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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Friedensstimme #2 – Erasmus von Rotterdam

Einzig den Menschen erzeugte die Natur nackt, zart, schwach, wehrlos.
Erasmus von Rotterdam im Jahr 1515

Süß scheint der Krieg den Unerfahrenen
Wenn man also zuerst nur die Erscheinung und Gestalt des menschlichen Körpers ansieht, merkt man denn nicht sofort, dass die Natur, oder vielmehr Gott, ein solches Wesen nicht für Krieg, sondern für Freundschaft, nicht zum Verderben, sondern zum Heil, nicht für Gewalttat, sondern für Wohltätigkeit erschaffen habe? Nämlich ein jedes der anderen Wesen stattete sie mit eigenen Waffen aus: Die Angriffslust der Stiere rüstete sie mit Hörnern,
die Löwenwut mit Klauen. Anderen wieder teilte sie Gift als Waffe zu. Einzig den Menschen erzeugte die Natur nackt, schwach, zart, wehrlos, mit weichem Fleisch und glatter Haut. Sie schenkte ihm freundliche Augen als Spiegel der Seele. Sie gab ihm biegsame Arme zur Umarmung. Sie gab die Empfindung des Kusses, wodurch sich die Seelen berühren und ganz wie vereint werden. Nur ihm teilte sie das Lachen zu als Ausdruck von Fröhlichkeit. Nur ihm die Tränen als Symbol der Sanftmut und des Mitleids. Damit nicht genug, schenkte die Natur allein ihm den Gebrauch der Rede und der Vernunft, was gewiss besonders geeignet ist, Wohlwollen zu gewinnen und zu fördern, sodass überhaupt nichts zwischen den Menschen mit Gewalt ausgetragen werden müsste.

Jetzt lasst uns demgegenüber, wenn es beliebt, eine Darstellung des Krieges bringen. Nun also vergegenwärtige dir das wahnsinnige Kriegsgeschrei, den rasenden Ansturm, die ungeheure Zerfleischung, den grausamen Wechsel von Fallenden und Niedermetzelnden, die Haufen der Gemordeten, die mit Blut überfluteten Schlachtfelder, die mit Menschenblut gefärbten Flüsse. Es passiert dabei manchmal, dass der Bruder auf den Bruder trifft, der Vetter auf den Vetter, der Freund auf den Freund und unter dem allgemein tobenden Wahnsinn das Schwert ins Eingeweide dessen stößt, von dem er niemals auch nur durch ein Wort verletzt wurde. Und was von allem das Schwerwiegendste ist, diese so unheilvolle Pestilenz lässt sich in ihrem Umfang nicht begrenzen. Ja, der Krieg wird aus dem Krieg erzeugt, aus einem Scheinkrieg entsteht ein offener, aus einem winzigen der gewaltigste.

Und immer schleichen sich die größten Übel unter dem Vorwand und Anschein des Guten in das menschliche Leben ein. Die Heere treffen zusammen, auf beiden Seiten das Kreuz-Zeichen vorantragend, das wohl selbst vermögen sollte zu mahnen, auf welche Art und Weise es sich für Christen ziemen würde zu siegen. Wo denn ist das Reich des Teufels, wenn es nicht im Krieg ist? Warum schleppen wir Christus hierhin, zu dem der Krieg noch weniger passt als ein Hurenhaus?

Und Soldaten werden die genannt, die in Erwartung eines kleinen Gewinns aus freien Stücken zum Kampf ausziehen. Verrufen ist, wer ein Kleid stiehlt, wer aber in den Krieg zieht, als Soldat dient und aus dem Krieg zurückkehrend so viele Unschuldige ausgeplündert hat, wird unter die rechtschaffenen Bürger gerechnet.

Es ist besser, das Vergehen einiger weniger ungestraft zu lassen, als dass wir, während wir die ungewisse Bestrafung des einen oder anderen fordern, die Unseren zugleich mit unschuldigen Grenznachbarn, die wir Feinde nennen, gewiss in höchste Gefahr bringen. Dienlicher ist es, eine Wunde verbleiben zu lassen, die du ohne schwere Schädigung des ganzen Körpers nicht heilen kannst. Wenn nun jemand schreit, es sei ungerecht, den, der sündigte, nicht zu strafen, antworte ich, es wäre viel ungerechter, so vielen tausend Unschuldigen unverdient größtes Unheil zu verschaffen.

Vor 500 Jahren kommentierte der Theologe und Philosoph Erasmus von Rotterdam (circa 1467-1536) das antike Zitat „Dulce bellum inexpertis“. Der Text, hier stark gekürzt, gilt als eine der frühesten europäischen  Antikriegsschriften