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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Ein Segen für die Hirten

Text: Agnes Fazekas

Wind plus Sonne, das ergibt multipliziert mit etwas Technik mehr Lebensqualität. Eine simple Gleichung? Nicht im besetzten Westjordanland. Zwei israelische Physiker stemmen sich gegen den endlosen Nahostkonflikt und verhelfen mit ihrem Team palästinensischen Hirten zu sauberem Wasser und Strom

Ein sanftes Flapp-flapp-flapp liegt in der Wüstenluft. Es stammt von einer zierlichen Windturbine und klingt hier, im Süden des Westjordanlandes, wie ein geflüstertes Versprechen.

Massafer Yatta nennen die Palästinenser die Region. „Yatta“ heißt die nächste größere Siedlung, „Massafer“ leitet sich vom arabischen Wort für „reisen“ ab – oder bezeichnet das Nichts. Tatsächlich fällt es schwer zu glauben, dass in der staubigen Einöde jemand leben kann. Trotzdem ist sie Heimat von rund 8000 Hirten, die Ziegen und Schafe halten.

Sie sammeln das Regenwasser des Winters in Zisternen, leben vom Butter- und Käseverkauf und wohnen meist in Zelten oder Höhlen. Weil sie das immer schon so gemacht haben. Und weil sie, selbst wenn sie wollten, keine andere Möglichkeit haben.

Ihr Weideland wurde mit dem Friedensvertrag von Oslo zur „Area C“ erklärt und gehört damit zu jenen 62 Prozent des Westjordanlandes, die nicht zu den palästinensischen Autonomiegebieten zählen, sondern unter israelischer Verwaltung stehen. Wer hier bauen will, braucht eine Genehmigung – für Palästinenser aussichtslos. Wer trotzdem etwas auf die Erde stellt, muss mit dem Bulldozer rechnen.

Eine hoffnungslose Lage, wäre da nicht das Flapp-flapp der Turbinen. Denn diese sorgen dafür, dass der Tag nicht mehr mit Einbruch der Dunkelheit endet, sie liefern Strom für Kühlschränke, Fernseher oder Butterschleudern.

Generiert wird dieser Segen in einer umgebauten Scheune, die schon in den Siebzigerjahren errichtet wurde und deshalb vor den Bulldozern des Militärs sicher ist: das Hauptquartier von „Comet-ME“ – das Kürzel steht für Middle East – , Versammlungsraum, Werkstatt und Materiallager in einem. Hinter der Organisation stecken zwei israelische Physiker: Noam Dotam und Elad Orian. Sie wollen den Hirten die Technik in die Hand geben, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Noam, 62, trägt Nickelbrille, grauen Bart und Beatles-T-Shirt. Elad ist seine zwanzig Jahre jüngere Version. Wenn einer was sagt, braucht der andere nicht einmal mehr zu nicken.

Beim Blick in die kamelfarbene Landschaft glaubt man zunächst nicht, dass Strom Mangelware ist. Eine Polonaise von Strommasten zieht sich durch die Wüste. Sie führt zu Hügelkuppen mit adretten weißen Häusern und gepflegten Vorgärten. Seit den Achtzigerjahren umzingeln israelische Siedlungen Massafer Yatta. Die meisten sind ebenfalls illegal. Doch für sie gibt es keine Abrissbefehle.

„Es ist lächerlich“, sagt Elad. „Da hängen Stromleitungen direkt über den Köpfen der Hirten. Wasserrohre laufen zwischen ihren Olivenbäumen hindurch, aber sie müssen Regen trinken.“ Die beiden sind in einem Land aufgewachsen, in dem auf große Worte meist große Enttäuschungen folgten. Vielleicht gehen sie deshalb mit den eigenen so effizient um, wie sie auch den Bau von Stromsystemen planen.

