Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Es ist was im Busch

Text: Svenja Beller Fotos: Roman Pawlowski

Seit Friederike Ahlers Hühner in ihrem Garten hält, kommen Supermarkteier für sie nicht mehr in Frage

Wenn ein Huhn brütet, dann macht es sich so dick und breit, als wollte es zerfließen. Das Huhn heißt dann Glucke und ist so in seinem Element, dass es sich durch nichts von seiner Brütepflicht abbringen lässt. Sogar per Kurier verschicken kann man es dann, wie es manche Züchter machen. Und das würde Friederike Ahlers manchmal auch gerne tun, denn ihre Hennen sind ihr viel zu brutwütig. Das Außengehege hinter den Rhododendronbüschen wäre binnen weniger Wochen voller flauschiger kleiner Küken, würde sie ihren hellbraunen Glucken nicht Toneier anstelle der echten unterschieben. Von grausamen Methoden hat sie in Hühnerhalter-Foren gelesen, um die Hennen vom Brüten abzuhalten, wonach sie die Glucken kopfüber in kaltes Wasser tauchen oder in enge Einzelkäfige sperren sollte. Die 45-Jährige will es lieber mit der Zucht versuchen. Sie deutet auf ein schwarzes Huhn einer anderen, kräftigeren Rasse. „Das legt jeden Tag ein Ei, aber brütet nie“, sagt sie. „Davon brauche ich mehr.“

Zehn ausgewachsene Hennen hat sie, dazu einen Hahn, 16 Küken im, sagen wir, Teenager-Alter und vier einwöchige Küken. Die zwitschern noch recht aufgeregt ihrer Mutter hinterher, die den lieben langen Tag für sie nach Essbarem scharrt und Insekten fängt. Die anderen genießen die Vorzüge des Landlebens mit Waldanschluss. Friederike Ahlers teilt sich mit ihren Eltern ein großzügiges Anwesen im Hamburger Westen in Elbnähe. Die reetgedeckten Häuser und der große Garten sind von Wald umgeben, auf dessen Boden im Sommer reife Blaubeeren leuchten. Dazwischen picken und gackern die Hühner, am liebsten in den Büschen, woher diese Rasse vermutlich ihren Namen hat – Deutsches Buschhuhn.

Gerade unter Jägern sind die drahtigen Buschhühner wegen ihrer Brutfreudigkeit beliebt, denn sie können dabei helfen, potenzielle Beutetiere auszuwildern. Die Waidmänner schieben ihnen Fasaneneier unter, lassen sie diese ausbrüten und setzen die Hennen dann mit den Küken im Wald aus. Ist der Nachwuchs groß genug, fangen sie die Hühner wieder ein. Um das Talent ihrer Buschhühner weiß Friederike Ahlers mittlerweile auch. Deswegen hat sie sich neben dem schwarzen Huhn, einer Zwerg-Wyandotte, noch einige etwas schüchterne Zwergbrakel und drei Hühner der Rasse Hamburger Silberlack angeschafft – allen wurde angezüchtet, wenig oder gar nicht zu brüten. Zusätzlich sitzt eine ihrer Hennen gerade – sehr breit – auf zehn Zwerg-Lakefelder-Eiern, deren ausgeschlüpfte Küken später laut Rassebeschreibung „nur wenig Brutlust zeigen“ werden. So wird aus Hobby Wissenschaft.

Außerhalb des Hühnerstalls ist Ahlers dreifache Mutter und Öffentlichkeitsmanagerin des Tiefkühlkostherstellers Frosta. „Die meisten finden es, glaube ich, komisch, wenn man Hühner hat“, sagt sie und schmunzelt. Dem Geflügel können weder ihre Kinder noch ihre Eltern viel abgewinnen.

Da wo der Garten in den Wald übergeht, duckt sie sich durch eine Gittertür in das Gehege, in dem der rot angepinselte Hühnerstall steht. Drei Glucken haben sich in den grünen Nistkästen an dessen Außenwänden breit gemacht. Vorsichtig schiebt Ahlers ihre Finger unter die Bäuche, bedrohlich gurgelnd picken die Beraubten nach ihren Händen. Klappe zu, Huhn ruhig. Die Hobbyzüchterin wiegt die Eier in ihren Händen. Sie sind viel kleiner als die Eier in den Ladenregalen, ihre Schalen schimmern pastellgrün und rosa. Später wird Friederike Ahlers in schmalen Ziffern das Legedatum darauf schreiben, Produktkennzeichnung handgemacht.

Maschinell gestempelte Eier aus dem Supermarkt musste sie zuletzt im Winter kaufen, für das Weihnachtsgebäck. Denn in der dunklen Jahreszeit machen die Hühner Winterpause, eierfreie Zeit. Sie brauchen ihre Energie für die Erneuerung ihres Federkleids, genannt Mauser. „Sie leben dann ganz reduziert“, erzählt Friederike Ahlers, „der Hahn interessiert sich nicht für die Hühner, jeder bleibt für sich.“ Ausschlaggebend ist das fehlende Sonnenlicht. Würde Ahlers eine Glühlampe in den Stall hängen, könnte sie den natürlichen Kreislauf manipulieren und die Hühner legten das ganze Jahr über Eier. „Aber dann könnte ich ja gleich Supermarkteier kaufen.“ Supermarkteier, das klingt aus ihrem Mund beinahe wie ein Schimpfwort.

