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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

„Fleisch, Kartoffeln und fettige Soßen liefern am meisten Strom“

Patrick Reinecke, 31, ist technischer Leiter der Biogasanlage BioCycling in Bardowick, Niedersachsen. Am liebsten hat er es, wenn im Sommer Ananas, Zitronen und Orangen vergoren werden – dann riecht es besser.

Bei uns sieht es aus, als würden wir eine – zugegeben gewöhnungsbedürftige – Suppe kochen. Darin landet alles, was niemand mehr essen will. Welkes Gemüse und saure Milch, abgelaufene Schokolade und Fleisch, das in der Kantine übrig geblieben ist. Einmal war sogar ein Hummer darunter – er wurde wohl im Restaurant bestellt und nicht aufgegessen. In unserem Bottich schwimmt alles durcheinander. Es ist ein Sammelsurium an Lebensmitteln, die nicht gut genug sind: nicht frisch genug, nicht lecker genug, nicht attraktiv genug. Für gewöhnlich ist die Masse leicht bräunlich, doch manchmal mischen sich Gewürze wie Paprikapulver oder Curry darunter und sorgen für satte Gelb- und Orangetöne.

30.000 Tonnen Lebensmittel wandern jährlich in unsere Biogasanlage. Sie stammen aus Supermärkten, Restaurants, Kantinen und Lebensmittelfabriken im Umkreis von rund fünfzig Kilometern. Im Sommer haben wir besonders viel zu tun. Wenn es heiß ist, werden Obst und Gemüse schneller matschig. Die Kühlkette, mit der Joghurt und Milch frisch gehalten werden, kennt kein Pardon. Fällt das Kühlaggregat eines Lkws aus, ist die ganze Ladung ein Fall für uns.

Durch eine dicke Glasscheibe im sogenannten Fermenter kann man zusehen, wie aus den Abfällen Biogas produziert wird: Die Suppe blubbert und brodelt, die hellbraune Masse verfärbt sich langsam tiefschwarz. Bakterien fressen sich durch die Lebensmittel und scheiden energiereiches Methan aus. Dabei verhält es sich ähnlich wie beim Menschen: Aus Speisen mit viel Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß kann besonders viel Energie gezogen werden. Wenn unter den Kantinenabfällen Fleisch, Kartoffeln und fettige Soßen sind, ist das optimal für die Energiegewinnung. Obst und Gemüse liefern weniger Gas.

Es stimmt, was Kritiker sagen: Einige der Lebensmittel könnte man sicherlich noch essen. Manche haben das Mindesthaltbarkeitsdatum nur um wenige Tage überschritten, Frischware im Supermarkt wurde nicht verkauft und musste aussortiert werden. Dabei gibt natürlich der Verbraucher den Ton an: Der Kunde erwartet, dass das Bäckereiregal im Supermarkt auch abends noch prall gefüllt ist. Er verlangt eine prächtige Gemüseabteilung, in der knackfrische, makellose Produkte angeboten werden. Und er rümpft die Nase, wenn in den Regalen Lücken klaffen, wo schon alles ausverkauft ist. Das kalkuliert der Handel natürlich ein. Was nicht verkauft werden kann, endet im besten Fall in der Biogasanlage.

Dort tun wir unser Bestes, um noch möglichst viel aus den Lebensmitteln herauszuholen: Wir verbrennen das Gas in einem Blockheizkraftwerk, treiben also einen Generator an. 4000 Haushalte werden so mit Strom versorgt. Aus dem Rest, der nach der Vergärung übrig bleibt, wird Dünger für die Landwirtschaft. Mir fällt keine Variante ein, wie man noch mehr Nutzen aus den Speiseabfällen ziehen könnte.

Trotzdem merke ich, wie es mich prägt, jeden Tag tonnenweise Essen vergären zu sehen. Im Supermarkt kaufe ich besonders gerne die Produkte, die kurz vor dem Verfallsdatum stehen. Wenn ich ein Stück Fleisch sehe, das morgen abläuft, und ich weiß, dass ich es sowieso heute braten möchte, warum sollte ich dann nicht zugreifen?

Aufgezeichnet von Julia Huber