. In rund hundert Tagen wurden 800.000 Menschen systematisch umgebracht. 2003 wurden die Gründer des Senders wegen Anstachelung zum Völkermord zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.
radiookapi.net
hirondelle.org