Genau wie der Name Lohmann. Für den Hühnermonopolisten aus Cuxhaven hat die ruhige Hanseatin nicht viel übrig. Jedes dritte Ei, das weltweit gelegt wird, hat bei „Lohmann Tierzucht“ seinen Ursprung. Der Weltmarktführer in der Legehennenzucht beliefert die großen Massen betriebe – auch die mit Biozertifikat. Nach EU-Verordnung teilen sich in ökologischer Haltung sechs Legehennen einen Quadratmeter Stall, bis zu 3000 in einem Gebäude – sofern die Vorschriften ein gehalten werden. Mehrere Bio-Eier-Skandale zeigten aber in den letzten Jahren, dass einige Stallbesitzer die Grenzen sehr weit auslegen oder sogar überschreiten. Nach einem glücklichen Hühnerleben klingt das nicht. Die Eier aus solch einer Haltung schmeckten auch einfach nicht so gut, findet Ahlers.

Ihre Buschhühner sind im Gegensatz zu den konventionellen Hochleistungstieren robuste Überlebenstalente. „Als ich 15 Jahre alt war, habe ich mal Lohmann-Eier vom Fischmarkt gekauft und unter einer Wärmelampe ausgebrütet“, erzählt Ahlers. Das erste Küken fraß der Hund, die anderen wurden nach und nach von natürlichen Feinden dahin gerafft. „Das hat keinen Spaß gemacht.“

Die Buschhühner wissen sich zu wehren. Mit unterschiedlichen Warnlauten treiben sie sich gegenseitig ins schützende Gebüsch – oder gehen sogar zum Angriff über. Friederike Ahlers beobachtete einmal bei einem Habichtangriff, wie eine ihrer Hennen anderthalb Meter in die Höhe flog und den Greifvogel in der Luft attackierte, um ihre Küken zu verteidigen. Ein anderes Mal schaffte es der Habicht durch ein Loch in das mit einem Fischernetz überdachte Außengehege, geriet dort aber in Panik – der vermeintliche Angreifer musste selbst gerettet werden. Seitdem hat Ahlers ihn nicht mehr gesehen, „vielleicht sitzt der Schock zu tief“.

Manchmal haben die Hühner aber keine Chance, wie an diesem einen Morgen Ende April um sieben in der Frühe. Da riss der Fuchs innerhalb von zwanzig Minuten acht Tiere. Weil er so viele nicht auf einmal mitnehmen kann, gräbt er seine Beute ein, „bei manchen guckten nur noch die Füße aus der Erde“. Seitdem lässt Ahlers ihre Hühner erst um acht Uhr aus dem Stall, in der Hoffnung, dass der Nacht- und Dämmerungsjäger dann nicht mehr kommt. Gesteuert werden die Stallklappen automatisch mit dem „elektronischen Pförtner“, das spart Zeit. „Die Hühner machen eigentlich nicht viel Arbeit“, sagt Ahlers. „Zehn Minuten täglich reichen.“ Dafür bekommt sie im Schnitt fünf frische Eier am Tag. Wenn sie die mit dem Futter gegenrechnet, würde ein Ei mit 17 Cent zu Buche schlagen. „Würde man das professionell machen“, also Pacht, Personal, Anschaffungskosten und so weiter einbeziehen, „dann würde ein Ei einen Euro kosten.“ Für dasselbe Geld gibt es ein Zehnerpack Bodenhaltungseier beim Discounter. Bio-Eier sind für um die dreißig Cent pro Stück zu haben. Wahres Glück hat seinen Preis.

 

HÜHNER FÜR ALLE

BAUERNHAHN.DE
Unter dem Leitspruch „Give me five“ will der Tierschutzverein Pro Vieh Mensch und Huhn wieder vereinen: vier Hennen und ein Hahn in jedem Garten. Auf der Internetseite informiert die Organisation, wie jeder der industriellen Turbozucht etwas entgegensetzen kann.

BEATE UND LEOPOLD PEITZ: HÜHNER HALTEN. ULMER EUGEN VERLAG 2012, 175 SEITEN, 29,90 EURO
Wie viel Auslauf braucht ein Huhn? 10–20 m2. Wie viel Futter braucht es am Tag? 115–130 Gramm pro Tier. Wie groß ist der Harem eines Hahns? 10 bis 15 Hennen. Das Handbuch gibt in der achten Auflage seit 1985 Antworten auf die Fragen von Hühnerhalter-Neulingen.

G-E-H.DE
Westfälischer Totleger, Ostfriesische Möwe oder doch lieber ein Bergischer Kräher? Über die alten Hühnerrassen informiert die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen unter dem Menüpunkt „Rassebeschreibungen“. Als Urahn aller Hühner gilt übrigens das südostasiatische Bankivahuhn, das sich von dort über die ganze Welt verbreitete.