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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Ein Zelt für die Welt

Text: Andrea Hösch Fotos: Samuel Zuder

Der soziale Designer Daniel Kerber hat eine Vision: Er will Flüchtlingslager, in denen Menschen Jahre verbringen müssen, lebenswerter machen. Ein völlig neues Zeltkonzept ist der erste Schritt

Die Sturmfrisur täuscht: Daniel Kerber ist ein bedächtiger Mensch. Er hört aufmerksam zu, bevor er einen Entschluss fasst, erst recht, wenn er eine Welt auf den Kopf stellen will. Wie in Zaatari, einem Flüchtlingscamp in der jordanischen Wüste.

Dort suchen derzeit rund 80.000 Syrer Zuflucht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land. So weit das Auge reicht, stehen Zelte in Reih und Glied, Menschen werden eingewiesen, nummeriert, abgefertigt. „Die pure Logistik der Notversorgung mag für die ersten Wochen oder Monate genügen“, sagt der 44-jährige Kerber, „aber ganz bestimmt nicht für Jahre.“

Laut den Vereinten Nationen verbringen Flüchtlinge im Schnitt zwölf Jahre in solchen Camps. Durch die Enge und Hoffnungslosigkeit sei das Leben dort oft von Gewalt geprägt. Obwohl die traumatisierten Menschen mit dem Nötigsten versorgt würden, fehle ihnen etwas Wesentliches: individuelle Gestaltungsfreiheit. Genau da setzt der charismatische Experte für soziales Design an.

Als die ersten syrischen Flüchtlinge vor drei Jahren im Norden des Nachbarlandes Jordanien Zuflucht suchten, gründete Daniel Kerber in Hamburg mit Hilfe von „families, friends & fools“, wie er seine Unterstützer nennt, ein soziales Unternehmen. „Morethanshelters“ (mehr als Schutzhütten) will jenen Menschen, die alles verloren haben, eine lebenswerte Umgebung schaffen – und zwar mit ihnen zusammen.

Sein Denken kehrt die Verhältnisse um: Bisher werden die Opfer von Krieg oder Naturkatastrophen nur verwaltet, nun sollen Bedürftige zu Beteiligten werden und Helfer zu Lernenden. Damit will Kerber ein friedlicheres Zusammenleben erreichen und teure Fehlinvestitionen vermeiden. In Zaatari hatte das Technische Hilfswerk öffentliche Toiletten gebaut. Die Sanitäranlage wurde binnen weniger Wochen demontiert, vor allem weil sich Frauen nachts nicht aus dem Zelt trauten. Wie Menschen leben, beschäftigt den Künstler schon viele Jahre. Mit Erfolg: Namhafte Museen stellten seine architektonischen Installationen, Modelle und Skulpturen aus. Doch Sektempfänge und Vernissagen reichten ihm irgendwann nicht mehr. Kerber wollte mit seiner Arbeit etwas bewirken und kehrte dem Kunstbetrieb den Rücken.

Auf Reisen lernte er fremde Kulturen kennen. Die Gestaltungskunst der Armen und Obdachlosen faszinierte ihn. Wie bauen Menschen Häuser, die das nicht gelernt haben? Wie improvisieren sie? Bis heute staunt der ruhige Mittvierziger, wie unterschiedlich Slumbewohner in Managua oder Obdachlose in Tokio mit wenigen Mitteln eine Hütte zusammenzimmern und oft kunstvoll schmücken, um sich ein wenig zu Hause zu fühlen.

Demselben Gestaltungsdrang begegnete Kerber in Zaatari. Ein Freund, der das Lager für das UN-Flüchtlingswerk leitete, hatte ihn dorthin gelotst. „Es ist unglaublich, wie diese Menschen aus nichts etwas schaffen.“ Für ihn sind sie die wahren Künstler. Ihrer Kreativität will Kerber Raum geben, zunächst mit einem anpassungsfähigen Mehrzweckzelt, das er Domo (lateinisch für Haus) nennt.

Das igluförmige Zelt besteht aus einem ausziehbaren Alu-Tragwerk, einer Kunststofffolie als Boden und einer wasserdichten Außenhaut aus beschichteter Baumwolle. Jedes bietet auf einem 24 Quadratmeter großen Sechseck Platz für bis zu acht Personen. Dorfähnlich in kleinen Gruppen angeordnet, lassen sich die Domos je nach Bedarf erweitern oder mit anderen kombinieren, sodass ein großer zusammenhängender Raum entstehen kann. Wenn zum Beispiel Verwandte im Camp ankommen, können sie sich zu ihrer Familie gesellen. Anbauten eignen sich als Kochstelle, Toilette oder Kinderschlafzimmer. Moskitonetze an Fenstern und Eingängen schützen die Bewohner vor Malaria. „Wenn es kalt wird“, sagt Kerber und streicht dabei sachte über eine Plane des Prototyps, „können die Flüchtlinge am Tragwerk eine Innenhaut befestigen und den Zwischenraum mit Palmwedeln oder Stroh füllen.“ Mit Holz- oder Metallplatten lasse sich die Notunterkunft sogar in ein festes Haus verwandeln.

