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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Er erfindet die neue Stadt

Text: Julia Lauter

KOPF Till Wolfer, Architekt, Hamburg // IDEE Macht alltagstaugliche Kunst, mit der die Menschen den urbanen Raum zurückerobern // VISION Die selbstgemachte Stadt der Zukunft

Heute schon lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Tendenz: steigend. Doch wer formt den urbanen Raum? Autos und Straßen, sagt Till Wolfer vom dänisch-deutschen Kunstkollektiv N55. Das will der Architekt und Designer ändern. In ruhigem Ton und mit bedachten Gesten fächert Wolfer seinen Traum von der Rückeroberung der Stadt auf: Selbstbau-Fahrräder, laufende Häuser, wandernde Grünflächen – seit sechs Jahren erschafft der 33-Jährige mit Künstlern, Aktivisten und Wissenschaftlern (etwa von US-Institutionen wie der Nasa) Projekte, die die Bewohner ins Zentrum der Stadtentwicklung rücken.

Wolfers Ziel: eine Gesellschaft, in der Menschen sich selbst organisieren, nachhaltig arbeiten und die Produktionsmittel besitzen. In ihren Werkstätten in Hamburg und Kopenhagen entwickeln die Utopisten mit computergesteuerten Fräsen, Lasercuttern und 3-D-Druckern alltagstaugliche Kunstobjekte. Eines davon ist das XYZ Cargo Bike. Das Lastenrad besteht aus mit Ökostrom hergestellten, recycelbaren Aluminiumstangen, die nicht geschweißt, sondern verschraubt werden: „Unsere Räder kann man mit einer Handsäge und einem Akkuschrauber bauen“, sagt Wolfer.

 Viele Konstruktionspläne des Kollektivs sind im Netz frei verfügbar. Wer nicht allein loslegen will, kann die nötigen Handgriffe in Workshops lernen. Die N55-Lastenräder sind etwa halb so teuer wie industriell gefertigte, aber ebenso robust. Wolfer sagt: „Wer es selbst gebaut hat, kann es einfacher reparieren oder anpassen.“ So wird aus der Familienkutsche schnell das Transportmittel fürs Gartenprojekt.

Neben solchen Alternativen zu zentral gesteuerten, öffentlichen Verkehrsmitteln, gehypten Carsharing- und subventionierten Elektroautos entwickelt das Kollektiv auch Objekte für Guerilla-Aktionen. Dazu nutzen die Künstler Lücken in der Gesetzgebung: „Ein Fahrrad darf laut Straßenverkehrsordnung die gleichen Maße haben wie ein Pkw“, sagt Wolfer. Darum entwickelten die Tüftler von N55 fahrbare Parks: Ein einfaches Zweirad wird durch einen Aufbau auf die Größe eines Autos erweitert. Die so entstandene Fläche wird mit Kunstrasen bezogen und dient Passanten als Insel der Ruhe. Auf diese Weise entsteht mit einfachen Mitteln das Bild einer neuen, menschengerechten Stadt – aus Parkplätzen, wie es sie tausendfach gibt, werden Freiräume, die jeder Bewohner für sich beanspruchen kann.

Schwimmende Wohnungen, kreativ gestaltete Plätze, fahrende Läden – die klaren und minimalistischen Entwürfe des Kollektivs laden dazu ein, den städtischen Lebensraum neu zu denken: Wie können wir diese Parkbucht, Straße oder Brache in unserem Sinne nutzen? „Mit unseren Bauplänen wollen wir Menschen für konkrete Utopien begeistern“, sagt Till Wolfer.

In unserer Magazin-App stellen wir Ihnen im Video die offene Werkstatt „Fablab Hamburg“ vor. Neue Mischungen für den Betonmischer – Tilo Proske hat die Baustelle ins Labor verlegt