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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

„Frieden fällt nicht vom Himmel“

Text: Andrea Hösch

Tragt eure Konflikte gewaltfrei aus, appelliert Uli Jäger an Schüler. Von den Lehrern fordert er: Für Friedenserziehung muss Zeit sein

Interessieren sich Kinder für Krieg und Frieden?
Und wie. Allein unsere Internetplattform frieden-fragen.de wird täglich rund 2000-mal angeklickt. Die Kinder wollen wissen, was in Syrien los ist, was mit den Kurden passiert. Und viele machen sich Sorgen, dass auch bei uns wieder ein Krieg ausbrechen könnte.

Jeden Tag berichten die Medien über Terrormilizen, brennende Städte, Flüchtlinge und Tote. Nehmen Kinder Kriege so wahr wie unvermeidliche Naturkatastrophen?
Die große Mehrzahl der Konflikte wird ohne Gewalt gelöst, darüber wird leider nur selten berichtet. Die Medien schauen dorthin, wo es kracht und brennt. Und je mehr Schüler und auch Erwachsene über bewaffnete Konflikte und Kriege lesen oder hören, umso eher erscheinen uns Kriege alternativlos. Genau da setzt Friedenspädagogik in Deutschland an: Wir vermitteln den Schülern, dass und wie man mit Konflikten ohne Gewalt umgehen kann.

Wie machen Sie das?
Wir laden immer wieder Schüler zu Seminaren in unser Institut nach Tübingen ein. Vor allem aber qualifizieren wir Lehrer. Zum Beispiel regen wir die Pädagogen an, an ihren Schulen Streitschlichter auszubilden. Bei dem Training lernen die Kinder, anderen zuzuhören, sich fair zu verhalten und gemeinsam nach gewaltfreien Lösungen zu suchen. Dafür muss – trotz voller Stundenpläne – Zeit sein. Ein erfolgreiches Modell ist unser Projekt „Peace Counts Schools“, eine Kooperation mit Journalisten, die aus aller Welt über „Friedensmacher“ berichten, Ausstellungen sowie Unterrichtsmaterial zusammenstellen. Kinder brauchen Vorbilder und persönliche Geschichten, um zu erleben, auf welch unterschiedliche Weise man sich für Frieden einsetzen kann. Diese Biografien wirken wie emotionale Türöffner und inspirieren die Schüler, selbst zu überlegen, was sie tun könnten.

Spielt Friedenserziehung an Schulen eine wichtige Rolle?
Die Lehrpläne schreiben eine Auseinandersetzung mit friedenspolitischen und -ethischen Fragen vor, angesichts der Weltlage ist das auch dringend erforderlich. In den letzten Jahren ist da einiges passiert, trotzdem bleibt noch viel zu tun. Die Schulen haben gar keine andere Wahl: Sie müssen mit immer mehr Flüchtlingskindern umgehen, die an unsicheren Orten aufgewachsen und oftmals von Gewalterlebnissen traumatisiert sind. Hinzu kommen deutsche Kinder, deren Eltern im Kriegseinsatz waren. Auch sie sind direkt mit körperlichen und seelischen Wunden konfrontiert. Plötzlich rückt der Krieg ganz nah.

Was kann Friedenserziehung in den Ländern des globalen Südens bewirken?
Wir arbeiten mit unseren friedenspädagogischen Programmen auch direkt in Konflikt- und Krisenregionen wie etwa in Jordanien. Dort lernen Schüler genauso wie hier, dass Frieden nicht vom Himmel fällt und Menschen sich für ihn einsetzen müssen. Den deutschen Kindern zeigen wir darüber hinaus, welchen Anteil wir an Konflikten in der Welt haben und dass Frieden soziale Gerechtigkeit und eine Lebensperspektive für alle Menschen voraussetzt. So gesehen hat Friedenserziehung eine globale und immer auch eine politische Dimension – es geht darum, eine gerechtere Welt zu schaffen.

frieden-fragen.de
peace-counts.org
berghof-foundation.org/de