Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Eine Stunde bis zum GAU

März 1979: Nach dem Ausfall der Kühlung droht im Atomkraftwerk Three Mile Island nahe der amerikanischen Stadt Harrisburg eine Kernschmelze. Der bis dahin schwerste Unfall in einem zivilen Reaktor schockiert die Welt. Bis heute ist unklar, wieviele Menschenleben das Unglück kostete.

Es war ein besonders schöner Tag, ein Mittwoch Ende März. „Sonnig, leichter Wind, sehr warm für die Jahreszeit“, erinnert sich Helen Hocker. „Aber Vögel waren nirgends zu hören und zu sehen.“ Ihre ältere Tochter, die damals in Harrisburg lebte, rief morgens aufgeregt an. Sie habe im Radio von einem Störfall auf Three Mile Island gehört. Helen und Charles Hocker wohnen noch immer in ihrem kleinen Haus acht Kilometer westlich vom Atomkraftwerk, nahe Harrisburg, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Pennsylvania. Helen, Verkäuferin, und Charles, inzwischen pensionierter Lastwagenfahrer, blieben arglos.

Die Hockers ahnten nicht, daß die Besatzung des Atomkraftwerkes auf der nahen Flußinsel damit beschäftigt war, eine Katastrophe abzuwenden. Bald darauf spürten beide einen starken metallischen Geschmack. Charles’ Gesichtshaut wurde feuerrot. Zwei Tage später waren die meisten Nachbarn geflohen, auch die Hockers verließen ihr Viertel und fuhren zu Freunden einige Stunden entfernt. „Alle Geschäfte waren geschlossen, die Straßen menschenleer“, sagt Charles. „Es war gespenstisch.“

Für seine abgestorbenen Pfirsichbäume bekam er später von den Betreibern des Atomkraftwerkes Schadensersatz, „etwas mehr als 20.000 Dollar, unbürokratisch“. Damit gab er sich zufrieden. Die ältere Tochter der Hockers starb 1986 mit 40 Jahren an Schilddrüsenkrebs. Sie hatte noch gegen die Betreiber des Reaktors geklagt, aber ihr Mann führte den Prozeß nicht weiter. „Er glaubte nicht, daß es etwas mit Three Mile Island zu tun hatte“, sagt Helen Hocker. „Hier bei uns, die ganze Straße runter, Krebs, Krebs, Krebs“, erzählt ihr Mann mit ausholender Handbewegung. Wegen des Reaktorunfalls? Die Hockers wissen es nicht. Nur in einem Punkt sind sie sicher: „Die Regierung von Pennsylvania hat wohl nicht das Beste getan, um ihre Bürger zu schützen.“

Am 28. März 1979, um 4 Uhr morgens, schalten sich im Reaktor II auf Three Mile Island zwei Wasserpumpen des äußeren Kühlkreislaufes automatisch ab, weil eine Rohrleitung undicht ist. Der Primärkreislauf um den Reaktorkern wird dadurch nicht mehr ausreichend gekühlt, Wassertemperatur und -druck steigen schnell an. Im Druckerzeuger des Primärkreislaufes öffnet sich ein Sicherheitsventil, Wasser und Dampf entweichen in eine Notleitung. Das Ventil müßte nach 13 Sekunden wieder schließen, bleibt aber mehr als zwei Stunden unbemerkt geöffnet und erschwert die Kühlung des Reaktorkerns. Notpumpen beginnen sofort, den äußeren Kühlkreislauf wieder mit Frischwasser zu versorgen. Das Wasser gelangt aber nicht bis zum Dampferzeuger, in dem die Hitze des Primärkreislaufes auf den äußeren Kreislauf übertragen wird — Techniker hatten bei einer Kontrolle die Durchlaßventile geschlossen und vergessen, sie wieder zu öffnen. Erst nach acht Minuten bemerkt man im Kontrollraum die Warnleuchten, die Ventile werden geöffnet. Um 4.02 Uhr springt die Notkühlung des Primärkreislaufes an, bringt aber nicht die erhoffte Wirkung. Die Temperatur im Reaktorkern steigt bis nahe an den Schmelzpunkt. Ausströmendes radioaktives Wasser und der Dampf landen in einem Auffangtank, der bald überfüllt ist. Wasser fließt ins Reaktorhaus und wird in einen zweiten Tank im benachbarten Versorgungsgebäude gepumpt. Durch einen Abluftschacht entweicht von dort gegen 4.38 Uhr erstmals radioaktives Gas in die Umgebung.

