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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Forschung für die Front

Text: Kirsten Brodde

Kriegsgerät per Gedankenkraft steuern und nie mehr müde sein: Pentagon-Wissenschaftler basteln am Soldaten der Zukunft.

Alan Rudolph klingt wie ein aufgeregter Sciencefiction-Fan. In seiner Vision des Krieges von morgen werden die Gehirne von Piloten mit den Schaltkreisen ihrer Jets verbunden sein. Elektroden im Kopf machen es möglich. Nicht mal mehr im Cockpit sitzen müssen die Flieger. Sie lassen sich die Bilder von dort direkt in die visuellen Zentren ihres Hirns übertragen und navigieren das unbemannte Kriegsgerät vom Boden aus. Auch insektengroße Mini-Flieger ließen sich mittels Gedankenkraft lenken, schwärmt Rudolph. Künstliche Hummeln oder Libellen könnten Detektoren für chemische oder biologische Kampfstoffe tragen und schon mal Wolken untersuchen, die Soldaten auf dem Schlachtfeld entgegenwehen. Roboter-Insekten, die ans Hirn funken und vor Giftgas warnen, sind praktisch, findet er.

So bizarr dies klingen mag, der Mann ist kein Phantast. Spitzen-Biologe Rudolph ist einer von rund 70 Programmkoordinatoren des Wissenschaftsbüros des Pentagon, Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency), und erhielt für zwei Jahre 24 Millionen Dollar für Forschung zur Vernetzung von Mensch und Maschine. Drei Milliarden US-Dollar gibt die Agentur insgesamt für innovative Militärtechnologie aus. Jährlich.

Nicht nur Cyborg-Soldaten, die Kommandos direkt aus dem Hirn senden, gehören zum Darpa-Programm, auch Fahrzeuge, die ohne Fahrer und Fernsteuerung ihren Weg durch die Wüste finden, besonders zielgenaue Mini-Atombomben oder Laser zum Orten von Heckenschützen. Als besonders brisant gilt vielen das Big-Brother-Programm „Terror Information Awareness“, mit dem die Militärs potenzielle Terroristen aufspüren wollen. Dazu werden medizinische, schulische und biometrische Daten von möglichst vielen Menschen weltweit erfasst und in Computer gespeist. Die Rechner ermitteln dann die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der verdächtige Personen Terror planen oder nicht. Solch wahnwitzig klingende Vorhaben sollen auch in Zukunft die militärische Überlegenheit der USA gegen jeden Gegner sichern.

Wer deshalb Stacheldraht und Wachen vor dem unscheinbaren Bürogebäude von Darpa in Fairfax bei Washington erwartet, wird enttäuscht. Universitäten – in denen offene Türen und eine lockere Atmosphäre üblich sind – gehören zu den wichtigsten Partnern der Agentur, die inzwischen ein wichtiger Finanzier der US-Forschung ist. Damit soll nun allerdings bald Schluss sein. Die Bush-Administration will die „Zirkulation militärisch relevanter Ergebnisse beschränken“. Und die Presseoffizierin Jan R. Walker lehnt Interview-Wünsche zumeist einfach ab.

Dafür werden die Forscher von Zeit zu Zeit auf die gemeinsame Sache eingeschworen und dürfen als „Extra“ einer Konferenz schon mal einen Tag Straßenkampf in einem Trainingscamp der US-Marines üben. Schließlich ist „Anwendungsnähe“ der Forschung gefordert. Tarnfarbene Fahrzeuge und Uniformen schrecken die akademische Klientel aber nicht ab. In der Wissenschaftsgemeinde gilt es längst als Beweis für Rang und Relevanz, Millionenbudgets vom Pentagon zu erhalten.

Forscher wie Richard Satava von der University of Washington in Seattle betonen nimmermüde und reichlich verklärt den zivilen Nutzen ihrer Forschung, zum Beispiel für den Fortschritt der Medizin. Der Chirurg arbeitet an einem „Virtuellen Soldaten“, einem Computerprogramm, mit dem sich alle möglichen Verletzungen simulieren und probeweise kurieren lassen, sich aber auch die Wirkung neuartiger Waffen testen lässt. Als die Fachzeitschrift „Nature“ im Sommer 2003 die Janusköpfigkeit solcher Darpa-Projekte anprangerte, reagierten die Leserbriefschreiber empört auf solche Vorwürfe.

Wer sich damit trösten will, dass Darpa nur ein „Wagniskapitalfonds“ für spekulative Projekte sei, die zu 85 Prozent im Sande verlaufen, der irrt. Die Agentur ist seit ihrer Gründung 1958 eine legendäre Brutstätte für innovative Militärtechnologie. Ende der 60er Jahre wurde in ihrem Auftrag der Vorläufer des Internets entwickelt (Arpanet). Die Militärs wünschten sich damals ein Kommunikationsnetz, das auch einem Atomkrieg standhält. Später förderte Darpa die US-Tarnkappenbomber, Motoren für Tomahawk-Marschflugkörper, das globale Ortungssystem GPS und das im Vietnamkrieg ein-
gesetzte Entlaubungsmittel Agent Orange.

„Die militärische Anwendung der Forschung ist eben keine Fiktion“, bestätigt Robert Triendl, der für die Agentur als Berater arbeitete. Und weil die Militärstrategen erkannt haben, dass der Soldat das schwächste Glied in jedem noch so ausgeklügelten Kriegsszenario ist, bastelt das „Zentrum für revolutionäre Ideen“ – wie Darpa-Chef Anthony Tether sein Haus liebevoll nennt – derzeit an Uniformträgern, die mehr leisten und aushalten können. So soll ein „Exoskelett“ – eine Art Ganzkörperpanzerung – zugleich Muskelkraft und Ausdauer verstärken. So verspricht etwa der „Springwalker“ mehr Sprungkraft und größere Schritte, um schneller ans Ziel zu kommen.

Auch der Stoffwechsel der Superkämpfer von morgen soll so manipuliert werden, dass Soldaten sieben Tage ohne Schlaf auskommen. Und statt bei einer Verletzung im Militärhospital kuriert zu werden, planen Darpa-Spezialisten im PIC-Programm (Persistence in Combat) den Soldaten beizubringen, sich selbst zu verarzten. Dazu zählt das Stillen von Blutungen mit Gewebekleber oder das Unterdrücken von Schmerzen mit Akupressur, Akupunktur oder Meditation. „Keep on running“ betitelte die amerikanische Journalistin Cheryl Seal im „News Insider“ das Bemühen der Militärs, Rekruten in Titanen zu verwandeln.

Alan Rudolph ficht der Hohn nicht an. „Große Wissenschaft“ nennt er die Projekte. Und dabei klingt er ein bisschen wie der wahnsinnige Dr. Seltsam. Der träumte im gleichnamigen Film von Stanley Kubrick von der „Weltvernichtungsmaschine“, die alles auslöscht und die keiner abschalten kann.