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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Friedensstifter – 5 Porträts

„Wir Kinder sind die Zukunft Malawis. Wir unterstützen uns gegenseitig - ich glaube, nur so können wir etwas verändern.“
Evelyin Chasweka lebt in Njoka, einem Dorf im Südosten Malawis. Das Land ist eines der ärmsten der Welt. Jeder achte Einwohner ist HIV-positiv, jeder dritte kann nicht lesen und schreiben. Evelyin hat mit 33 anderen Kindern ein Kinderparlament gegründet. „Dort besprechen wir Probleme, die wir jeden Tag erleben: Kinderhochzeiten, Armut, Krankheit oder Kinderarbeit“, sagt sie. „Dann überlegen wir, was wir gemeinsam dagegen tun können.” Das Parlament wählt seine eigenen Minister. Der Bildungsminister von Njoka setzt sich dafür ein, dass die Kinder so lange wie möglich zur Schule gehen können. „Wir sprechen mit den Kindern und ihren Eltern und versuchen sie davon zu überzeugen, wie wichtig das Lernen ist.“ Unterstützt werden die Kinderparlamentarier von der christlichen Organisation „Daughters of Mary Immaculate“, die seit 2009 bei der Gründung solcher Gruppen hilft. In Malawi gibt es bereits 130 Kinderparlamente. „Wir sind sehr stolz auf unsere Arbeit“, sagt Evelyin.
Evelyin Chasweka, 14, ist Mitglied eines malawischen Kinderparlaments und setzt sich für die Rechte von Kindern ein. Denn sie weiß: Frieden fängt bei der Bildung an.

„Wäre Frieden etwas Essbares, wünschte ich mir, er wäre Gemüse – dann könnte ich ihn in jeden fruchtbaren Boden der Welt pflanzen.“
Abdallah war Teil der friedlichen Bewegung, die im März 2011 den Aufstand in Syrien anstieß. Wie viele andere wurde der Soziologiestudent aufgrund seines Engagements exmatrikuliert. Seitdem organisiert Abdallah in Yarmouk, dem seit über einem Jahr belagerten Stadtteil von Damaskus, zusammen mit anderen Aktivisten den zivilen Widerstand gegen das Assad-Regime. Im September 2013 riegelten Einheiten des Diktators das Viertel ab, seitdem behindern sie die Versorgung mit Hilfsgütern. Im vergangenen Winter verhungerten 170 Menschen, 70 Prozent der Kinder waren unterernährt. „Wir haben versucht, durch unsere Arbeit die Folgen der Belagerung zu lindern“, sagt Abdallah. Gemeinsam mit den Bewohnern bauten die Aktivisten Zucchini, Auberginen, Tomaten und Paprika an. „Wir haben mehr als zehn Tonnen geerntet und konnten damit 20 Prozent der Bewohner von Yarmouk ernähren.“ Daneben organisieren die Aktivisten Schulunterricht, versorgen Menschen mit Medikamenten und bilden Bewohner medizinisch aus. Unterstützt werden sie dabei auch von der deutschen Organisation „Adopt a Revolution“. Obwohl die Lage in Yarmouk dramatisch ist, hat Abdallah sich gegen die Flucht entschieden: „Hier liegt meine moralische und menschliche Verantwortung. Es ist nicht logisch, zu gehen, wenn die Revolution, auf die wir so lange gewartet haben, gekommen ist.“ Er und seine Mitstreiter wollen weiter am Aufbau von zivilen Strukturen arbeiten.
Abdallah al-Khatib, 24, lebt mit seiner Familie im belagerten Stadtteil Yarmouk in Syriens Hauptstadt Damaskus. Er engagiert sich in verschiedenen Gruppen für den zivilen Widerstand gegen das Assad-Regime.