Die Rotorblätter der Windturbinen sind handgeschnitzt. Kiefernholz, importiert aus den USA. Das Holz ist, wie die Solarzellen, eine Ausnahme. Für alles andere verwenden sie Material, das günstig vor Ort erhältlich ist. „Alles ist sehr greifbar“, sagt Elad. „Wenn wir fertig sind, legt man einen Schalter um – und das Licht geht an.“

Dafür hat Noam vor zehn Jahren seinen Job in der Hightech-Industrie gekündigt. Stattdessen zahlt er sich nun ein symbolisches Honorar aus – und fährt jeden Tag in eine Welt, vor der die meisten Israelis Angst haben. „Fremde gelten in dieser Gegend als Bedrohung“, erklärt Ezra Nawi, der Dritte im Bunde und bei Comet Koch und Mittelsmann zugleich. „Es ist ein Vertrauensbeweis, dass die Hirten uns ihre Scheune vermietet haben.“

Ezra hat die Hirtenjungs von nebenan zum Essen an den Tisch auf der Veranda gerufen. „So sollte es sein zwischen Nachbarn“, sagt er. „So war es früher einmal.“

Der 63-Jährige kennt die Einheimischen seit Jahrzehnten. Wenn er mit seinem zerbeulten Jeep durch die Dörfer fährt, laufen ihm winkende Kinder hinterher. Vielen seiner israelischen Landsleute aber gilt er als Unruhestifter, schon ein paarmal wurde er verhaftet. „Ich habe keine Lösung für diesen Konflikt“, sagt er. „Ich weiß nur, dass es falsch ist, was hier passiert.“

Ahmad Sayareh, 28, kann sich an ein friedlicheres Früher nicht erinnern. Er ist einer von fünf palästinensischen Technikern und Ingenieuren bei Comet-ME. „Wir leben in unserer Blase aus Angst – und die Israelis in ihrer“, sagt Sayareh. „Bei Comet treffen sich Leute, die sich trauen, ihre Blase zu verlassen.“

Der Israeli Noam erzählt trotzdem nicht jedem, was er macht. „Unser Projekt entspricht nicht gerade dem Konsens.“ In seinem eigenen Garten, dreißig Kilometer westlich von Jerusalem, bläst der Wind nur zum Vergnügen, bringt schmiedeeiserne Skulpturen zum Tanzen. Hier trifft er sich mit Elad, um zu experimentieren.

Gerade testen sie eine neue Pumpe. Mit dem Überschuss aus dem Stromsystem wird das Regenwasser aus der Zisterne in einen Tank gepumpt, um dann durch ein Filtersystem zu laufen – und schließlich aus dem Hahn. Später tischt Noam selbstgemachten Hummus auf.

Wie viele Israelis war er als Soldat im Westjordanland. Aber einen Einblick in den Alltag der Palästinenser bekam Noam erst, als er sich vor 15 Jahren einer Gruppe von Friedensaktivisten anschloss. In den Hügeln von Hebron begleiteten sie die Hirten und Bauern beim Wasserholen, beim Schafehüten, bei der Olivenernte – zum Schutz vor radikalen jüdischen Siedlern. Sie sahen, woran es am dringlichsten fehlte: Strom und Wasser. Und was es im Überfluss gab: Sonne und Wind. Es war eine einfache Rechnung. Die Hirten sollten die Kräfte der Natur nutzen, die ihnen bisher feindselig begegnete. Und die Israel nicht kontrollieren kann.

Ein paar Jahre lebten Noam und Elad von Ersparnissen. Steckten eigenes Geld ins Projekt, zogen die Turbinen in Nacht-und-Nebel-Aktionen hoch. Bis ein Freund aus der deutschen Botschaft in Ramallah riet, eine Organisation zu gründen, dann könnten sie aus Deutschland eingetroffene Hilfsgelder beantragen. Eine halbe Million Euro haben sie schließlich aus dem Topf erhalten.

