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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Eine Frage – drei Antworten / 5.15

SOLLTEN DIE DEUTSCHEN SUPERMÄRKTE NICHT VERKAUFTE LEBENSMITTEL SPENDEN MÜSSEN?

In Frankreich gilt seit Mai ein neues Gesetz: Große Supermärkte müssen übrig gebliebene Nahrungsmittel an karitative Einrichtungen abgeben. Linke und Grüne fordern eine ähnliche Regelung für Deutschland

1_ Jochen Brühl, 49, ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel
Nein, ein Bewusstseinswandel lässt sich nicht verordnen. Wir benötigen ein neues Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln – von den Herstellern über die Händler bis hin zu den Endverbrauchern. Die immense Verschwendung ist nicht länger tragbar. Nicht aus sozialgesellschaftlicher, nicht aus ökologischer und nicht aus ökonomischer Sicht. Als älteste Lebensmittelretter-Organisation versuchen die Tafeln seit mehr als zwanzig Jahren, einen Ausgleich zwischen Überfluss und Mangel zu schaffen. Wir haben in dieser Zeit schon ein Umdenken beim Handel und den Verbrauchern erreichen können, aber wir sind noch nicht am Ziel. In unserer Wohlstandsgesellschaft scheint das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln verloren gegangen zu sein. Durchschnittlich wirft jeder pro Jahr 81 Kilogramm weg. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen von Armut betroffen. Deshalb setzen wir auf Bildung, Aufklärung und Überzeugung statt auf gesetzliche Verordnung. Ein langer, aber nachhaltiger Weg.

2_ Christian Schmidt (CSU), 57, ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft
Nein, unsere Initiativen setzen Anreize. Das ist der bessere Weg. Unsere Lebensmittel sind zu gut für die Tonne. In ihnen stecken viel Arbeit und wertvolle Ressourcen – sie haben Wertschätzung verdient. Dafür wirbt mein Haus mit der Initiative „Zu gut für die Tonne“. Viele Partner, von den Kommunen über die Tafeln bis hin zum Handel, machen dabei mit. Diese Dynamik lässt sich nicht per Gesetz verordnen. Sie lebt vom Engagement aller Beteiligten. So ist in vielen deutschen Supermärkten – auch dank der Hilfe zahlreicher Ehrenamtlicher – die Weitergabe von unverkauften genießbaren Lebensmitteln an die Tafeln längst Praxis. Auch viele andere Ideen wirken: etwa die Beste-Reste-Box für Restaurants oder unsere App für gute Resteküche. Ich will diesen Weg weitergehen, mit langem Atem, vielen Partnern und kreativen Lösungen. Mit dem Bundespreis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung laden wir alle zum Mitmachen ein – damit unsere Lebensmittel auf dem Teller und nicht in der Tonne landen.

3_ Sascha Ringler, 34, ist seit mehr als zehn Jahren obdachlos und und lebt in Hamburg
Ja, aber ein Gesetz entlässt die Politik nicht aus der Verantwortung. Generell wird in Deutschland viel zu viel weggeschmissen. Ich bin gelernter Koch und habe gesehen, wie viel allein in der Gastronomie im Müll landet. Dazu kommt, was Einzelhandel, Großhandel, Bauern und Privatleute wegwerfen. Eigentlich müsste keiner hungern! Ich finde es sehr gut, dass es Organisationen wie die Tafel gibt, die solche Lebensmittel weitergeben. Seit ich obdachlos bin, nehme auch ich die Essensangebote in Anspruch. Es wäre gut, wenn Lebensmittel von Supermärkten generell nicht mehr weggeworfen, sondern an solche Organisationen gespendet würden. Aber der Staat sollte sich mit so einem Gesetz nicht aus der Verantwortung stehlen und die Versorgung von Bedürftigen gänzlich auf private Einrichtungen abschieben. Er muss Obdachlosen kein Essensgeld bezahlen, denn tatsächlich können viele damit nicht umgehen. Aber der Staat könnte ja zum Beispiel die Leute, die die Lebensmittel einsammeln und weiterverteilen, für ihre Arbeit bezahlen.