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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Entrüstung

Text: Egmont R. Koch

Das gefährliche Geschäft mit ausrangierter Kriegsmunition

Einige hatten es kommen sehen, hatten immer wieder Briefe geschrieben an die Behörden und die Polizei, anonym, um ihren Job nicht zu gefährden. Aber ihre Warnungen waren nicht wirklich ernst genommen worden.

Am 17. September 2002 um 0.45 Uhr erschütterte eine heftige Detonation das Gebäude M11 auf dem weitläufigen Firmengelände. Die Druckwelle fegte über den Boden, stieß auf eine der dicken Außenwände, ließ sie bedrohlich ins Wanken geraten. Überall rieselte Putz von der Decke. Vier Arbeiter der Nachtschicht, die gerade am anderen Ende der riesigen Halle beschäftigt gewesen waren, versuchten sofort, zum Explosionsort vorzudringen. Aus einer dichten Staubwolke torkelte ihnen ein Kollege entgegen. Er blutete am ganzen Körper, stand offensichtlich unter Schock. Dann fanden sie den zweiten Mann.

Steffen Strohbach lag in einer riesigen Blutlache. Er war tot, das sahen sie sofort. Am Hinterkopf klaffte ein Loch in der Schädeldecke, von der Kleidung hingen nur noch Fetzen am Körper, Hände und Beine waren übersät mit Splitterwunden.

Der tödliche Arbeitsunfall bei der Entsorgungsbetriebsgesellschaft Vogelgesang (EBV), einem ehemaligen Rüstungsbetrieb der DDR, in dem heute ausrangierte Kriegsmunition verschrottet wird, wäre zu verhindern gewesen. Davon waren viele Mitarbeiter überzeugt. Zwei Monate nach dem Tod ihres Kollegen Strohbach brachten sie erneut ein anonymes Schreiben auf den Weg, diesmal an den Sächsischen Staatsminister des Innern in Dresden: „Trotz der tragischen Geschehnisse haben sich die Arbeitsbedingungen nicht geändert.“ Es müsse „weiterhin unter Missachtung der Sicherheitsbestimmungen ... gearbeitet werden“.

Bis vor zehn Jahren wurden Geschosse, die schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, fast alle auf Truppenübungsplätzen abgefackelt oder gezündet, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Doch inzwischen sind die Streitkräfte dazu übergegangen, umweltschonender zu entsorgen. Sie schicken betagte Munition, die ihre Depots verstopft, zu Firmen wie EBV im sächsischen Vogelgesang, die den Sprengstoff aus den Hüllen schmelzen und dann verbrennen oder weiterverkaufen. Am Ende bleibt viel Metall für den Schrotthändler.

Steffen Strohbach hatte einen stupiden, aber extrem gefährlichen Job: Er musste die Maschine DLA 1385 mit panzerbrechender Streumunition beschicken. Dabei handelt es sich um so genannte Bomblets, Kleinbomben, die über dem Gefechtsfeld aus einer Granate gesprengt werden und dann, von Stoffschlaufen („Fallschirmen“) stabilisiert, zu Boden sinken. „Der mit der Mütze“, wie sie ihn nannten, weil Strohbach seine Kopfbedeckung selten ablegte, nahm die mit Hexogen-Sprengstoff gefüllten Bomblets aus einer Kiste, schnitt die Fallschirme ab und stellte die gefährlichen Geschosse auf ein Förderband, das sie in eine Sicherheitskabine transportierte. Dort, geschützt hinter mächtigem Stahlbeton, erfolgte die automatische Demontage.

Der 35-jährige Munitionsarbeiter stand zeitlebens nicht auf der Sonnenseite des Lebens: Er wohnte noch bei seiner Mutter, musste sie unterstützen, weil sie nur eine kleine Witwenrente bezieht; es gab keine Freundin, kaum Freunde, die meiste Zeit verbrachte Strohbach vor dem Fernseher. Manchmal ging er mit den Kollegen ein Bier trinken. Dann wurden, wenn nötig, Schichten getauscht; in der Unglücksnacht war Strohbach für einen Bekannten eingesprungen, der kurzfristig Urlaub genommen hatte.

Hexogen ist ein besonders brisanter Sprengstoff. Schon die kleinste Erschütterung, die geringste elektrostatische Aufladung kann zur Umsetzung führen. Im Rohr der Absauganlage von DLA 1385 hatte sich Hexogen abgelagert und entzündet, das ergaben Untersuchungen des Gewerbeaufsichtsamts Leipzig nach dem Unfall. Warum aber war dieses Rohr, offenkundig ein neuralgischer Punkt der Anlage, nicht innerhalb der explosionssicheren Kammer verlegt worden, sondern in Kopfhöhe über dem Förderband, Strohbachs Arbeitsplatz? Fatale Nachlässigkeit? Oder um Kosten zu sparen?

„Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man immer schlauer“, entgegnet Frank Winkler, geschäftsführender Gesellschafter von EBV, ziemlich flapsig. „Man hätte vielleicht wissen können, aber nicht wissen müssen“, wie gefährlich das freiliegende Rohr ist. Winkler und sein Partner Torsten Rieger, zwei westdeutsche Unternehmensberater, hatten EBV 1996 übernommen, damals waren sie gerade damit gescheitert, eine Lautsprecherfabrik bei Itzehoe zu sanieren. Lautsprecher – das passte irgendwie zu Frank Winkler, dem Vordermann des Tandems: keine leisen Töne, immer fortissimo, mitunter dröhnend. Aber Kriegsmunition?

Das Gespann entwarf zunächst einen betriebswirtschaftlichen Schlachtplan. Ganz oben stand das Ziel, mit der US Army ins Geschäft zu kommen, das verspräche nicht nur große Munitionsmengen, sondern zöge in der Folge andere NATO-Staaten an. General Dynamics, der Generalunternehmer der US Army, wurde mit einem fantastischen Angebot geködert: zwischen 700 und 1400 Dollar pro Tonne, je nach Munitionsart; General Dynamics seinerseits erhielt das Doppelte vom Pentagon. Dem US-Rüstungskonzern muss Winklers Offerte wie eine Lizenz zum Gelddrucken vorgekommen sein. EBV bekam 1998 ein großes Stück vom amerikanischen Kuchen; Auftragsvolumen für fünf Jahre: 19 Millionen Dollar.

Nach dem Vertragsabschluss mit den Amerikanern wurde Steffen Strohbach als Munitionsarbeiter verpflichtet. Der gelernte Baufacharbeiter war 1989 als NVA-Unteroffizier zum sächsischen Munitionsbetrieb gekommen. Im Januar 1991 hatte er einen festen Arbeitsvertrag erhalten, damals ging es um die Verschrottung der NVA-Arsenale. Im Vereinigungsvertrag war festgelegt worden, dass die mehr als 300.000 Tonnen Munition der ehemaligen DDR-Armee auf dem Gebiet der neuen Bundesländer vernichtet werden müssen. Als im August 1994 auch die letzte Geschosshülse entsorgt war, stand Strohbach wieder auf der Straße. Und nicht nur er.

Dann kamen Winkler und Rieger. Doch unter ihrer Ägide wurden viele Billigarbeitskräfte wie Strohbach immer nur befristet engagiert, je nach Bedarf für ein paar Wochen, für ein paar Monate, nur einmal, im Juni 1998, als die ersten US-Lieferungen ins Haus standen, für zwei Jahre. „Sie haben ihm immer gesagt, er sei ja ledig, habe keine eigene Familie zu ernähren“, erinnert sich sein Bruder Jörg, aber vielleicht „war er auch einfach zu still“.

Keine soziale Sicherheit, Löhne auf unterstem Niveau: Strohbach bekam für seine lebensgefährliche Tätigkeit 7,63 Euro pro Stunde. Brutto. Ungelernte Arbeiter in der Bombenfabrik der US Army in McAlester, Oklahoma, die ausrangierte Geschosse zerlegen, bekommen 50 Prozent mehr; Facharbeiter im bayerischen Baugewerbe fast das Doppelte. Seinen letzten Kontrakt unterzeichnete Strohbach am 31. Juli 2002, sieben Wochen vor seinem Tod.

In jener Nacht zum 17. September 2002, als die Munitionsarbeiter in der gespenstischen Stille nach der Explosion erst auf Steffens zerfetzte Castrol-Schirmmütze stießen, dann auf seine Leiche, habe er sehr unruhig geschlafen, erinnert sich Jörg Strohbach. Die beiden Brüder verband ein enges Verhältnis. Noch am Abend vor seiner letzten Schicht hätten sie „in der Küche zusammengesessen, eine Zigarette geraucht und über den gefährlichen Job im Munitionswerk gesprochen“. Gegen fünf Uhr morgens standen zwei Leute von EBV und der Pfarrer mit der Todesnachricht vor der Tür. Später kam auch jemand aus der Geschäftsleitung vorbei, um sein Beileid auszusprechen; Winkler dagegen drückte sich vor dem Kondolenzbesuch, „versteht man eigentlich auch nicht“, sagt Jörg.