Inzwischen blinken die Turbinen jedoch als Störfaktor auf dem Radar der Regierung in Jerusalem. „Wir waren überrascht, dass es so lange gedauert hat“, sagt Noam. Noch wirken die Geldgeber aus der EU als eine Art Schutzschild. Die Siedler scheren sich hingegen weniger um Diplomatie: Kürzlich warfen sie eine der Solaranlagen mit Steinen ein. Nein, sagt Waseem Jabari, der bei Comet-ME als Elektriker arbeitet. Er habe nicht gewusst, wie die Hirten hier lebten, bevor Comet ihn einstellte. Nicht einmal, dass sie hier lebten. „Dies ist keine Gegend, in die wir Palästinenser freiwillig kommen.“

Noam hat ihn und einen Kollegen auf eine Zeitreise in die Vergangenheit geschickt, wie er die Buckelpistenfahrt in die benachbarte „Feuerzone“ nennt. Bis in die Neunzigerjahre nutzte Israel dieses Gebiet für Militärübungen. Hier darf offiziell keiner mehr leben. Acht Klans mit hunderten Mitgliedern sind ständig in Gefahr, vertrieben zu werden. Fünf davon versorgt Comet-ME mit Strom. Nun ist eine Batterie defekt.

Es riecht nach Vogelmist in der engen Höhle, in der sich die Technik der Hirten befindet, die Batterien, der Stromwandler – und der Verbrauchsmesser. Der Service von Comet-ME ist nicht gratis für die Familien. Die Techniker werden empfangen wie Freunde, man hat viel erlebt zusammen. Vor drei Jahren, als das System installiert wurde, rasten israelische Soldaten in Jeeps den Hügel hinauf. Sie nahmen Waseem mit, behielten ihn einen Tag in Arrest.

Die Arbeit ist schnell getan, wie bei jedem Besuch wird danach ein Festmahl aufgetischt: Hammelkeulen in Ziegenmilch. Noch ein Mokka. Noch eine Zigarette. Die Gastfreundschaft schmiert das Vertrauen, doch sie schluckt auch Kapazitäten. Nicht nur deshalb haben die Physiker die Wartung an die einheimischen Techniker abgegeben. Comet-ME soll einmal von Palästinensern geführt werden.

Am Checkpoint bei Beit Yatir ist allerdings Schluss für die Palästinenser im Team, obwohl es bis zur offiziellen Grenze noch ein paar Kilometer sind. In der sogenannten Saumzone dürfen sich nur Palästinenser aufhalten, die Landbesitz nachweisen können. Das heißt allerdings nicht, dass sie auf diesem Grund auch bauen dürfen. „Eine absurde Situation“, sagt Noam, als er mit Elad und Ezra ins Auto steigt. Besuche in der Saumzone übernehmen die Comet-ME-Gründer selbst.

Mitten im Niemandsland wohnen die A’buqbeitas. Die Familie soll eine Wasserpumpe bekommen. Ihre Behausung duckt sich unter einem Baum, Planen und Netze tarnen die Baracke. Noam wirkt nervös. Viele Besuche sind vorausgegangen, die Physiker wollen die Familien nicht bevormunden. Es wäre einfacher, eine neue zentrale Zisterne anzulegen, die den ganzen Klan versorgt. Aber Wasser wird traditionell in der Kleinfamilie verwaltet.

Ezra und der Familienvater klettern zum neuen Wassertank unter dem Mandelbaum hinauf und installieren die Schläuche. „Kein Aufsehen erregen!“, warnt Elad. Gleich hinter dem Grundstück verläuft die Straße zwischen der benachbarten Siedlung und dem Checkpoint. Wer weiß.

Zwei Stunden später tuckert die neue Pumpe brav. Es gibt nun endlich fließendes Wasser bei den A’buqbeitas. Wenigstens fürs Erste.

Beim Zusammenpacken erscheint ein Mädchengesicht hinter einem der Fenster, eine Hand, sie winkt. Dann taucht das Gesicht wieder ab. Elad zuckt mit den Schultern. „Wir haben anfangs versucht, die Frauen einzubinden – aber das müssen die Familien selbst entscheiden.“ Er sieht sich als Dienstleister, nicht als Entwicklungshelfer.