Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten

Der Reaktor Daiichi bei Fukushima ist auch noch mehr als zwei Jahre nach der Katastrophe außer Kontrolle. Die Betreiberfirma Tepco ist heillos überfordert, doch die japanische Regierung hält stur an der Atomkraft fest

Wenn die matten Männer in ihren blauen Overalls mit gesenkten Köpfen vor die Kameras treten, dann ahnt man schon, was gleich folgt. Es ist die immer gleiche Geste, so entwaffnend wie mittlerweile bedeutungslos. Sie verneigen sich. Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, das haben wir nicht gewollt. Nervöses Zwinkern über den dunklen Augenringen. Sie tun einem fast schon leid.

Zuletzt führte Tepco diese Choreografie im Spätsommer auf. Da hatte der japanische Energiekonzern gerade zugeben müssen, dass täglich schätzungsweise 300.000 Liter radioaktiv belastetes Wasser irgendwo aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in den Pazifik fließen. „Wir bedauern es sehr, so viele Menschen zu beunruhigen, und wir entschuldigen uns bei der Bevölkerung von Fukushima“, erklärte der Tepco-Sprecher Masayuki Ono. Gewusst hatte der Konzern schon seit Januar von den Lecks, bis Juli hatte er versucht, sie zu vertuschen. „Es tut uns leid, dass wir erst jetzt…“ Geschenkt.

Es ist nur die neuste Panne in einer Serie aus Überforderung, Kopflosigkeit und Stümperei. Alarmierend erhöhte Strahlenwerte, radioaktive Wolken, eine Ratte, die das improvisierte Kühlsystem für die immer noch glühenden Brennstäbe knapp 30 Stunden lang lahm legte. Das größte Problem aber ist das Wasser. 340.000 Liter pumpen die Ingenieure jeden Tag in die zerstörten Reaktoren, um sie zu kühlen. Das Wasser kommt sauber rein und verstrahlt wieder raus. Die riesigen Stahltanks, in denen Tepco das Kühlwasser zwischenlagert, werden selbst zur Flut. Mehr als tausend Behälter drängen sich bereits auf dem Kraftwerksgelände, bis 2015 werden es über 2000 sein. Sie wurden hastig und kostensparend zusammengenietet statt verschweißt, die ersten beginnen bereits zu lecken. Bemerkt wird das von den Kontrollpatrouillen erst, als die Suppe schon in den Boden versickert und Richtung Meer gelaufen ist. Stellenweise steigt die Strahlung so stark, dass sie einen Menschen innerhalb weniger Stunden töten würde. Es werden nicht die letzten Zwischenfälle bleiben, denn die Tanks sollen nur fünf Jahre
haltbar sein.

Eine neu errichtete Filtrationsanlage soll das Wasser von radioaktiven Isotopen reinigen. Cäsium und Strontium kann sie herausfiltern, Tritium aber nicht. Behutsam wird die Öffentlichkeit nun darauf vorbereitet, dass man dieses verseuchte Wasser womöglich doch in das offene Meer abpumpen muss. Aber noch nicht einmal zu solchen Verzweiflungstaten ist Tepco derzeit imstande: Kurz nach Inbetriebnahme fiel die Filtrationsanlage auch schon wieder aus – sie rostete und leckte.

Einen Vorgeschmack auf das, was droht, lieferte der Taifun „Man-yi“ Mitte September: Er überschwemmte die Atomanlage teilweise. Tepco wusste sich nicht anders zu helfen, als das nach seinen Angaben schwach strahlende Wasser in den Pazifik abzulassen.

Man fragt sich fast, ob die angekündigte Verseuchung überhaupt noch eine Rolle spielt. Denn während die Tanks langsam zu bersten beginnen, bahnt sich eine unterirdische Flut ihren Weg zum Pazifik: Grundwasser fließt von den nahe gelegenen Hügeln in die Reaktorgebäude und dann Richtung Meer. Während Tepco noch leugnete, dass dies eine Gefahr darstellt, begann der Konzern bereits, eine unterirdische Wand zu errichten, indem er sich verhärtende Chemikalien in den Boden spritzte. Doch der Plan ging schief. Die Barriere bildete einen Damm, das Wasser sammelte sich dahinter, bis es ihn überspülte. Entschuldigung. Verbeugung. Tut uns leid.

