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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Energie aus der Hölle

Text: Kirsten Milhahn

Kenia baut eine Geothermieanlage nach der anderen und gefährdet damit einzigartige Ökosysteme

Simon Thomsett rumpelt in seinem Geländewagen durch die staubige Savanne Kenias. Von einer Anhöhe aus überblickt der Ornithologe fast das gesamte Soysambu-Naturschutzgebiet. Antilopen, Zebras und Wasserbüffel dösen am Ufer des Elementeitasees, eines Sodasees mit hohem pH-Wert und Salzgehalt. Das außergewöhnliche Gewässer ist gleich doppelt geschützt: als Unesco-Weltnaturerbe und, über das Ramsar-Abkommen, als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung. Dennoch ist Thomsett besorgt: „In ein paar Jahren ist das wahrscheinlich ein Industriegelände.“

Das rund 200 Quadratkilometer große private Reservat liegt nördlich von Nairobi mitten im Ostafrikanischen Grabenbruch, einer Verwerfung der Erdkruste, die vor rund 20 Millionen Jahren infolge gewaltiger vulkanischer Eruptionen entstanden ist. Viele Meter unter dem Savannenboden ist die Erde noch heute mehrere hundert Grad heiß. An manchen Stellen dringt die Gluthitze als Dampf oder heiße Quelle an die Oberfläche. Allein im kenianischen Teil des Grabenbruchs schätzen Experten das Erdwärmepotenzial auf bis zu 10.000 Megawatt, manche Hochrechnungen gehen sogar vom Dreifachen aus. Das ist weit mehr, als das Land bisher benötigt. Kenias Strombedarf liegt bei rund 2000 Megawatt und wird durch einen Mix aus Öl, Diesel, Wasserkraft und Erdwärme gedeckt. Die Nachfrage nach Energie steigt aber rasant, denn die Wirtschaft wächst jährlich um rund fünf Prozent.

Geothermie gilt als umweltschonend, krisensicher und kostengünstig – schon jetzt erzeugt das afrikanische Land eine Kilowattstunde für weniger als zwei Cent. Doch bislang ist nicht einmal jeder dritte Kenianer ans öffentliche Stromnetz angeschlossen. Die Regierung verfolgt ihre „Vision 2030“: Der Plan sieht vor, innerhalb der nächsten 15 Jahre neue Geothermie-Anlagen im Rift Valley zu bauen, die bis zu 5000 Megawatt liefern sollen. Inzwischen wurden 14 Standorte entlang des Ostafrikanischen Grabens erkundet. „Mindestens sieben dieser Hotspots befinden sich in Naturschutzgebieten oder Nationalparks“, sagt Thomsett. Der Elementeitasee sei einer davon. Er verstehe zwar, dass Kenia die Erdwärme brauche. Er hält es jedoch für unverantwortlich, dass dafür wertvolle Ökosysteme zerstört werden – wie der kleine, aber touristisch sehr beliebte Nationalpark Hell’s Gate.

Das „Tor zur Hölle“ liegt ebenfalls nördlich der Hauptstadt Nairobi mitten im Grabenbruch. Besucher können wandern, klettern, Fahrrad fahren und Wildtiere beobachten. Genau dort wird schon seit den 80er-Jahren Afrikas größtes Geothermie-Projekt „Olkaria“ gebaut. Vier Kraftwerksanlagen speisen bereits Strom ins öffentliche Netz ein. Finanziert wird das Vorhaben vor allem von einem internationalen Konsortium. Die kenianische Regierung, die sich ebenfalls an den Kosten beteiligt, erhält Fördermittel in Milliardenhöhe als Darlehen, etwa von der Weltbank. Mehr als 80 Millionen Euro hat die deutsche Bundesregierung über die Kreditanstalt für Wiederaufbau für Bohrungen und Bau der Olkaria-Kraftwerke I, II, und IV beigesteuert, weitere 33 Millionen Euro wurden über die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) für Olkaria III ausgeschüttet.

Mitten im Hell’s Gate winden sich Rohrleitungen wie Riesenschlangen von Berghängen hinab. Sie verbinden die Bohrtürme mit den Kraftwerksturbinen. Aus manchen Anlagen schießt mit ohrenbetäubendem Lärm heißer Dampf meterhoch in die Luft. Freileitungen überspannen fast das gesamte Gelände. Es stinkt nach faulen Eiern. „Alles nachhaltig“, brüllt Cyrus Karingithi, Assistant Manager des staatlichen Betreibers KenGen, und zeigt auf eine Schlaufe in der Rohrleitung, die sich meterhoch über den Erdboden erhebt. „Sehen Sie, dort passen sogar Giraffen durch.“ Glaubt man KenGen, hat Olkaria keinen Einfluss auf die Natur, weder auf die Zahl und Vielfalt der Wildtiere noch auf deren Wanderverhalten im Park.

Doch Naturschützer und Safariunternehmen fürchten um das Ökosystem von Hell’s Gate, zumal Olkaria weiter expandiert: In den kommenden zehn Jahren sollen vier weitere Kraftwerksanlagen dazukommen. Mit dem Verweis auf Kenias „Vision 2030“ entgegnet Cyrus Karingithi: „Wir brauchen Strom, das hat Priorität.“

Dass dafür nicht ausschließlich Heißwasserquellen angezapft werden, die außerhalb von Schutzgebieten liegen, empört Naturschützer. Kenia verpflichtet sich in der Verfassung schließlich, seine Naturparks für nachfolgende Generationen zu erhalten.