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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Ertappt

Text: Susanne Tappe

Um ihren scheuen Forschungsobjekten auf die Spur zu kommen, haben Biologen ein weltweites Netz aus Fotofallen installiert. Die Überwachung der Tiere dient ihrem Schutz – und liefert unterhaltsame Einblicke 

„Die Arbeit im Regenwald kann richtig ätzend sein“, sagt die Forscherin Patricia Alvarez. „Du wirst von Skorpionen gestochen, bis auf die Haut nass geregnet und abends musst du feststellen, dass Ameisen dein Zelt erobert haben“, erzählt sie. „Manches Mal habe ich geflucht: ,Ich hasse den Dschungel, irgendjemand sollte ihn abfackeln und betonieren!’ Aber dann siehst du plötzlich diesen kleinen Affen im Baum und weißt wieder, wofür du das alles machst.“

Die 39-jährige Biologin erforscht Flora und Fauna im Manú-Nationalpark in Peru. Ein mühsamer Job. Ihr Arbeitsplatz liegt zwei Tagesreisen von jeder Zivilisation entfernt und ihr Alltag besteht vor allem darin, Bäume und Lianen zu vermessen, ihr Wachstum zu dokumentieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen – etwa auf den Einfluss des Klimawandels. Tiere begegnen ihr dabei eher zufällig. Aussagen über ihren Bestand zu treffen, ist schwierig.

Schon lange setzen Biologen auf Fotofallen, um mehr über ihre scheuen Forschungsobjekte zu erfahren. Per Bewegungsmelder lösen die Tiere die Kameras selbst aus. Während sie sich unbeobachtet fühlen, werden sie ohne Blitz abgelichtet – beim Fressen, im Streit mit Artgenossen, bei der Paarung. „Dank der Fotofallen weiß ich, dass eine Menge Jaguare im Manú-Nationalpark leben und Fischotter tief in den Wald wandern, wo ich sie nie vermutet hätte.“

Manche Tiere hören offenbar das leise Klicken des Auslösers und suchen nach dem Ursprung. So entstehen witzige Selbstporträts aus nächster Nähe. „Ab und zu schlägt schon mal eine Raubkatze ihre Krallen in die Kamera“, erzählt Alvarez. „Wirklich gefährlich werden der Technik aber viel kleinere Tiere: Termiten zerfressen mir ein Gehäuse pro Saison.“

Die Schnappschüsse beantworten der Wissenschaftlerin viele Fragen: Welche Tiere gibt es in ihrem Forschungsgebiet? Sehen sie gesund aus, gut genährt? Wie viele gibt es von jeder Art, sind Jungtiere darunter? „Um globalen Phänomenen wie dem Klimawandel auf den Grund zu gehen, reicht das aber noch nicht. Dafür braucht es möglichst viele vergleichbare Daten aus allen Teilen der Welt.“

Deswegen haben sich vier US-amerikanische Forschungs- und Artenschutzorganisationen im „Tropical Ecology Assessment and Monitoring Network“, kurz TEAM, zusammengeschlossen. In Kooperation mit lokalen Organisationen erstellen sie seit 2008 ein „Facebook“ des tropischen Regenwaldes. Die Bilder, Wetter- und Vegetationsdaten aus Lateinamerika, Afwrika und Asien sind über das Internet für jeden zugänglich. Drei Millionen Dollar stellen die Organisationen und Spender dafür jährlich zur Verfügung.

Entstanden ist so das größte Netzwerk von Fotofallen weltweit: An 17 Orten in 16 Ländern wurden je 60 Kameras installiert – alle zwei Quadratkilometer eine. Sie haben bereits mehr als zwei Millionen Bilder gemacht, und das, obwohl die wetterfühlige Technik jährlich nur einen Monat während der Trockenzeit zum Einsatz kommt. Bis 2020 sollen an 50 verschiedenen Orten in den Tropen „Blitzer“ stehen. Warum diese großen Dimensionen? „Die Zeit drängt“, sagt TEAM-Geschäftsführer Jorge Ahumada.

„Alle zwei Sekunden wird eine Waldfläche von der Größe eines Fußballfeldes abgeholzt. Die tropischen Regenwälder verschwinden rasant und damit ein für den ganzen Planeten wichtiges Ökosystem, über das wir noch viel zu wenig wissen.“

Den Wettlauf mit der Zeit wollen die Wissenschaftler mithilfe neuester Technik gewinnen. Per automatischer Computeranalyse werden alle Daten aus-gewertet und für die verschiedenen Arten, das Forschungsgebiet, das Land, den Kontinent und die Welt je ein sogenannter „Wildlife Picture Index“ errechnet. Ist die Zahl kleiner als eins, ist das ein schlechtes Zeichen, ist sie größer, ist die Entwicklung positiv. Außerdem wird angezeigt, wie groß der Einfluss des Klimas, der Anwesenheit von Menschen und des Waldverlustes ist.

Eine erste Auswertung der Bilder belegt, was Biologen schon lange vermutet hatten, aber bislang nicht beweisen konnten: Je kleiner der Lebensraum, umso geringer ist die Vielfalt der darin lebenden Tierarten. Schutzgebiete sollten also eine gewisse Größe haben und nicht durch Siedlungen oder Holzwirtschaft zergliedert werden. „Wir präsentieren unsere Erkenntnisse den Parkmanagern vor Ort, aber auch Entscheidern auf der weltpolitischen Bühne und versuchen, sie zum Handeln gegen Lebensraumverlust und Klimawandel zu bewegen“, sagt Jorge Ahumada.

Dafür durchkämmt Patricia Alvarez auf der Suche nach den Kameras wochenlang das Unterholz des peruanischen Urwaldes, sichtet mehrere zehntausend Fotos und speist sie in die Datenbank ein. „Wenn ich die Speicherkarten einsammle und die Dateien auf meinem Laptop öffne, ist das jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten. Dafür schlage ich mich gerne durch den Dschungel!“
teamnetwork.org

Die versteckten Kameras von TEAM
1. Vulkan Barva, Costa Rica
2. Soberanía-Nationalpark, Panama
3. Yasuní-Nationalpark, Ecuador
4. Yanachaga-Chemillén-Nationalpark, Peru
5. Manú-Nationalpark, Peru
6. Zentral-Suriname-Naturschutzgebiet, Suriname
7. Caxiuanã-Naturschutzgebiet, Brasilien
8. Manaus, Brasilien
9. Korup-Nationalpark, Kamerun
10. Nouabalé-Ndoki-Nationalpark, Republik Kongo
11. Bwindi-Impenetrable-Nationalpark, Uganda
12. Vulkan-Nationalpark, Ruanda
13. Udzungwa-Mountains-Nationalpark, Tansania
14. Ranomafana-Nationalpark, Madagaskar
15. Pasoh-Schutzgebiet, Malaysia
16. Bukit-Barisan-Selatan-Nationalpark, Indonesien
17. Nam-Kading-Naturschutzgebiet, Laos