Wieviel Radioaktivität kam in jenen Tagen aus dem Reaktor? Diese Frage ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Richard Webb (60) ist überzeugt, der Antwort ziemlich nahe zu kommen. Nur will das von ihm niemand so genau hören. „Ich bin ein Experte“, sagt er. Aber die Medien, die Juristen, die Politiker wissen das nicht zu schätzen. Er gilt als Außenseiter, als querulanter Sonderling, und so sieht er auch aus. Anfang der 60er Jahre wurde der damalige Marinesoldat zur Ausbildung an den ersten zivilen US-Druckwasserreaktor abkommandiert, später studierte er Reaktortechnik. Lange vor Three Mile Island war er überzeugt, daß Atomreaktoren nicht beherrschbar seien und jederzeit explodieren können. Eine Bekannte hatte ihm zu Hause im benachbarten Bundesstaat Ohio von dem Störfall bei Harrisburg berichtet. Tagelang wich er nicht vom Telefon. Der Betreibergesellschaft riet er, um jeden Preis die Pumpen der Kühlkreisläufe in Betrieb zu halten. So habe er dazu beigetragen, das Schlimmste zu verhindern.

Webb ist ein Wahrheitsfanatiker, einer, der seine brisanten Thesen nicht bloß behaupten, sondern exakt beweisen will. Keiner habe sich so intensiv mit den Folgen des Unfalls auf Three Mile Island beschäftigt wie er. Er hat dicke Studien geschrieben, alle verfügbaren Daten mit komplexen mathematischen Formeln hochgerechnet, hat die Meßinstrumente rund um den Reaktor analysiert, die – zufällig oder absichtlich? – kein vollständiges Bild jener dramatischen Tage liefern. Tatsächlich sei mindestens 40mal mehr Radioaktivität in die Atmosphäre entwichen, als die Sonderkommission des Präsidenten nach dem Unfall errechnet habe: „Etliche Menschen rund um den Reaktor haben hohe Dosen Radioaktivität abbekommen“, sagt Webb, „und das hat schwere Gesundheitsschäden nach sich gezogen.“

Eine US-Bundesrichterin wies 1996 rund 2000 Schadensersatzklagen aus der Region um den Reaktor ab. Es könne kein zwingender Zusammenhang zwischen dem Unfall und späteren Erkrankungen nachgewiesen werden. Webbs Analysen wurden zur Beweisführung nicht zugelassen. Er hatte den Abgabetermin verpaßt. Nun ist der Wissenschaftler, der bis 1998 zehn Jahre lang in Deutschland lebte und mahnte, wieder in Harrisburg. Völlig verarmt, seit langem freiwillig ohne feste Anstellung, wohnt er gratis in der Dachkammer einer Bekannten. Er will einen neuen Prozeß vorbereiten – seinen eigenen, um sich zu „rehabilitieren“, wie er sagt. Damit seine Analysen vor Gericht doch noch Gehör finden. Damit das, was wahr ist, Wahrheit wird.

Zwischen 5.13 Uhr und 5.41 Uhr am Mittwoch, 28. März, schalten die Techniker die Pumpen des Primärkreislaufes ab, nachdem diese stark vibriert hatten. Was sie bis dahin noch nicht wissen: Im Reaktorkern bilden sich Wasserstoffblasen, weil die überhitzten Metallhüllen der Brennstäbe mit dem Kühlwasser reagieren. Bis 6.18 Uhr liegt das gesamte Kühlsystem des Reaktors still. Der Kern heizt sich weiter auf und beginnt zu schmelzen. Um 6.18 Uhr bemerkt ein Techniker das offene Ventil am Druckbehälter des Primärkreislaufes und schließt ein nachgeschaltetes Notventil. Um 7.24 Uhr löst der leitende Ingenieur auf Three Mile Island die höchste Alarmstufe aus, nachdem im Reaktorgebäude eine weit überhöhte Gammastrahlung gemessen wurde, die am weitesten reichende Strahlenart. Der Gouverneur von Pennsylvania wird informiert. Gegen 8 Uhr erfährt ein Radioreporter beim Abhören des Polizeifunks von einem Notfall auf Three Mile Island. Radio Harrisburg sendet die Nachricht um 8.25 Uhr. Die Reaktorkontrollkommission unterrichtet Präsident Jimmy Carter. Um 9.30 Uhr gibt die Betreibergesellschaft „Metropolitan Edison“ ihre erste Stellungnahme heraus. Bei dem Störfall auf Three Mile Island sei keine Radioaktivität freigesetzt worden, dies sei auch nicht zu erwarten. Der Alarm im Atomkraftwerk wird in der Mitteilung nicht erwähnt.

