Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Eine Frage der Fläche

Text: Julia Lauter

Wie viel Ackerland braucht ein Mensch zum Leben? Auf einem Feld nahe Berlin wird dieser Frage nicht mit Statistiken, sondern mit Gießkanne und Spaten nachgegangen: Dort wird anschaulich, was in der globalen Landwirtschaft falsch läuft – und wie man es besser machen kann

Ein lang gezogenes Feld am Havelufer, sandiger Boden, gesäumt von Obstbäumen und Wildblumen: Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieser Acker nicht von anderen in Gatow. Doch dieses 2000 Quadratmeter große Stück Land soll nicht weniger als die globale Agrarpolitik versinnbildlichen. „Eine Fläche so groß wie ein Supermarkt, so viel steht jedem Menschen rechnerisch zur Verfügung“, sagt Luise Körner, während sie beginnt, den Roggen zu wässern. „Auf dem Weltacker wollen wir ein Gefühl für die eigene Rolle in der globalen Landwirtschaft vermitteln.“ Wir, das sind neben der Koordinatorin Luise Körner rund 20 Menschen, die das Feld seit 2014 bestellen. Damals bauten sie anteilig genau das an, was auf der globalen Ackerfläche wächst: Soja, Mais und Ölfrüchte wie Raps dominierten das Feld, rund 55 Prozent der Ernte galten nur den Biokraftstoffen und der Fleischerzeugung – die Missstände der globalen Landwirtschaft wurden schnell sichtbar. „Mit Biodiesel von 2000 Quadratmetern kommt man gerade mal von Berlin nach Neapel und zurück – dabei sollte davon doch ein Mensch satt werden“, sagt Luise.

Diesen Anspruch will der Weltacker nun 2015 erfüllen. Der durchschnittliche EU-Bürger beansprucht mit seinem Konsum rund 700 Quadratmeter mehr Fläche, als ihm rechnerisch am globalen Ackerland zustehen – das fehlt dann an anderer Stelle. „Wir zeigen mit dem Anbau von regionalen Sorten in diesem Jahr, dass es auch anders geht“, sagt Körner. Sie dokumentieren ihre Ernte präzise und messen so die Kalorien, die der Weltacker hervorbringt. „Zuerst sollte nur ein Mensch sich von der Ernte des Ackers ernähren. Aber jeden Tag alleine essen – das mochten wir niemandem zumuten“, sagt Benedikt Haerlin, einer der Weltacker-Initiatoren. Stattdessen wird nun einmal wöchentlich gemeinsam mit allen Freiwilligen gegessen und die Tagesration für eine Person rechnerisch ermittelt.

„Wir wollen die Agrarlobby entlarven, die ja bei jeder Gelegenheit behauptet, wir bräuchten Gentechnik und Chemie, um alle Menschen satt zu kriegen“, sagt Haerlin. Aber lässt sich ein so komplexes Thema wie die globale Landwirtschaft überhaupt verkürzt darstellen, ohne Wesentliches wegzulassen? „Wir sind uns der Grenzen der Darstellbarkeit bewusst“, versichert Haerlin.  Die Agrarflächen der Erde sind sehr unterschiedlich – manche bringen drei Ernten, andere nur eine sehr karge hervor. „Die Gegenseite setzt darauf, dass die Komplexität des Themas abschreckt“, sagt Haerlin. Dieser wolle man aber nicht das Feld überlassen.

Im Winter wird sich zeigen, ob auf dem Weltacker genug Essen für einen Menschen gewachsen ist. Die Betreiber sind zuversichtlich. Ihr Wunsch ist es, dass die 2000 Quadratmeter ein gängiges Bild werden: „Nahrungssicherheit klingt nach Herkulesaufgabe“, sagt Haerlin. „Aber zu 2000 Quadratmetern kann ich eine Beziehung aufbauen und dafür Verantwortung übernehmen.“