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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Feuer in der Atomfabrik

Text: Kerstin Eitner

Nach dem Zweiten Weltkrieg will Großbritannien möglichst schnell Atomwaffen besitzen und baut im nordenglischen Cumbria an der Irischen See zwei Reaktoren zur Plutoniumgewinnung, Windscale 1 und 2. Infolge des ständigen Neutronenbeschusses in ihrem Kern speichern die Meiler unerwünschte Energie, die turnusmäßig kontrolliert abgeführt werden muss. Dazu werden sie herunter- und wieder hochgefahren, so auch am Abend des 7. Oktober 1957. Doch in den folgenden Tagen erhitzt sich eine Stelle im Kern von Meiler 1 unaufhörlich weiter. Ursache ist ein geborstener Brennstab.

Am 10. Oktober bricht Feuer aus. Nach vergeblichen Löschversuchen, etwa mit flüssigem Kohlendioxid, beschließen die Betreiber am 11. Oktober, den Reaktor mit Wasser zu fluten – ein riskantes Unterfangen, das schlimmstenfalls eine Explosion auslösen kann. Dazu kommt es zum Glück nicht, aber durch den Brand wird Radioaktivität freigesetzt. Erst jetzt informiert die britische Atombehörde UKAEA die Presse – und belügt sie: Zu keiner Zeit habe für die Bevölkerung eine Gesundheitsgefahr bestanden.

Da haben Bauern im Umkreis von mehr als tausend Quadratkilometern bereits Millionen Liter radioaktiv verseuchter Milch in Flüsse und Meer kippen müssen, Menschen und Tiere in der Umgebung sind seit Tagen erhöhten Strahlendosen ausgesetzt. Eine radioaktive Wolke zieht südöstlich über England zum europäischen Festland. Der – unvollständige – amtliche Bericht mit Schätzungen der Strahlendosis bleibt 25 Jahre unter Verschluss. Es ist der erste schwere Reaktorunfall der Geschichte.

Meiler 1 und 2 werden danach stillgelegt, doch weitere Anlagen gehen in Betrieb. Der Atomkomplex wird später in „Sellafield“ umgetauft, nicht zuletzt wegen seines schlechten Rufs aufgrund zahlreicher Störfälle. Trotzdem lässt auch Deutschland lange Zeit abgebrannte Brennstäbe dort wiederaufarbeiten.