„Wir gingen den ganzen Tag über nicht aus dem Haus“, sagt Jane Lee (75), „denn wir wußten genau, was da draußen los ist.“ Die Witwe, die auf einer Farm bei Freunden sechs Kilometer westlich vom Reaktor lebt, erfuhr aus dem Radio von dem Störfall. Als kämpferische Atomkraftgegnerin hatte sie fest damit gerechnet, daß so etwas irgendwann passieren würde.

Mit den Tagen des Unfalls hält sich Jane Lee bei ihren Erzählungen nicht lange auf. Die Folgen sind ihr Thema, die Kranken, die Toten. Sofort begann sie damals, alle Daten und Informationen zu sammeln, an die sie herankam. So auch Grafiken über die Verteilung der radioaktiven Wolken: „Die habe ich in der Staatsbibliothek in Harrisburg kopiert. Ein paar Tage später waren sie verschwunden, auf Mikrofiches unter einer anonymen Nummer gespeichert, die man nicht so leicht herausfindet.“ Den offiziellen Verlautbarungen glaubt sie bis heute keinen Buchstaben: „Die stecken doch alle unter einer Decke: Staats- und Bundesregierung, Justiz, Kontrollkommission und Kraftwerksbetreiber. Nichts als Lügen. Diese Bastarde gehören alle ins Gefängnis.“

Jane Lee startete eine Großrecherche. Mitte der 80er Jahre befragte sie mehr als 300 Haushalte in Highspire, einem Ort sechs Kilometer nördlich von Three Mile Island, der nach ihren Informationen besonders viel Radioaktivität abbekommen hatte. Die Ergebnisse hat sie mit bunten Punkten auf Klarsichtfolien geklebt, die sie über einen Stadtplan hängt: Krebserkrankungen, Mißbildungen und Fehlgeburten zuhauf, ein Konglomerat des Todes.

Wahrscheinlich kennt rund um Harrisburg niemand so viele Krebsopfer wie Jane Lee, bei etlichen Veranstaltungen hat sie über ihre Arbeit berichtet. Für Wissenschaftler oder Juristen sind die Umfragen wertlos, aber das ist ihr egal. „Ich glaube nur das, was ich selbst gesehen und gehört habe“, sagt sie und schaut wütend zum Horizont, wo die Kühltürme des Reaktors dampfen: „Solange ich lebe, werden die da drüben keine Ruhe vor mir haben.“

Am Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag, 29. März, wird der Reaktorkern mit Wasser aus Hochdruckpumpen gekühlt. Die Gasblasen im Kühlkreislauf behindern den Fluß des Kühlwassers und damit eine deutliche Temperatursenkung. Die Techniker haben die Blasen unterdessen entdeckt, wissen aber noch nicht, daß sie teilweise aus hochexplosivem Wasserstoff bestehen. Gegen 4.35 Uhr am Donnerstag versuchen sie, das Gas in einen Tank im Versorgungsgebäude zu pumpen. Die Leitung leckt, weitere Radioaktivität entweicht in die Atmosphäre. Um 10 Uhr gibt der Betreiber Metropolitan Edison in Hershey bei Harrisburg die erste Pressekonferenz. Präsident Walter Kreitz sagt den 120 Reportern, daß der Ausstoß von Radioaktivität im normalen Bereich liege. Joseph Hendrie, Vorsitzender der Reaktorkontrollkommission, erklärt anschließend gegenüber Kongreßabgeordneten, der Unfall sei vorüber. Um 16.15 Uhr nehmen Techniker eine Wasserprobe und stellen fest: Etwa zehn Prozent der gesamten Radioaktivität des Kerns zirkuliert bereits im Kühlwasser. Erst jetzt bemerken die Techniker, daß die Blasen im Kühlkreislauf aus Wasserstoff bestehen und nicht kondensieren.