„Frieden wird es in Kolumbien nur mit einer grundlegend neuen Staatsauffassung geben. Dafür kämpfen wir.“
Wenn Danilo Rueda vor sein Büro in der Innenstadt von Bogotá tritt, steht er unter Beobachtung. Rueda ist Menschenrechtsaktivist. Er hat viele Feinde. Immer wieder wird er mit dem Tod bedroht und muss das Land verlassen. Mit seinen Kollegen von der ökumenischen Kommission „Gerechtigkeit und Frieden“ kämpft er seit 25 Jahren dafür, die Bewohner der von Guerillagruppen und Paramilitärs umkämpften Gebiete vor Vertreibung und Ermordung zu schützen. „Wir arbeiten eng mit den Gemeinden in den Konfliktregionen zusammen“, sagt Rueda. So zum Beispiel in Buenaventura im Nordwesten Kolumbiens: In den vergangenen fünf Jahren wurden dort rund 12.000 Menschen als vermisst gemeldet, im letzten Jahr flohen Zehntausende aus der Hafenstadt, die bekannt ist für Folterhäuser, in denen Menschen gequält und getötet werden. Die Kommission unterstützt die Hinterbliebenen und Opfer juristisch wie psychologisch. Was die Menschen ihr anvertrauen, ist die Grundlage für ihre politische Lobbyarbeit. Seit Ende 2012 verhandeln Guerilla und kolumbianische Regierung über ein Friedensabkommen, das den seit rund 50 Jahren andauernden Konflikt im Land beenden soll. Doch Rueda glaubt nicht an ein baldiges Ende der Gewalt, die politische Struktur sei Teil des Problems: „Frieden wird es in Kolumbien nur mit einer grundlegend neuen Staatsauffassung geben.“
Danilo Rueda, 51, Als mehrere seiner Mitstreiter nach einer politischen Veranstaltung verschwanden und nie wieder auftauchten, beschloss der damals 17-jährige Schüler, sich in seinem Land gegen Gewalt und für die Menschenrechte einzusetzen. Das tut er bis heute.

„Einen Menschen zum Freund zu gewinnen, den man gehasst hat, ist die schönste Erfahrung, die man im Leben machen kann.” James Wuye
Blutige Unruhen zwischen Christen und Muslimen prägten die Heimat des Imam Muhammad Ashafa und des Pastors James Wuye. Beide stammen aus der Stadt Kaduna im Norden Nigerias. Und beide gehörten extremistischen Organisationen an. Als sie sich auf einem Treffen des UN-Hilfswerks 1995 das erste Mal sahen, war die Stimmung angespannt: „Wir hassten uns bis auf die Knochen“, sagt Pastor Wuye, und Imam Ashafa ergänzt: „Ich musste in einen anderen Teil des Raumes gehen, um ihm nicht an die Kehle zu springen.“ Doch von da an begannen die Kontrahenten, sich mit der religiösen Tugend der Vergebung zu beschäftigen. Bei weiteren Begegnungen erkannten sie, dass sie ähnliche Ziele haben. Auf neutralem Boden entwickelte sich ein vorsichtiger Dialog, aus dem das interreligiöse Vermittlungszentrum hervorging. Dort werden christliche und muslimische Gemeinden vernetzt, Treffen zwischen religiösen Führern und Politikern sowie Friedenscamps für Jugendliche organisiert. Inzwischen setzen sich Pastor Wuye und Imam Ashafa dafür ein, dass die Idee des interreligiösen Dialogs auch andernorts Früchte trägt. In Kenia sind sie bereits tätig, in Somalia wollen sie bald mit der Arbeit beginnen.
James Wuye, 51, und Muhammad Ashafa, 55, 1995 gründeten die beiden Gottesmänner in Nigeria ein interreligiöses Vermittlungszentrum, das für Toleranz und Dialog wirbt.

„Auf den Armeedokumenten steht lediglich die Todesursache. Wir wollen wissen: Wo sind sie umgekommen?“
„Mama, wir fahren in den Krieg. Man schickt uns nach Donezk.“ Am 10. August rief Anton Tumanow seine Mutter zum letzten Mal an, zehn Tage später traf sein Sarg zu Hause ein. Während des Ukraine-Konflikts sammelten die russischen Soldatenmütter tausende solcher Zeugenberichte. Ella Poljakowa wagte es Ende August, die Zahlen öffentlich zu machen: Bis zu 15.000 russische Soldaten seien in den Osten der Ukraine geschickt und hunderte von ihnen bei Gefechten verletzt oder getötet worden. Der Kreml reagierte prompt: Eine Mitstreiterin von Poljakowa musste zwei Tage in Haft, und die Soldatenmütter wurden als „ausländische Agenten“ eingestuft. Damit ist die Gruppe wie bislang insgesamt zwölf Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen staatlichen Repressionen ausgesetzt. Poljakowa hält diesen Einschüchterungsversuch für gesetzeswidrig und will vor Gericht dagegen klagen. Sie fühlt sich an die Zeit der Tschetschenienkriege erinnert, denn auch damals schon hatten die russischen Soldatenmütter Missstände in der Armee angeprangert. Allerdings mit einem Unterschied: „Zu jener Zeit gab es massenhaft Widerstand, die Eltern haben ihre Söhne aus dem Krieg nach Hause geholt. Heute haben die Menschen Angst vor der Staatsmacht.“
soldiersmothers.ru/en
Ella Poljakowa, 73, ist Vorsitzende des Komitees der Soldatenmütter in Sankt Petersburg. Die 1991 gegründete Gruppe prangert Missstände in der Armee an und erhielt dafür unter anderem den Alternativen Nobelpreis