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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.16

Eine Frage – drei Antworten / 2.16

BRAUCHEN WIR FAHRVERBOTE IN DEUTSCHEN STÄDTEN, UM DIE LUFTVERSCHMUTZUNG EINZUDÄMMEN?

Nicht nur in Peking, auch in deutschen Großstädten übersteigt der Feinstaub- und Stickoxidgehalt der Luft immer wieder Grenzwerte. Sollten wir bei Smog Fahrverbote verhängen oder gar autofreie Sonntage einführen und die Innenstädte für den Verkehr sperren?

1_ Johannes Lelieveld, 60, ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz
Ja, aber auch die Landwirtschaft muss reguliert werden. Etwa 3,3 Millionen Menschen weltweit sterben jedes Jahr vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung. In Deutschland sind es fast 35.000. Industrie und Verkehr gelten als die schlimmsten Verschmutzer. In Europa ist jedoch die Landwirtschaft einer der Hauptverursacher. Ammoniak – aus Düngemitteln und Massentierhaltung – wandelt sich in der Atmosphäre in Feinstaub um. Über 40 Prozent des Feinstaubs in Deutschland werden durch die Landwirtschaft verursacht. Weitere Quellen sind der Straßenverkehr, fossile Kraftwerke und die Industrie. Der Straßenverkehr schlägt in Deutschland mit rund 20 Prozent – und etwa 7000 Toten pro Jahr – zu Buche. Demnach sterben hierzulande doppelt so viele Menschen an den Folgen der Verkehrsemissionen wie durch Verkehrsunfälle. Doch mit einem Fahrverbot allein werden wir nur 20 Prozent des Problems lösen. Andere Verschmutzungsquellen müssten ebenso reguliert werden.

2_ Fritz Kuhn, 60, ist grüner Oberbürgermeister von Stuttgart – der deutschen Stadt mit der schlechtesten Luft
Wir brauchen einen Bewusstseinswandel – aber zur Not auch Fahrverbote. Die Luft in Stuttgart muss besser werden. Wir haben schon vieles getan, aber die Fortschritte reichen noch nicht aus. Deshalb hat Stuttgart zu Jahresbeginn den Feinstaub-Alarm eingeführt. Dabei setzen wir zunächst auf Appelle und Freiwilligkeit sowie auf das Verantwortungsgefühl und die Einsicht der Bürger. An Tagen, die aufgrund der Witterungsverhältnisse eine besonders hohe Schadstoffbelastung erwarten lassen, sollen die Autofahrer auf Busse und Bahnen umsteigen, Fahrgemeinschaften bilden, Rad fahren, zu Fuß gehen oder von zu Hause aus arbeiten. Reichen diese freiwilligen Maßnahmen nicht aus, dann wird es in absehbarer Zeit auch Fahrverbote geben müssen. Damit dies nicht geschieht, brauchen wir jetzt einen Bewusstseinswandel, denn jeder Autofahrer trägt selbst zur Schadstoffbelastung bei – nicht nur der andere. Jeder kann und muss jetzt seinen Beitrag leisten, denn: Unsere Luft geht alle an.

3_ Ulrich Klaus Becker, 63, ist Vizepräsident des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC)
Nein, dieses Problem müssen die Autohersteller technisch lösen. 2008 wurden die ersten Umweltzonen eingeführt. Bis heute sind sie den Nachweis schuldig geblieben, dass sie die Luft spürbar verbessern. Inzwischen hat das Umweltbundesamt bestätigt, dass Feinstaub und Stickoxide zu großen Teilen bei Verbrennungsprozessen in Industrie und Haushalten entstehen und nur zu einem geringeren Teil von Autos stammen. Es steht außer Frage, dass auch der Straßenverkehr seinen Beitrag zur Reduzierung der Schadstoffe leisten muss. Doch statt Fahrverboten brauchen wir intelligente Lösungen wie Grüne Wellen. Damit kann beispielsweise der Stickoxid-Ausstoß um rund ein Drittel verringert werden. Gefordert ist darüber hinaus die Fahrzeugindustrie. Sie muss die schon heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten konsequent nutzen und endlich Fahrzeuge auf den Markt bringen, die auch im Realbetrieb sauber sind. Denn wo sich Probleme technisch lösen lassen, sind Verbote verzichtbar.