„Die Reaktormannschaft hatte zu jeder Zeit alles im Griff. Die Wasserstoffblasen hätten niemals explodieren können, das ist lächerlich“, sagt Tom Kauffmann (45). Damals arbeitete er als Techniker im Reaktor II. Als er an jenem Mittwoch kurz nach Beginn des Unfalls in das Atomkraftwerk kam, „gab es keine Anzeichen von Panik, alles war sehr professionell organisiert.“

Am Vormittag wurde er mit einigen Kollegen als Einsatzreserve in das Besucherzentrum an der Uferstraße geschickt. Es folgten „anstrengende Tage, aber es bestand nie die Gefahr einer Kernschmelze. Die akute Krise war nach 24 Stunden vorbei“, behauptet er bei einer Betriebsführung in einem der leergeräumten Kühltürme von Reaktor II, und seine Worte hallen in der riesigen Betonröhre wider. Die Medienberichte hätten wenig mit dem zu tun gehabt, was sich im Reaktor abspielte. Er räumt ein, daß die Journalisten dafür nicht verantwortlich waren, bleibt aber bei seiner Erinnerung: keine Gefahr für Land und Leute.

Heute arbeitet Kauffmann als Sprecher der Betreibergesellschaft. Ein wertvoller Mann: Er hat einen Atomreaktor auf dem Weg zur Kernschmelze erlebt und ist weiter felsenfest davon überzeugt, daß Atomkraft unverzichtbar ist. „Unser Reaktor I“, sagt er stolz, „hält den Weltrekord im Dauerbetrieb: 479 Tage am Stück.“ Auf den 20. Jahrestag des Unfalls und die Journalisten aus aller Welt freut sich Kauffmann besonders: „Kein Reaktorunfall ist so intensiv untersucht worden wie dieser. Die vergangenen 20 Jahre haben bewiesen, daß durch Radioaktivität niemand geschädigt wurde. Höchstens durch mentalen Streß.“

Am Freitag, 30. März, entweicht wiederholt radioaktives Gas in die Atmosphäre. Die Techniker wollen es aus dem Primärkreislauf zu Tanks im Versorgungsgebäude pumpen, aber Verbindungsleitungen lecken. Der Tank einer Dekontaminationsanlage droht unter dem Druck radioaktiven Dampfes und Gases zu explodieren; die Techniker öffnen gegen 7 Uhr ein Ventil und lassen das Gas in die Atmosphäre entweichen, bis der Druck sinkt. Um 8.34 Uhr meldet Three Mile Island dem Katastrophenzentrum von Pennsylvania, es könne eine Evakuierung notwendig werden. Ein städtischer Angestellter in Harrisburg, der die bedrohliche Entwicklung verfolgt, startet um 10 Uhr eigenmächtig einen sechsminütigen Sirenenalarm.

In der Stadt bricht Panik aus. Der Gouverneur von Pennsylvania, Richard Thornburgh, sieht um 10.25 Uhr keine Notwendigkeit für eine Evakuierung. Er empfiehlt statt dessen, daß Anwohner innerhalb eines 16-Kilometer-Radius um den Reaktor im Haus bleiben, die Fenster schließen und die Klimaanlagen abschalten sollen. Die Nationalgarde in Pennsylvania hält sich für eine mögliche Evakuierung bereit. Um 11 Uhr meldet Three Mile Island der Reaktorkontrollkommission eine Freisetzung von Radioaktivität. Um 12.30 Uhr beschließt Gouverneur Thornburgh, Vorschulkinder und schwangere Frauen aus einem 8-Kilometer-Radius um den Reaktor zu evakuieren. 75.000 Menschen fliehen aus Harrisburg und Umgebung.

