Greenpeace Magazin Ausgabe 1.98

Expo 2000 "Das wird keine Industrieschau"

Umweltverbände sehen die Weltaustellung im Dienst der Konzerne, die Wirtschaft fürchtet eine „Weltverbesserungsshow“. Expo-Chefin Birgit Breuel* sitzt zwischen den Stühlen.

GPM: Frau Breuel, zur „Expo 2000“ in Hannover werden 40 Millionen Besucher erwartet, davon mindestens zehn Millionen mit dem Auto. Für neue Straßen und Bauten werden etliche Flächen versiegelt. Sieht so die Weltausstellung ökologischen Typs aus?

Breuel: Die Grundsatzfrage ist, will man heutzutage überhaupt noch Großveranstaltungen haben? Ich glaube, daß sie auch heute noch einen Sinn machen. Am Beispiel der Reichstags-Verhüllung konnte man es ja sehen: Sie wurde täglich in den Medien gezeigt, aber die Menschen sind trotzdem nach Berlin gepilgert, weil sie sich in einer immer technischer werdenden Welt begegnen, miteinander reden, es riechen und fühlen wollten. Außerdem: Die Verkehrsmaßnahmen, die in Hannover durchgeführt werden, würde es auch ohne die Expo 2000 geben, sie werden für die Expo nur zeitlich vorgezogen. Dritter Punkt: Wie viele Menschen mit dem Auto kommen werden, wissen wir noch nicht. Wir werden uns große Mühe geben, daß mehr Verkehr auf die Schiene verlagert wird.

GPM: Warum gilt dann nicht wenigstens das Expo-Tagesticket als Fahrkarte für den Nahverkehr?

Breuel: Natürlich möchten und werden wir ein Kombi-Ticket organisieren. Nur es wird dann etwas mehr kosten als 69 Mark, denn wir können es nicht subventionieren.

GPM: Die Expo soll das größte Touristenspektakel werden, das Deutschland je gesehen hat. Allein der Flugverkehr für die Expo-Besucher wird einen zusätzlichen CO2-Ausstoß von 13.000 Tonnen verursachen. Wollen Sie damit ernsthaft ein Signal zum nachhaltigen Wirtschaften setzen?

Breuel: Niemand weiß, ob durch die Weltausstellung in Deutschland wirklich mehr Verkehr ausgelöst wird, oder ob Reiseverkehr, der sonst anderswohin gehen würde, sich im Jahr 2000 auf Hannover und Deutschland konzentriert. Uns würde es natürlich freuen, wenn wir damit über das Jahr 2000 hinaus Tourismus-Ströme nach Deutschland zögen, die uns guttun.

GPM: In Ihrer Hauszeitung heißt es, das Prinzip „größer, schneller, mehr“ sei nicht mehr zeitgemäß. Mit der Expo 2000 wollen sie so viele Aussteller und Besucher anlocken wie nie zuvor.

Breuel: Ich vergleiche immer die letzte Jahrhundertwende mit der vor uns stehenden. Damals waren die Menschen viel fröhlicher als heute, weil sie glaubten, daß sie in Zukunft mit einer Technik, die immer größer und schneller wird, die meisten Probleme würden lösen können. Heute wissen wir, daß wir eine Technik brauchen, die intelligenter und nachhaltiger sein muß, um die Probleme zu lösen. Großereignisse wie die Expo machen Sinn, wenn wir diese Erkenntnis den Menschen näherbringen können.

GPM: Die Expo wird Milliarden kosten, um, wie Sie sagen, den Gedanken der Nachhaltigkeit den Menschen näherzubringen. Das kann man konkreter und billiger haben, etwa durch Förderung der Solarenergie.

Breuel: Wir wollen zum Abschluß der Expo eine schwarze Null schreiben, also den Steuerzahler nicht mit der Weltausstellung belasten. Ein Großteil der Ausgaben wird durch die Eintrittskarten der Besucher gedeckt. Und nur wenn die Menschen eine Botschaft mitnehmen, haben wir die Chance, daß sich im Alltag etwas verändert.

GPM: Damit Ihre Rechnung aufgeht, muß die Industrie 700 Millionen bis eine Milliarde Mark zur Finanzierung der Expo beisteuern. Die Konzerne wehren sich vehement gegen eine sogenannte „Weltverbesserungsshow“. Wie verbinden Sie die Teilnahme von Unternehmen, die den Transrapid oder neue Atomkraftwerke verkaufen wollen, mit einer glaubwürdigen Werbung für Nachhaltigkeit?

Breuel: Wir werden von beiden Seiten attackiert. Die Industrie sagt, es wird zu ökologisch, die Umweltverbände sagen, es wird zu industriefreundlich. Zwischen diesen beiden Positionen kann man sich ganz gut bewegen. Die inhaltlichen Rahmenbedingungen kommen von uns, dafür gibt es Konzepte. Die konkreten Beispiele zur Nachhaltigkeit kommen von Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden.