Längst traut kaum jemand mehr der Tepco-Chaostruppe zu, die Probleme in der Atomruine unter Kontrolle zu bringen – und genau genommen konnte man das auch nie. Denn die Firma macht bei weitem nicht zum ersten Mal mit Vertuschungen, Schlampereien und Störfällen von sich reden. Lange vor Fukushima soll sie Wartungsdokumente und Reaktordaten gefälscht haben, Pannen wie austretender radioaktiver Dampf oder Risse in Wasserrohren häuften sich. Ein Untersuchungsausschuss kam letztes Jahr sogar zu dem Ergebnis, die ganze Atomkatatrophe wäre vermeidbar gewesen. Neben der Tatsache, dass das AKW viel zu nah am Wasser stand und unzureichend vor Tsunamis geschützt war, hatte offenbar niemand an einen längeren Stromausfall infolge einer solchen Riesenwelle gedacht. Keiner der Arbeiter scheint gewusst zu haben, dass das Ventil des Notkondensators bei einem Stromausfall per Hand hätte geöffnet werden müssen. Er hätte die Brennstäbe weiter gekühlt und die Kernschmelze möglicherweise lange genug hinausgezögert, um weiteres Kühlwasser in den Reaktor pumpen zu können. Keine Kernschmelze, keine Katastrophe, kein verseuchtes Wasser.

Nachdem die japanische Regierung Tepco zweieinhalb Jahre lang ins offene Messer laufen ließ, hat sie nun medienwirksam verkündet, das Steuer zu übernehmen. Wenige Tage vor der Entscheidung über die Vergabe der Olympischen Spiele 2020 kündigte sie an, 360 Millionen Euro zur Eindämmung des radioaktiv verstrahlten Wassers bereitzustellen. Das Geld soll vor allem in den Bau einer gigantischen unterirdischen Eiswand mit einer Länge von 1,4 Kilometern fließen. Alles unter Kontrolle, versicherte Premierminister Shinzo Abe dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) – und bekam den Zuschlag. Japans Fernsehsender zeigten eine jubelnde Bevölkerung auf den Straßen. Der Fackellauf werde sogar durch Fukushima gehen, kündigte Tokios Gouverneur Naoki Inose im Freudentaumel an, bis dahin habe man die Situation im Griff.

Das Vorhaben, den Boden um die havarierten Reaktoren einzufrieren, symbolisiert wohl eher die totale Verzweiflung der japanischen Regierung. Sie ist der Katastrophe nicht gewachsen, bescheinigen ihr nahezu alle Experten. „Sie weiß ja nicht einmal, wo das Wasser genau herkommt“, gibt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace, zu bedenken. „Die Anlage wird für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte strahlen. So lange müsste man die Eiswand permanent kühlen. Das ist keine Dauerlösung.“

Trotz seiner verzweifelten Lage wahrte Japan bisher lieber sein Gesicht, als Hilfe aus dem Ausland anzunehmen. Das wird der Inselstaat vermutlich nicht mehr lange durchhalten können. Smital warnt aber davor, zu viel von ausländischen Fachleuten zu erwarten: „Man darf sich von ihnen keine Wunder erhoffen, das hat man bei Tschernobyl schon gesehen. Da haben alle nach Lösungen gesucht, letztendlich hat man einfach einen neuen Sarkophag gebaut.“

Japan fängt nun trotzdem schon mal an, Normalität vorzugaukeln. Die Regierung verkleinerte die Verbotszone rund um Fukushima Daiichi, zumindest tagsüber dürfen viele Bewohner in ihre verlassenen Häuser zurückkehren. Und sogar schwimmen darf man 40 Kilometer entfernt vom Kraftwerk wieder. In Yotsukura stürzen sich Kinder mit ihren Eltern in die Wellen, als flössen etwas weiter nördlich nicht täglich hunderte Tonnen verseuchtes Wasser in das-selbe Meer, in dem sie planschen. Alles sei aber unbedenklich, versichert Tepco. Ein Mitarbeiter nehme jeden Tag Proben am Strand – verkleidet als Urlauber, um die Normalität nicht zu stören.