Robert Reid (67) wurde am Mittwoch um 8.45 Uhr von einem Mitarbeiter über den Unfall informiert. Er war damals Bürgermeister von Middletown, der Nachbargemeinde des Reaktors. Zugleich arbeitete er als Lehrer an einer örtlichen High School. Von seinem Bürgermeisterbüro aus versuchte Reid erfolglos, einen Verantwortlichen auf Three Mile Island zu erreichen. Ein Manager aus dem Krisenzentrum des Betreibers Metropolitan Edison beruhigte ihn kurz darauf am Telefon: alles unter Kontrolle. Das Fernsehen berichtete gerade das Gegenteil.

Am Nachmittag ging Reid zurück in seine Schule. Abends traf er bei einem Laden für Handwerkszubehör einen Mann, der sich einen Geigerzähler gekauft hatte. Das Gerät schlug weit aus. Seitdem steht für ihn fest: „Aus dem Reaktor kam wesentlich mehr Radioaktivität als das, was die Betreiber zugegeben haben. Es gibt leider keine zuverlässigen Statistiken, aber ich bin überzeugt, daß viele Krebserkrankungen und andere Schäden während der folgenden Jahre auf den Unfall zurückzuführen sind.“

Reid, der heute als Verwalter am Kreisgericht in Harrisburg arbeitet, beruhigte die Menschen in Middletown und verhinderte ein Chaos bei der Evakuierung. Der Betreibergesellschaft wirft er schwere Fehler und Unterlassungen vor. Zum Atomkraftgegner wurde der heute noch populäre Republikaner seit jenen Tagen trotzdem nicht. Die Atomkraft hält er für „die Technik der Zukunft. Wie sollen wir’s denn sonst machen?“ Und er glaubt, daß die Betreiber aus dem Unfall die richtigen Lehren gezogen haben.

In Middletown wird es nie wieder so beschaulich zugehen wie vor dem Unfall – aber Three Mile Island, das ist lange her. So wie er selbst, sagt Robert Reid, denken viele in seiner Stadt.

Bei einer Pressekonferenz erklärt die Betreibergesellschaft am Samstag, 31. März, um 11 Uhr, die Gasblasen seien über Nacht um zwei Drittel geschrumpft, die Krise vorbei. Die Reaktorkontrollkommission widerspricht um 12 Uhr: Die Wasserstoffblasen wachsen weiter. Steige der Sauerstoffanteil in den Blasen weiter an, drohe das Gemisch zu explodieren. Erneut flüchten Tausende Menschen aus der Region. Das Gesundheitsministerium in Harrisburg organisiert große Mengen Jodtabletten, deren Einnahme Schilddrüsen gegen radioaktive Jodemissionen schützen soll. Die Agentur AP sendet um 20.27 Uhr die „dringende“ Nachricht, die Gasblasen könnten jede Minute explodieren. Zwei Gruppen innerhalb der Reaktorkontrollkommission streiten über die Wahrscheinlichkeit und den Zeitpunkt einer Explosion im Reaktor. Am Sonntag, 1. April, kommt Präsident Carter nach Three Mile Island. Um 14 Uhr sagt er, der havarierte Reaktor sei stabil. Später am Nachmittag gelingt es der Betreibergesellschaft, das Gas aus dem Primärkreislauf abzuleiten. Am 4. April, eine Woche nach Beginn des Unfalls, erklärt Gouverneur Thornburgh im Fernsehen, die Gefahr einer Reaktorkatastrophe sei gebannt. Die meisten Flüchtlinge kehren an den folgenden Tagen nach Hause zurück. Mindestens 50 Prozent des Reaktorkerns sind geschmolzen. Die Reaktorkontrollkommission stellt fest: Hätte man das Sicherheitsventil am Druckbehälter des Primärkreislaufes, das länger als zwei Stunden offenstand, nur eine halbe bis eine Stunde später geschlossen, wären die Brennelemente wahrscheinlich komplett geschmolzen, der Reaktor außer Kontrolle geraten. Eine Stunde bis zum GAU, dem „größten anzunehmenden Unfall“ in der Sprache der Atomtechnokraten.