GPM: Wie soll die Expo ein Profil gewinnen, wenn dort eine neue Generation von Atomreaktoren neben Solarmodulen steht?

Breuel: Unser Anliegen ist es, im Jahr 2000 zu zeigen, daß es Lösungsmöglichkeiten gibt, und diese dem Besucher im Wettbewerb zu präsentieren. Dazu kann eine neue Generation von Kernenergie gehören, aber ganz gewiß auch das, was Solarenergie oder Wasserstoff betrifft. Wenn man bei beiden die Chancen und Risiken redlich darstellt, ist das eine vernünftige Angelegenheit.

GPM: Umweltverbände kritisieren, das Expo-Motto „Mensch – Natur – Technik“ diene nur als Feigenblatt für eine Leistungsschau der Industrie.

Breuel: Die Expo wird keine Industrieschau sein, bei der Unternehmen Produkte ausstellen, um sie zu verkaufen. Es wird darum gehen, Lösungskompetenz für die Zukunft zu zeigen und sich damit auch neue Märkte zu erobern.

GPM: Mit Ihren Sponsoren – zum Beispiel Lufthansa oder dem Atomkonzern Siemens – machen Sie doch den Bock zum Gärtner: Diejenigen, die das Problem sind, sollen bei der Expo die Lösungen vorstellen.

Breuel: Siemens, der Atomkonzern – das finde ich polemisch. Jeder, der eine Lösung hat, kann sich beteiligen. Es wird zum Beispiel auch darüber geredet, für die Expo 2000 einen Ökobauernhof zu errichten. Es ist doch interessant, beides gemeinsam zu präsentieren, mit redlichen Argumenten.

GPM: Das Problem liegt doch darin, daß längst entwickelte Lösungen nicht umgesetzt werden, weil sie – noch – nicht genügend Profit versprechen.

Breuel: Bei der Weltausstellung werden die Alternativen gleichwertig präsentiert. Das ist doch etwas anderes als bei einer Industriemesse, wo nur die einzelnen Produkte vorgestellt werden.

GPM: Die Expo will durch ihr Motto so etwas wie eine moralische Instanz für Nachhaltigkeit sein. Warum mischen Sie sich nicht in die Politik ein, zum Beispiel mit der Forderung nach einer ökologischen Steuerreform?

Breuel: Ab Mitte des Jahres werden wir auch öffentlich werben, um Tickets zu verkaufen und ähnliches mehr. Dann werden wir uns auch stärker einmischen, allerdings nicht in aktuelle Fragen wie die Steuerreform. Aber eine Diskussion über die künftige Definition von Indikatoren wie Bruttosozialprodukt oder Wachstum halte ich für absolut notwendig, und die ich möchte gerne vorantreiben.

GPM: Sie waren in Niedersachsen Wirtschafts-, später Finanzministerin. Welches Fazit ziehen Sie, wenn Sie Ihre heutige Haltung zu Umweltfragen mit Ihrer damaligen Politik vergleichen?

Breuel: Ich habe die Problematik damals in der Schärfe nicht gesehen, gar kein Zweifel. Als ich später zur Treuhandanstalt kam und das erste Mal durch ein DDR-Chemiewerk gegangen bin, das uns übertragen worden war, habe ich gesehen, unter welchen Bedingungen Menschen dort arbeiten mußten. Da habe ich vielleicht zum ersten Mal ganz tief persönlich empfunden, wie schrecklich und gefährlich das sein kann. Vielleicht ist es so, daß man älter werden muß – bei mir war es jedenfalls so – und daß man erst einmal die Erfahrung am eigenen Leibe machen muß.

GPM: Stört es Sie nicht, daß Sie als Expo-Chefin eher auf das Allgemeine und Unverbindliche festgelegt sind und keinen politischen Druck aus Ihrem nachhaltigen Denken ableiten können?

Breuel: Ich bin nicht sicher, ob man als aktiver Politiker oder als Abgeordneter mehr erreichen kann als mit einer Weltausstellung. Mit der Expo haben wir die Chance, etwas in den Köpfen der Menschen zu verändern. Das klingt ein bißchen vage, aber es ist meine ganze tiefe Hoffnung, sonst würde ich hier nicht sitzen.

Von MARCEL KEIFFENHEIM und OLAF PREUSS

* Birgit Breuel (60) leitet seit 1995 als Generalkommissarin die Vorbereitungen zur Weltausstellung „Expo 2000“ in Hannover. Die CDU-Politikerin war in Niedersachsen unter Ernst Albrecht Ministerin für Wirtschaft und Verkehr (1978-1986) sowie für Finanzen (1986-1990). Von 1991 bis 1994 führte sie als Präsidentin die Treuhandanstalt in Berlin.