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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Er macht den Boden fruchtbar

Text: Svenja Beller Enver Hirsch

KOPF Arthur Schüßler, Biologe, Cloppenburg // IDEE Vereint Pilze und Pflanzen und macht so Felder natürlich fruchtbar // VISION Eine produktive Landwirtschaft ohne Überdüngung

Früher war alles besser. Zumindest unter der Erde. Da vernetzten sich die Pflanzen so gut mit Mikroorganismen im Boden, dass sie die riesigen Mengen Dünger und Pestizide von heute gar nicht brauchten. Sogenannte Endomykorrhiza-Pilze beschafften den Pflanzen von Phosphor bis Wasser fast alles, was sie brauchten, wo ihre Wurzeln aber nicht heranreichten. Die intensive Landwirtschaft macht diese Jahrmillionen alte Beziehung kaputt – starkes Pflügen zerreißt die Pilznetze, zu viele Chemikalien verdrängen sie, Pflanzen in Monokulturen verbinden sich nur mit wenigen Arten, Kreuzblütler wie Raps und Kohl mit gar keinen. Ohne Pflanzenpartner aber müssen die Pilze unter der Erde sterben.

Ein großer Teil der mehr als 250 Millionen Tonnen Dünger, die Bauern weltweit jedes Jahr auf die Felder kippen, versickert daher ohne die Pilze ungenutzt. Die Böden der Industrieländer sind mit Nährstoffen wie Stickstoff, Kalium und Phosphor überversorgt, die Gewässer stark belastet. Allein von Phosphor gehen 85 Prozent im Boden verloren – eine Verschwendung, die sich die Menschheit gar nicht leisten kann. In fünfzig bis hundert Jahren drohen die Phosphatreserven zu versiegen, „da hängt die Ernährung ganzer Kontinente dran“, warnt der Biologie Arthur Schüßler. Das Versiegen der Reserven drohe ernste internationale Konflikte auszulösen. Mit den Pilzen ließen sich schätzungsweise 40 Prozent des weltweit verwendeten Düngers einsparen – ein Riesenpotenzial.

Schüßler will in seinem Labor im niedersächsischen Cloppenburg nun zurück in die Zukunft – und den Pflanzen ihre Pilze wiedergeben. Er ist ein Baum von einem Mann, 1,96 Meter groß, die größte Kittelgröße reicht ihm nicht einmal bis zu den Handknöcheln. Auf die Endomykorrhiza-Pilze, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern für „innen“, „Pilz“ und „Wurzel“, stieß der gebürtige Darmstädter bei seiner Diplomarbeit, in seinem Lehrplan seien sie nicht vorgekommen. Er ist nicht der Erste, der nachvollzogen hat, was sie im Boden machen. Aber er ist einer der Ersten, die den Pilzen den rechten Wert beimessen.

Man darf sich diese Art nicht mit Fruchtkörpern wie Champignons vorstellen, sondern wie ein fein verzweigtes Fadengeflecht. Mit Signalstoffen locken die Pflanzen sie an. Sie wachsen ihnen bereitwillig entgegen, denn die Pflanzen versprechen Zucker. Im Austausch liefern die Pilze ihnen Nährstoffe und Wasser, das außerhalb der Reichweite ihrer vergleichsweise dicken und kurzen Wurzeln im Boden lagert. Ist der Pilz ganz nah, öffnet die Pflanze ihre Wurzelrinde an der Stelle, die ihm am nächsten ist, und gewährt ihm Einlass. „Seit dem Landgang der Pflanzen gibt es diese Symbiose schon“, erklärt Schüßler. „Da waren sie noch grüne Flatschen.“

Nur eben jetzt nicht mehr. In einem ehemaligen Fliegerhorst im niedersächsischen Cloppenburg züchtet der 49-jährige Biologe die Pilze deswegen in großem Stil. Den Anfang macht der Chicorée, denn seine Wurzeln lassen sich zerkleinern, ohne dass sie sterben. In einer Nährlösung, abgefüllt in hunderte Plastikflaschen, gestapelt in deckenhohen Regalen, da wachsen sie zusammen, die Wurzeln und die Pilze. Es ist dieses Zuchtverfahren, das Schüßlers Erfindung ausmacht, denn es ermöglicht eine Massenproduktion der zarten Pilzgeflechte. Getrocknet und pulverisiert kommen sie gemeinsam mit den Samen etwa von Kartoffeln, Mais und Soja auf den Acker, im Schutz der Erde vollziehen sie dann ihre urzeitliche Romanze.

Das Pulver vertreibt der Biologe nun mit der Wilhelms GmbH, benannt nach dem letzten deutschen Kaiser, unter dessen Regentschaft der Biologe Albert Bernhard Frank im 19. Jahrhundert den Begriff Mykorrhiza prägte. Für ihr auch im ökologischen Landbau zugelassenes Produkt gewann die kleine Firma im vergangenen Jahr den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt. Es könnte einen Beitrag dazu leisten, die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen.

Das macht sie auch für die ganz Großen interessant. Der US-Agrarkonzern Monsanto und das dänische Biotechnologieunternehmen Novozymes geben an, mit der gemeinsamen BioAg an „mikrobiellen Lösungen“ wie Mykorrhiza zu forschen, der deutsche Chemieriese Bayer verkündet, die Mikroorganismen könnten „die neuen Lieblinge der Farmer weltweit werden“, auch Marktführer BASF investiert. Schüßler hat mit einigen von ihnen gesprochen, er geht mit der großen Konkurrenz gelassen um: „Die sind auf dem Gebiet Mykorrhiza-Pilze noch relativ schwach.“ Er hat international ein Patent auf sein Zuchtverfahren angemeldet. Mit Firmen wie Monsanto zusammenzuarbeiten, schließt er kategorisch aus.