Derzeit kostet das Domo rund 4200 Euro und ist damit nur unwesentlich teurer als das Standardzelt – aber viel länger haltbar. Japanische Hilfsorganisationen haben schon eine erste Tranche bestellt, das Technische Hilfswerk und das Rote Kreuz seien interessiert. Zum Ärger von Kerber hat die Uno gerade 10.000 Ikea-Hütten bestellt.

Gefertigt wird das Modulzelt in Shanghai. Kerbers Mitarbeiter haben die chinesischen Nähereien und Metallwerkstätten inspiziert, ohne Beanstandungen. Im Sommer sollen die ersten zehn Domos in Zaatari eintreffen. Ein patentiertes Klicksystem macht Werkzeuge überflüssig. „Zwei Geübte brauchen dafür 15 Minuten“, versichert Kerber. Die Betriebsanleitung besteht aus Bildern, damit sie jeder versteht. Nichts ist verklebt, jedes Teil recycelbar.

Für den Künstler markiert das Domo nur den Anfang eines langen Prozesses. Er will versuchen, ein Flüchtlingslager wie Zaatari in eine gewaltfreie Stadt zu verwandeln, die ihren Bewohnern Perspektiven bietet. Überdies soll sie nachhaltig sein. Müll müsse getrennt und recycelt werden. Das Camp brauche ein Abwassersystem, Windkraft- und Solaranlagen und einen Internetanschluss. Große Ziele, doch Kerber glaubt daran, dass all das machbar ist. Bestärkt fühlt er sich von vielen Initiativen: Manche nutzen das Grauwasser, um Gemüse, Kräuter oder Bäume zu pflanzen. Andere verleihen und reparieren Fahrräder und Kleider. „Wenn man erst einmal anfängt, anders zu denken, ist alles möglich“, sagt er.

Viel Überzeugungsarbeit liegt hinter, aber auch noch vor ihm. „Es ist nicht leicht, Gewohnheiten zu verändern“, sagt der dreifache Familienvater. Das soziale Design stößt ein Zusammenspiel aller Beteiligten an: Hilfsorganisationen sollen die Talente der Flüchtlinge nutzen. Und von den Vertretern der jordanischen Regierung erwartet Kerber, dass sie Zaatari eine Entwicklungschance einräumen. „Alle müssen begreifen, dass dieses neue Denken allen nützt.“ Viele Flüchtlinge sind gut ausgebildet. Vor allem Handwerker könnten sich einbringen und ihr Umfeld selbst gestalten. Ihr Engagement würde die Hilfsorganisationen entlasten. Auch das Land würde profitieren, wenn die Flüchtlinge Jobs und geringe Einkommen hätten und mit den Städten in der Region Handel treiben könnten. Zwar hofft man in Amman noch, dass die Flüchtlinge irgendwann wieder nach Syrien zurückgehen, aber das hält Kerber für eine Illusion.

Alleine könnte der Mann mit den wachen Augen das alles nicht stemmen. Ein zwölfköpfiges Team steht ihm zur Seite. Außerdem ist er gut vernetzt und bekommt Rückendeckung aus Wissenschaft und Wirtschaft – von der Harvard-Universität bis zur BMW-Stiftung.

Die Startfinanzierung sicherte sich Morethanshelters per Crowdfunding. Inzwischen hat das Domo einige Auszeichnungen für Innovation und Nachhaltigkeit bekommen. Die Preisgelder fließen in das humanitäre Projekt, ebenso wie die Einnahmen aus der kommerziellen Vermarktung der Zelte bei Großveranstaltungen und Festivals.

Der „Herzbluttäter“, wie sich Kerber selbst bezeichnet, hat seine Lebensaufgabe gefunden. Er will nicht mehr tatenlos zusehen, wie Menschen verrohen, sich gewalttätige Konflikte fortpflanzen und Städte vermüllen. Mit ökologischen und der jeweiligen Kultur angepassten Methoden versucht er, Flüchtlingscamps mit Leben zu füllen. „An jedem Platz der Welt Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen, das müssten wir doch hinkriegen“, sagt Kerber mit einem gewinnenden Lächeln. Zaatari, das drittgrößte Flüchtlingslager der Welt, könnte zur Blaupause für viele andere werden.
morethanshelters.org