Den EBV-Chef, der mit seiner Familie eine Gründerzeit-Villa im exklusiven Wiesbadener Nerotal bewohnt und in einem Hotel absteigt, wenn ihn die Geschäfte in seinen Betrieb nach Sachsen rufen, quälten andere Sorgen: Wie würde das Pentagon, der beste Kunde, auf den „Kollateralschaden“ reagieren? Zu seiner großen Erleichterung gaben sich die Verantwortlichen der US Army ganz entspannt. Als sie erfuhren, dass nicht ihre Bomblets zu der Explosion geführt hatten, sondern solche aus israelischer Produktion, empfahlen sie Business as usual, „weitermachen so wie immer“, entsinnt sich Winkler. Doch an normales Arbeiten war zunächst nicht zu denken.

Unter den Mitarbeitern herrschte nach Strohbachs Tod blankes Entsetzen. Und Empörung, dass ihre unzähligen Beschwerden in den Wind geschlagen worden waren. Offenbar auch vom Innenminister in Dresden. Was sie wahrscheinlich nicht wussten: Das Land Sachsen ist stiller Teilhaber bei EBV, hatte sich 1999 mit 1,8 Millionen Euro an dem Unternehmen beteiligt.

In der Unglücksanlage DLA 1385 hatte es zwischen Januar 2002 und dem Unfall am 17. September insgesamt siebenmal gekracht. Im Juni war einem von Strohbachs Kollegen ein Bomblet aus der Hand gefallen und explodiert. Der Munitionsarbeiter hatte sich schwerste Splitterverletzungen zugezogen. Der Produktionsleiter habe mit der Stoppuhr neben der Anlage gestanden, um zu überprüfen, ob nicht mehr Kleinbomben pro Schicht entsorgt werden könnten, beschwerten sich Teile der Belegschaft bei der Polizei. Akkord bei der Munitionsentsorgung?

Frank Winkler weist den Vorwurf lautstark zurück: Die Sicherheit seiner Mitarbeiter habe immer an oberster Stelle gestanden, „egal zu welchem Preis bei uns entsorgt wird“. Er vermutet Querulanten oder entlassene Mitarbeiter, die sich rächen wollen, hinter der „Kampagne“. An den Vorwürfen sei jedenfalls nichts, „was man ernst nehmen müsse“.

Auch den Diplom-Physiker Bernd Reichelt nimmt Frank Winkler nicht wirklich ernst. Denn der zuständige Beamte des Leipziger Gewerbeaufsichtsamtes kam in seinem Untersuchungsbericht zu einem schockierenden Ergebnis: Der „Hexogen-Entstauber“ der Unglücksanlage, dessen Splitter Steffen Strohbach bei der Explosion tödliche Kopfverletzungen zufügt hatten, habe nicht dem „Stand der Technik“ entsprochen. Mehr noch: Dem Unternehmen seien „die für Sprengstoffstäube zugelassenen Geräte bekannt gewesen“, die Geschäftsleitung habe aber offenbar die „Kostenfrage“ gescheut.

Die Absauganlage sei etwa eineinhalb Jahre vor dem Unglück vom Regierungspräsidium Leipzig genehmigt worden, kritisiert Reichelt zudem, ohne dass die Behörde von der gesetzlich vorgesehenen Möglichkeit Gebrauch gemacht habe, zuvor die Fachleute zu konsultieren. „Hätte man uns zu Rate gezogen“, erbost sich der wackere Aufsichtsbeamte, „wäre eine andere Anlage vorgeschrieben worden.“ Das Regierungspräsidium lehnt wegen der laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen im Fall Strohbach jeden Kommentar ab. Einen Zusammenhang zwischen der strittigen Genehmigung und der Beteiligung des Landes Sachsen am Munitionsentsorger EBV will allerdings auch Reichelt „nicht konstruieren“.

Frank Winkler geht bei solchen Äußerungen der Hut hoch: Reichelt versuche doch nur, „von eigenem Versagen abzulenken“, weil er die Bomblet-Demontage in DLA 1385 mehrfach inspiziert, aber nie beanstandet habe. „Der wirkliche Skandal“ sei nicht das Regierungspräsidium in Leipzig, das habe sich völlig korrekt verhalten, „der wirkliche Skandal sind die völlig unfähigen Aufsichtsbeamten im Lande Brandenburg“, echauffiert er sich. Der Fingerzeig gilt einem Konkurrenz-Unternehmen. Winkler: „Eine so primitive Zerlegung von Bomben wie im Spreewerk in Lübben hätte niemals genehmigt werden dürfen!“

