Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Fliegende Federn

Text: Svenja Beller Fotos: David Maurice Smith

Weil jedes Gefieder Rückschlüsse auf die Lebensumstände seines Trägers zulässt, rief die Ökologin Kate Brandis dazu auf, Proben aus den australischen Feuchtgebieten zu ihr nach Sydney zu schicken. Nun stapeln sich dort Briefe mit luftigem Inhalt. Der birgt nicht nur Erkenntnisse. Er ist auch einfach schön

Alle Lebewesen hinterlassen etwas an den Orten, an denen sie sich aufgehalten haben. Katzen hinterlassen Haare auf dem Sofa, Spinnen ihr Netz in der Zimmerecke und Kinder den Turnbeutel im Klassenzimmer. Wollte eine andere Spezies das Reise- und Rastverhalten der Gattung Mensch im 21. Jahrhundert nachvollziehen, sie könnte sich hervorragend an Plastiktüten, Trinkflaschen und Zigarettenstummeln orientieren.

Man muss nun kein erklärter Feind des Fortschritts sein, um die Spuren von Vögeln schöner zu finden als unsere Hinterlassenschaften: schimmernde, flauschige, zarte, gestreifte, dunkle, gesprenkelte, bunte und einfarbige Federn, auf denen das Wasser abperlt wie auf einer Fensterscheibe. Die prosaische Tatsache, dass sich das Gefieder jedes Vogels abnutzt und deshalb regelmäßig erneuert werden muss, führt zu Spuren in der Landschaft, die stets etwas Lyrisches an sich haben. Vielleicht auch, weil sie das Flüchtige in der Natur mit dem Festeren verbinden: Federn verfangen sich im Gras, flattern in den Zweigen der Büsche, verstecken sich im Laub und sammeln sich im Windschatten von Bäumen und Steinen.

Und so transzendierte auch in Australien eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme ins Poetische: Weil sie sich davon Aufschluss über die Feuchtgebiete ihres Kontinents versprach, rief die Forscherin Kate Brandis Landsleute dazu auf, ihr Federn von Wasservögeln zu schicken. Die Finder sollten den Federn Datum und Koordinaten des Fundes sowie den Namen der Vogelart, von der die Feder stammte, hinzufügen. Und weil sie ahnte, dass sie damit ihre Helfer überfordern könnte, schrieb sie dazu: „Wenn Sie ihn kennen. Es ist okay, wenn Sie es nicht tun.“ Brandis warb in Radio, Fernsehen und der gedruckten Presse für ihre Sache, schrieb Schulen und Tourismusbüros an, richtete eine Webseite und einen Instagram-Kanal ein. „The Feather Map of Australia“, die Federkarte Australiens, so nannte sie ihr Projekt. Dann wartete sie auf Antwort.

Doch warum überhaupt genau? Laut Experten der Ramsar-Konvention, des globalen Übereinkommens über den Schutz von Feuchtgebieten, sind ökologisch extrem wertvolle Flächen wie Sümpfe, Auen, Moore, Feuchtwiesen und Marschen schon im zwanzigsten Jahrhundert um schätzungsweise 64 bis 71 Prozent zurückgegangen. Das ist fatal, da viele dieser Gebiete nicht nur als Überschwemmungsschutz und Grundwasserfilter dienen, sondern auch große Mengen Kohlenstoff speichern. Trocknen sie aus, gelangt Kohlendioxid in die Atmosphäre und treibt den Klimawandel weiter an – und das Austrocknen weiterer Feuchtgebiete.

Hier kommen nun die Federn ins Spiel: Sie sollen der Biologin Brandis Erkenntnisse darüber liefern, in welchen Feuchtgebieten sich ihre Träger aufgehalten haben und wie gesund diese sind. Sie bestehen wie unsere Haare aus Keratin, und wie bei unseren Haaren lassen sich mit einem Massenspektrometer und Röntgenfluoreszenz aus ihnen Informationen über die Ernährung ihrer Träger herauslesen.

An einem Tag im April vor zwei Jahren hielt Kate Brandis aufgeregt den ersten Brief in den Händen. Darin lagen die schneeweißen Federn eines Molukkenibisses. Es folgten immer mehr Umschläge mit immer mehr Federn von Kormoranen, Enten, Reihern, Gänsen, Pelikanen. Die Wasservögel Australiens flogen ihr zu, zumindest ihre Federn. „Die Resonanz war fantastisch“, sagt die Forscherin. „Wir haben nun Federn aus über 400 Feuchtgebieten in ganz Australien.“ Mehr als 720 Umschläge stapeln sich mittlerweile in ihrem Büro bei der Australischen Organisation für Nuklearwissenschaft und -technologie in Sydney. Der Fotograf David Maurice Smith dokumentierte ihren filigranen Inhalt, schlicht, aber durchaus mit einem Blick für seine individuelle Schönheit.

Bis Ende Juni nehmen Brandis und ihr Team noch Federn an, dann beginnt die Auswertungsphase, mit Ergebnissen rechnen sie gegen Ende des Jahres. Smiths Bilder stehen bereits jetzt für sich. Genau wie die Tatsache, dass die fliegenden Federn ihre einstigen Besitzer und deren Ökosysteme den Menschen nähergebracht haben.