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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Eine Frage – drei Antworten / 1.16

BRAUCHEN WIR EINE ZUCKERSTEUER, DAMIT SICH DIE MENSCHEN GESÜNDER ERNÄHREN?

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, nicht mehr als sechs Teelöffel Zucker am Tag zu konsumieren. Die Deutschen aber, die Süßigkeiten, Fertiggerichte und Softdrinks lieben, kommen im Schnitt auf das Vierfache. Nun fordern Ärzte eine erhöhte Mehrwertsteuer – und stoßen auf Widerstand

1_ Dietrich Garlichs (67), Deutsche Diabetes Gesellschaft, gründete Die Allianz nichtübertragbare Krankheiten
Ja, denn trotz aller Aufklärungsbemühungen erleben wir einen Tsunami chronischer Krankheiten. Alle Appelle an die Vernunft des Einzelnen, sich gesünder zu ernähren, sind gescheitert. Übergewicht und Lebensstilkrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen verursachen heute rund 80 Prozent der vorzeitigen Todesfälle und Gesundheitskosten. Also brauchen wir eine Umschichtung: höhere Steuern auf Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Salzanteil, die Streichung der Steuer für gesunde Lebensmittel. Dass Preissignale wirken, belegen Beispiele. Tabaksteuererhöhungen haben den Zigarettenkonsum Jugendlicher halbiert; in Mexiko senkte eine Steuer auf gesüßte Getränke sofort den Absatz. Sind solche Steuern ungerecht? Nicht, wenn wir gesunde Lebensmittel überproportional entlasten. Schreiend ungerecht und ein gesundheitspolitischer Skandal ist dagegen die Tatsache, dass die wirtschaftlich schwächsten 20 Prozent unserer Gesellschaft etwa zehn Jahre kürzer leben als die stärksten.

2_ Michaela Rosenberger (55) ist Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten
Nein. Denn mit Steuern und Verboten wird es keinen Bewusstseinswandel bei der Ernährung geben. So eine Steuer trifft besonders Geringverdiener, und das impliziert, dass sich besonders diese schlecht ernähren. Doch die Menschen wollen beim Essen nicht bevormundet werden. Eine unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel führen zu Übergewicht und seinen Folgekrankheiten, nicht einzelne Nähr- oder Inhaltsstoffe wie Zucker oder Fett. „Ungesunde“ Lebensmittel per se gibt es nicht. Problematisch sind nicht die Lebensmittel, sondern die Häufigkeit ihres Konsums. In Maßen genießen, nicht in Massen, darauf kommt es an. Deshalb sind sachliche Aufklärung und ein verantwortungsbewusster Umgang mit Nahrungs- und Genussmitteln notwendig. Kinder sollten schon im Kindergartenalter lernen, woraus Lebensmittel bestehen, wie sie zubereitet werden und wie sie sich ausgewogen ernähren können. Auch im Rahmen des Sozialkundeunterrichts sollte das Thema Ernährung einen festen Platz erhalten.

3_ Natalie Rosenke (38), Webdesignerin, ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung
Eine für alle Menschen gleichermaßen gültige Empfehlung zur gesunden Ernährung gibt es nicht. Eine pauschale Verdammung von Zucker ist wenig zielführend, ja sogar kontraproduktiv, da sie die gedankliche Unterteilung von Lebensmitteln in Gut und Böse fördert. Diese Moralisierung gilt als fruchtbarer Boden für Essstörungen. Meist sind Vorschläge dieser Art darauf zurückzuführen, dass nur der schlanke Körper als gesund betrachtet wird. Das deckt sich allerdings nicht mit den Ergebnissen der aktuellen Forschung, die ein leichtes „Übergewicht“ als lebensverlängernden Faktor identifizieren konnte. Bewiesen ist, dass Stress unserer Gesundheit schadet. In diesem Zusammenhang spielt Genuss eine wichtige Rolle: Er fördert unsere Entspannung. Es wäre daher dringlicher sicherzustellen, dass der Geschmack in Lebensmittel wie die Tomate zurückkehrt, die inzwischen mehr nach der Kartonage, in der sie geliefert wird, als nach „Bella Italia“ schmeckt. Verbote und „Sündensteuern“ sind der falsche Weg.