Am 12. November 2002, nur zwei Monate nach der Explosion bei EBV, flog im Spreewerk ein Bunker in die Luft. Vier Arbeiter kamen ums Leben. Vermutlich war beim Ausschmelzen von Sprengstoff aus taiwanesischen 225-Kilo-Bomben ein Metallhaken in ein geöffnetes Geschoss gefallen und hatte beim Eintauchen in bereits verflüssigtes TNT die Detonation ausgelöst. In einer Kettenreaktion zündeten dann noch drei weitere Bomben. In dem Trümmerfeld wurden kaum noch menschliche Überreste gefunden. Nach Einschätzung des Landeskriminalamtes hätten die taiwanesischen Geschosse mit deutlich geringerem Risiko zerlegt werden können. Das war Wasser auf Winklers Mühlen. Die Staatsanwaltschaft Cottbus hat ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Um den Unfall in Lübben ranken sich wilde Spekulationen. Die hängen mit dem Besuch einer hochrangigen taiwanesischen Militärdelegation zusammen, die just am Unglückstag im Spreewerk weilte. Und mit Rudolf Meinhardt. Der hatte wenige Tage zuvor seine Tätigkeit als neuer Geschäftsführer des Unternehmens aufgenommen. Er kam vom Konkurrenten EBV, wo er nach dem Tod von Steffen Strohbach als Geschäftsführer ausgeschieden war. Meinhardt und Winkler waren sich offenbar über die Rendite des Unternehmens in die Haare geraten. Aber mit Meinhardts Wechsel zum Spreewerk hatte Winkler nicht gerechnet.

Dann die Katastrophe in Lübben. „Nicht nur, dass wir den Kunden aus Taiwan im Hause hatten, eigentlich sollte die Delegation genau zu jener Zeit den Bunker besichtigen, als dieser in die Luft flog“, schildert Rudolf Meinhardt die Ereignisse kurz nach 13 Uhr an jenem 12. November. Eine Verzögerung im Ablauf ihres Programms rettete den Chinesen das Leben. Konnte das Zufall sein?

Spätabends klingelten Winkler und Rieger, seine beiden Ex-Chefs, an Meinhardts Haustür, um sich nach den Details des Unfalls zu erkundigen. Er habe sie gar nicht erst herein gebeten und habe ihren Besuch als pure Schadenfreude empfunden, erregte sich Meinhardt noch Monate später.

Der äußerst lukrative Entsorgungsauftrag aus Taiwan war heiß umkämpft gewesen zwischen den beiden ostdeutschen Betrieben, bis zuletzt. Schließlich hatte sich das Spreewerk mit einem deutlich niedrigeren Angebot von 20 Millionen Dollar (gegenüber 28 Millionen Dollar von EBV) durchgesetzt. Billig ist manchmal nicht billig genug. „Wir standen wochenlang unter Schock“, bekennt EBV-Chef Winkler, „denn wir waren fest davon ausgegangen, dass der Auftrag in unsere Richtung geht“.

Vogelgesang brauchte dringend Futter, viel Futter. Erst das entgangene Geschäft mit den Taiwanesen, und dann die Sparmaßnahmen der Militärs. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten alle Nato-Streitkräfte radikal ihre Etats zusammengestrichen, um Verfügungsmasse im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu gewinnen. Die Munitionsentsorgung musste warten. Rächten sich jetzt die Dumpingpreise, die Frank Winkler den Amerikanern 1998 offeriert hatte?

Mitte Mai 2003 musste EBV Insolvenz anmelden. General Dynamics, der Generalunternehmer der US Army, reagierte schnell. Innerhalb weniger Tage erhielt das Spreewerk, der Konkurrent in Lübben, den Auftrag, die Kriegsmunition zu entsorgen. Rudolf Meinhardt hatte am Ende obsiegt. Frank Winkler, der Ende 2002 in weiser Voraussicht eine amerikanische Entsorgungsfirma gekauft hatte, will dort weiterhin Munition für die US Army vernichten.

Etwa zur gleichen Zeit als Winkler das Amtsgericht Leipzig über die Zahlungsunfähigkeit von EBV in Kenntnis setzte, bekam Renate Strohbach ein Schreiben von einer Lebensversicherung, bei der ihr Sohn Steffen nach der Wende einen Vertrag abgeschlossen hatte. Sie sehe sich außerstande, die Schadenssumme auszuzahlen, hieß es darin mit großem Bedauern, weil in der Police als Berufsbezeichnung „Baufacharbeiter“, nicht aber „Munitionsarbeiter“ stehe. Damit aber sei das Arbeitsrisiko nicht gedeckt gewesen.

Egmont R. Koch ist mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilmer. Sein Film zum Thema Munitionsskandal, „Im Auftrag des Pentagon“, lief am 22.10.2003 in der ARD.
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