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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Eine Frage – drei Antworten / 5.16

SOLLTE DAS MINDESTHALTBARKEITSDATUM ABGESCHAFFT WERDEN?
fragt Inga Leffers aus Berlin

Noch immer landen Unmengen genießbarer Lebensmittel im Müll. Ernährungsminister Schmidt will darum die oft missverstandene Datumsangabe abschaffen. Eine gute Idee?

1_ Ja, wir brauchen eine ehrliche Datumsangabe
Jeder Deutsche wirft pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Das ist zu viel! Mein Ziel ist es, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung zu halbieren. Ein Ansatzpunkt ist dabei das Mindesthaltbarkeitsdatum. Manche denken, es sei ein Verfallsdatum. Die Lebensmittel sind aber sehr oft noch gut, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Andere wissen zwar, was gemeint ist, wollen aber doch nicht ihren eigenen Sinnen vertrauen. Ich möchte die Mindesthaltbarkeit deshalb zu einer wirklichkeitsnäheren Verbraucherinformation weiterentwickeln. Es geht dabei nicht darum, die Information ersatzlos und für alle Produkte zu streichen, sondern um ein realistisches, ehrliches Datum. Ich kämpfe zum Beispiel in Brüssel dafür, dass mehr dauerhaltbare Lebensmittel kein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen müssen – wie heute beispielsweise Salz. An der Sicherheit der Produkte darf und wird sich dadurch nichts ändern: Der gesundheitliche Verbraucherschutz hat für mich die oberste Priorität.
Christian Schmidt (CSU), 59, ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft

2_ Nein, das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine Entscheidungshilfe für den Konsumenten
Das Mindesthaltbarkeitsdatum hat sich etabliert. Die Haltbarkeitsangabe ist ein Hilfsmittel zur Prüfung der spezifischen Eigenschaften eines Lebensmittels. Wie zahlreiche Umfragen belegen, wissen Verbraucher das auch, und richtig angewandt trägt die Haltbarkeitsangabe zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung bei. Viele nutzen die Information jedoch als „Lizenz zum Wegwerfen“ und legitimieren damit sozial unerwünschtes Verhalten. Dieses Vorgehen kann nur durch Information und Aufklärung verändert werden. Die Haltbarkeit muss aber vor allem bei kühlpflichtigen Lebensmitteln weiter angegeben werden, um den Konsumenten bei der Beurteilung der Produkte zu helfen. Bei sehr lange haltbaren Lebensmitteln kann es jedoch sinnvoll sein, auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum zu verzichten. Voraussetzung ist, dass die Befreiung für jedes infrage kommende Produkt individuell geprüft wird. Denn Sicherheit und Qualität dürfen nicht beeinträchtigt werden.
Christian Böttcher, 42, ist Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels

3_ Nein, aber die Abgrenzung zum Verfallsdatum muss geschärft werden
Das Mindesthaltbarkeitsdatum abzuschaffen, würde nicht dazu beitragen, die weggeworfene Menge an Lebensmitteln zu reduzieren. Überwiegend landen Produkte wie Obst, Gemüse, Brot und Teigwaren im Müll, die es ohnehin nicht tragen. Verbraucher sollten aber unbedingt den Unterschied zum Verfallsdatum kennen und wissen, dass ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht bedeuten muss, dass das Produkt verdorben ist. Deshalb muss geprüft werden, für welche Produktgruppen welche Angaben notwendig sind. Das kann den Wegfall, den Ersatz durch ein Verfallsdatum oder auch den Aufdruck eines Mindesthaltbarkeitsdatums auf Produkten bedeuten, bei denen es bislang nicht vorgesehen war. Außerdem ist es wichtig, zu prüfen, ob für die Festlegung durch die Hersteller ökonomische statt qualitative (Mindesthaltbarkeitsdatum) oder mikrobiologische (Verfallsdatum) Gründe herangezogen wurden. Die Angaben dürfen nicht als Marketinginstrument missbraucht werden.
Jutta Jaksche, 54, ist Referentin für Lebensmittel beim Bundesverband der Verbraucherzentralen