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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Feuerball über der Nordsee

Text: Kerstin Eitner

Kurz nach 21 Uhr ist es noch ruhig auf Piper Alpha, 190 Kilometer nordöstlich des schottischen Aberdeen. Zwei Arbeiter der Spätschicht wollen zwei ausgefallene Gaspumpen der Bohrinsel reparieren. Was sie nicht wissen, weil ihnen an diesem 6. Juli 1988 das entscheidende Formblatt fehlt: Das Überdruckventil der einen Pumpe wurde zu Wartungszwecken ausgebaut, sie ist nur provisorisch abgedichtet. So kommt es um 21.58 Uhr zur ersten von vier gewaltigen Explosionen, ein Feuerball steigt in den Nachthimmel. „Das ganze verfluchte Ding steht in Flammen“, meldet später ein Augenzeuge. Die Sprinkleranlage lässt sich vom zerstörten Kontrollraum aus nicht einschalten, Atemmasken und Rettungsboote sind nicht schnell genug einsatzbereit.

167 Menschen sterben, bis heute ist das die höchste Zahl von Toten bei einem Bohrinselunfall. Manche der 61 Überlebenden retten sich durch einen Sprung ins Wasser aus dreißig Metern Höhe. Der legendäre US-Feuerwehrmann Paul Neal „Red“ Adair braucht drei Wochen, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Die Folgen, darunter auch eine mögliche Verseuchung des Meeresbodens mit PCB, werden nie untersucht.

Die Gas- und Ölförderung in der Nordsee, heute rückläufig, sollte seit den Siebzigerjahren Großbritanniens Wirtschaft sanieren. Die US-Firma Occidental Petroleum ließ auf der Ölplattform Piper Alpha ab 1980 auch Gas fördern, trotz aller Warnungen wegen mangelnden Brandschutzes. Unter der seit 1979 regierenden Margaret Thatcher ging Rendite vor. Die Sicherheit von 170 Bohrinseln lag in den Händen von acht Inspektoren des Energieministeriums, das zugleich die Erschließung der Reserven vorantrieb. Im Sommer 1989, am Jahrestag des Unglücks, taten die Arbeiter der Nordsee-Bohrinseln dann zum ersten Mal das, was sie im Land der entmachteten Gewerkschaften zuvor nicht gewagt hatten: Sie streikten. Nicht für mehr Geld. Für mehr Sicherheit.