Aber viele Japaner haben keine Lust, Normalität zu spielen. Bei einer Fernsehumfrage stimmten 57 Prozent gegen Olympia in Tokio. Jeden Freitag gibt es Demonstrationen vor der Residenz des Premierministers, bei der größten Demo machten zwischen 20.000 und 100.000 Leute mit, je nachdem, welcher Quelle man glaubt. „Es gibt Hoffnung, die Dinge in Japan zu verbessern, aber ich traue den Fähigkeiten von Tepco und der Regierung nicht“, sagt der gegen Atomkraft engagierte Fotograf Hisashi Murayama aus Tokio. Selbst die Hauptstädter lebten noch in ständiger Vorsicht und überlegten, wo sie hingehen und was sie essen dürften. Und noch immer können 150.000 Menschen nicht in ihre Heimat in der Präfektur Fukushima zurückkehren.

Nur einer hat die Todeszone nie verlassen. Naoto Matsumura wollte nicht gehen, der Tiere wegen. Bei dem Massenexodus nach dem Tsunami und der Havarie des Atomkraftwerks blieben Hunde, Katzen und Rinder zurück. Sie sind verstrahlt, er ist verstrahlt, ihre Nahrung ebenso. Es stört ihn nicht. Ginge es nach der japanischen Regierung, dürfte er nicht mehr dort sein, in seiner geisterhaft leeren Heimatstadt Tomioka, und die Tiere wären alle tot. Gegen den Befehl, die zurückgebliebenen Tiere zu töten, setzten sich viele verzweifelte Bauern zur Wehr. Nun untersucht eine regierungs-unabhängige Organisation die Auswirkungen der Strahlung auf Rinder und inwieweit sie sich davon erholen können.

„Es ist offensichtlich, dass wir Menschen in der heutigen Generation nicht in der
Lage sind, nukleare Energie vollkommen zu kontrollieren“, sagt Hisashi Murayama. Atomkraft hat in Japans Bevölkerung keinen Rückhalt mehr. Laut Umfragen sind mehr als 70 Prozent dagegen. Zum zweiten Mal nach der Fukushima-Katastrophe stehen derzeit alle Atomkraftwerke wegen Inspektionsarbeiten still. Der Widerstand gegen die Wiederinbetriebnahme wird sich verstärken, meinen Beobachter. Das gibt Greenpeace und seinem Plan von einem atomfreien Japan Aufwind. Die Umweltorganisation kämpft für eine japanische Energiewende und hat vorgerechnet, dass die Erneuerbaren bis 2020 einen Anteil von 43 Prozent am Strommix haben könnten. Zurzeit importiert Japan riesige Mengen Öl, Gas und Kohle, um den Strom aus den abgeschalteten Atommeilern auszugleichen.

Eine Kehrtwende, wie sie Deutschland nach der Katastrophe im März 2011 vollzog, lässt die japanische Regierung aber vermissen. Von einem Atomausstieg ist keine Rede, bereits wenige Monate nach dem GAU ging die japanische Regierung in Indien und Vietnam auf Werbetour für das Wunderwerk Atomkraft. In diesem Frühjahr waren die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei dran, Saudi-Arabien und Brasilien sollen folgen. Nur für die Sicherheit seiner nuklearen Technologie wird Japan wohl schwerlich garantieren können.

Text: Svenja Beller

Die Rettungsversuche

1. Wassertanks
Hier flossen im August 300.000 Liter aus einem der über 1000 Stahltanks aus und
versickerten. Tepco pumpt das Wasser zur Kühlung in den Reaktor.

2. Eiswand
Eine geplante Kette aus Kühl­stäben soll die Anlage um­­schließen und die Erde gefrieren lassen, sodass Grundwasser nicht mehr eindringen kann.

3. Stahlsperre
Sie soll kontaminiertes Wasser davon abhalten, ins Meer zu fließen.