Eric Epstein (39) kann den Mund nicht lange halten. Er verwandelt seine überschüssige Intelligenz in einen beständigen Strom von Witzen und Provokationen: „Reaktor II auf Three Mile Island lief ungefähr 90 Tage“, rechnet er vor. „Die Betreiber – und damit die Stromkunden – haben für das Experiment und seine Folgen 1,7 Milliarden Dollar bezahlt. Diese Kapitalvernichtung ist reiner Sozialismus. Und das mitten in den USA.“

Während des Unfalls studierte Epstein in Los Angeles, 1984 wurde er Sprecher der Bürgerinitiative „Three Mile Island Alert“ (Alarm auf Three Mile Island) in Harrisburg. Seit 1977 kämpft die Gruppe gegen das Atomkraftwerk auf der Flußinsel zehn Meilen südlich der Stadt. „Die Betreiber von Three Mile Island haben sich des Mordes schuldig gemacht“, sagt Epstein durchaus ernster. „Wir warten noch immer auf unsere Stunde vor Gericht.“ Nach dem Unfall beobachtete er mit seinen Freunden die Aufräumarbeiten im Reaktor II, die bis 1990 dauerten. Vergeblich suchten sie den Neustart des Reaktors I auf Three Mile Island zu verhindern; er ging 1985 wieder ans Netz. Seither protokolliert die Bürgerinitiative akribisch Pannen und Verstöße im Reaktor: betrunkene oder drogensüchtige Arbeiter, marode Technik, Übertretungen von Grenzwerten, Freisetzungen von Radioaktivität.

Epstein, im Hauptberuf Universitätsassistent, hält die Atomkraft für „tot“. Mit dieser These vertritt der liberale Jude keineswegs die Meinung der politischen Mehrheit rund um das tief republikanische Harrisburg. Doch die Liberalisierung des US-Energiemarktes, die Gaskraftwerke und erneuerbare Energien rentabler macht als Atomreaktoren, stärkt seinen Optimismus. Denn bisweilen glaubt er – trotz allem – noch immer an den gesunden Menschenverstand: „Wir arbeiten dafür, daß dieser ganze Mist so schnell und so billig wie möglich beerdigt wird.“

Text: Olaf PreußFünf Tage Angst für die Welt
Am 28. März 1979 versagte die Kühlung im Reaktor II auf Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Der Kern des Reaktors begann zu schmelzen und konnte erst nach fünf Tagen unter Kontrolle gebracht werden. Der bis dahin schwerste Unfall in einem zivilen Atomreaktor schockierte die Welt und brachte der Antiatomkraftbewegung in den Industrieländern starken Auftrieb. In Deutschland wurden 1980 „Die Grünen“ gegründet. Der Reaktor II auf Three Mile Island war erst im Dezember 1978 ans Netz gegangen. Nach dem Unfall holte die Betreibergesellschaft den Kernbrennstoff und kontaminiertes Inventar in einer elfjährigen Bergungsaktion aus dem Reaktor und brachte das Material in ein Zwischenlager. 1985 ging trotz massiver Proteste der Bevölkerung Reaktor I auf Three Mile Island wieder ans Netz. Er hatte bereits 1974 den Betrieb aufgenommen und war während des Unfalls in Reaktor II zur Neubeladung abgeschaltet. Reaktor I hat eine Betriebsgenehmigung bis zum Jahr 2014, eine Verlängerung um 20 Jahre soll womöglich beantragt werden. In einem Revisionsverfahren vor einem US-Bundesgericht klagen noch immer rund 2000 Menschen auf Anerkennung von Gesundheitsschäden durch den Reaktorunfall. Die Betreiber zahlten rund 50 Millionen Dollar Schadensersatz, bestreiten aber, daß ausgetretene Radioaktivität für Krankheit und Tod in der Region verantwortlich sei. Der Nachweis fällt schwer: Auf Three Mile Island wurden hauptsächlich radioaktive Stoffe mit kurzer Halbwertszeit ausgestoßen. Derzeit arbeiten in den USA noch 107 zivile Atomreaktoren. Seit 1979 wurde in den Vereinigten Staaten keine Genehmigung für den Neubau eines Atomkraftwerkes mehr beantragt. Statt dessen konzentrieren sich die US-Reaktorbauer auf den Export ihrer Kraftwerke, vor allem nach Ost- und Südostasien.