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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Fluchtgrund Klimawandel

Text: Wolfgang Hassenstein

Die aktuelle Flüchtlingskrise fordert Europa heraus. Doch wer die Nachrichten über die globale Erwärmung verfolgt, weiß: Es werden sich noch viel mehr Menschen auf den Weg machen

Die Ukraine, Griechenland, jetzt der Rekordzustrom von Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen – in immer schnellerer Abfolge fordern Krisen Europas Politik heraus. Im Schatten dieser Nachrichten geht eine andere Entwickung beinahe unter, die das Gefüge der Welt künftig noch viel stärker ins Wanken bringen könnte: Die Erderwärmung nimmt weiter Fahrt auf.

Bemerkbar macht auch sie sich durch Rekorde: Schon 2014 war – weltweit wie auch in Deutschland – das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen, doch die erste Jahreshälfte 2015 hat diese Werte schon wieder getoppt. Im Pazifik braut sich ein El Niño zusammen, ein Wetterphänomen, das dem Planeten weitere Hitzerekorde und vielen Regionen Überschwemmungen und Dürren bescheren könnte. Rechtzeitig vor der großen UN-Klimakonferenz im Dezember inszeniert die Natur das passende Rahmenprogramm.

Unweigerlich drängt sich bei den aktuellen Bildern von Menschen, die alles verloren haben und zu Fuß gen Norden ziehen, der Gedanke auf, sie könnten nur Vorboten viel größerer „Völkerwanderungen“ sein. Die vagen Prognosen über die Zahl künftiger Klimaflüchtlinge – sie schwanken zwischen 50 und 350 Millionen bis 2050 – erscheinen plötzlich vorstellbar.

Doch Experten erwarten, dass in der Regel verschiedene Fluchtursachen zusammenkommen und längst nicht alle Klimamigranten als solche erkennbar sein werden. „Ihr typisches Wandermotiv wird nicht erst ein Atlantis-Szenario sein, ein buchstäbliches Versinken ihrer Heimat“, schreibt der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel in der FAZ. Schon lange vorher würden Böden versalzen und erodieren, Armut und Elend wachsen. Sie würden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ kommen – und die Industrieländer ihre Verantwortung leugnen.

Auch dem syrischen Bürgerkrieg ging eine mehrjährige Rekorddürre voraus, die zur Destabilisierung des Landes beitrug. So gesehen sind viele der Menschen, die derzeit zu uns kommen, schon erste Klimaflüchtlinge – aber mit unstrittigem Recht auf Asyl.