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Für die Freiheit des Wortes

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Für die Freiheit des Wortes

Text: Michael Obert Fotos: Matthias Ziegler

Die Arbeit von Journalisten ist in vielen Teilen der Welt gefährlicher geworden. „Reporter ohne Grenzen“ kämpft für ihre Sicherheit und für die Pressefreiheit – und damit für Demokratie und Frieden. Jetzt wird die deutsche Sektion der Menschenrechtsorganisation 20 Jahre alt

Damaskus, April 2011. In den Verliesen eines syrischen Gefängnisses zwingen Mitglieder der Geheimpolizei einen nackten Mann mit verbundenen Augen auf einen Stuhl. Brutal fesseln sie seine Hände und Füße an den Metallrahmen und schlagen mit Elektrokabeln zu. Der Mann ist Journalist. Während der Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad hat er auf verschiedenen Blogs Meinungsfreiheit gefordert und ist dafür auf dem al-kursi al-almani gelandet, dem „deutschen Stuhl“, den das syrische Regime von der Stasi kopiert haben soll. Die Rückenlehne ist beweglich. Assads Folterknechte drücken sie weit nach unten und überstrecken erbarmungslos die Wirbelsäule des vor Schmerzen schreienden Mannes.

„Ich war sicher, gleich würde mein Rücken brechen“, erinnert sich Nabil* drei Jahre später im Übergangswohnheim Marienfelde im Süden von Berlin. Unter den kräftigen Brauen wirken die Augen des Syrers wie Höhlen, aus denen der blanke Horror starrt. Dass Nabil dem brutalen Regime entkam, verdankt er einer Organisation, die weltweit für Meinungs- und Pressefreiheit kämpft, und damit für Menschenrechte, Demokratie und Frieden. „Wäre ich in Syrien geblieben, hätte der Geheimdienst mich und meine Familie umgebracht“, sagt Nabil. „Unser Leben verdanken wir Reporter ohne Grenzen.“

Genau zwanzig Jahre ist es her, dass ein paar Spontis bei der Berliner Tageszeitung (Taz) die deutsche Sektion von Reporter ohne Grenzen gründeten. Aus der Graswurzel-NGO ist eine weltweit vernetzte, schlagkräftige Menschenrechtsorganisation geworden. Sie prangert Verstöße gegen die Pressefreiheit an, bekämpft Zensur, die auch im Internet zunimmt, und hat verfolgten Journalisten auf fast allen Kontinenten das Leben gerettet. Doch der Einsatz von Reporter ohne Grenzen gleicht einer Sisyphos-Arbeit: entführte Journalisten in der Ukraine, inhaftierte Berichterstatter in der Türkei, ermordete Fotografen in Afghanistan. Wie schafft es die Organisation, immer wieder gegen globale Zensur und Gewalt anzurennen? In einer Zeit, in der Reporter vor laufenden Kameras enthauptet werden?

„Wo nicht unabhängig berichtet werden darf und wo Menschen ihre Meinung nicht frei äußern können, tun sich schwarze Löcher auf“, sagt Jens-Uwe Thomas, Leiter des Nothilfereferats von Reporter ohne Grenzen, in seinem schmucklosen Büro in einem dritten Hinterhof an der Berliner Friedrichstraße. „In solchen Ländern können Regierungen und Milizen die Menschenrechte ungehindert mit Füßen treten.“ Es klingelt an der Tür. Gleich darauf führt eine Mitarbeiterin einen jungen Mann in abgerissenem Sakko und verstaubten Schuhen herein, hinter sich einen kleinen Rollkoffer. „Ich heiße Jean“, sagt er leise, seine feingliedrigen Finger zittern. „Ich bin ein Journalist aus Ruanda.“ Er kommt direkt vom Flughafen.

Jens-Uwe Thomas – hohe Stirn, grau gerahmte Brille, zugeknöpftes Hemd – hört sich geduldig Jeans Geschichte an. Eine Geschichte, wie er sie von hunderten Journalisten kennt: Verhaftung, Folter, Angst, Flucht. „Ich kann nicht zurück“, sagt Jean, seine Stimme bricht. „In Ruanda bringen sie mich um.“

Die Organisation „Reporters sans frontières“, 1985 gegründet, hat ihren Hauptsitz in Paris. Die deutsche Sektion ist ein organisatorisch und finanziell eigenständiger Verein. Insgesamt mehr als 150 ehrenamtliche Mitarbeiter, oft selbst Journalisten, halten in aller Welt die Verbindung zwischen verfolgten Kollegen und Kontaktbüros in zwölf Ländern, die die Einsätze koordinieren. Gerät ein Journalist durch seine Arbeit in Schwierigkeiten, prüfen die Korrespondenten seinen Fall. Bestätigt sich die Notsituation, ersetzt Reporter ohne Grenzen zerstörte oder beschlagnahmte Ausrüstung, übernimmt Anwaltskosten und hinterlegt Kautionen zur Haftverschonung. Werden Medienmitarbeiter misshandelt oder Opfer von Anschlägen, finanziert die Organisation die medizinische Versorgung; bei Entlassungen oder Arbeitsverboten überbrückt sie finanzielle Engpässe.

„Unser Ziel ist es, dass verfolgte Journalisten in ihren Herkunftsländern weiterarbeiten können“, sagt Thomas in seiner ruhigen Art. „In akuten Fällen holen wir Journalisten aber auch aus der Schusslinie und suchen ein sicheres Aufnahmeland.“ Sorgfältig schaut er sich Jeans zerfledderte Papiere an, stellt dem Ruander in fließendem Französisch ein paar Fragen. Der Ton seiner Stimme ist warm. Thomas ist in Wriezen bei Eberswalde aufgewachsen, hat in der DDR Politikwissenschaft studiert und aus nächster Nähe erfahren, wie ein repressives Regime die Meinungsfreiheit unterdrückt und Andersdenkende verfolgt. Vielleicht schöpft er daraus die Kraft weiterzumachen, auch wenn er sich oft machtlos fühlt. Jean kann er erst einmal nur zur Beratungsstelle für Asylsuchende schicken. Wenn Korrespondenten in Ruanda Jeans Geschichte bestätigen, wird ihm Reporter ohne Grenzen helfen.

Im Kampf gegen die Assads dieser Welt, gegen die Putins, Mugabes, Kim Jong-uns und ihre hochgerüsteten Armeen, Geheimdienste und Schlägertrupps sind die Waffen von Reporter ohne Grenzen überschaubar: „Öffentlichkeit, Einsatz, Geduld“, sagt Jens-Uwe Thomas. Das Budget der deutschen Sektion betrug im vergangenen Jahr gerade mal 600.000 Euro, erwirtschaftet vor allem durch Spenden, die Beiträge von 1200 Mitgliedern und den Verkauf eines jährlich erscheinenden Fotobuchs.

Auf dem „deutschen Stuhl“ im Folterkeller von Damaskus, im April 2011, wollen die Schergen des Geheimdienstes von Nabil mit aller Gewalt ein Geständnis erzwingen. Er soll zugeben, dass er auf Blogs unter Pseudonym „dreckige Lügen“ über Präsident Baschar al-Assad verbreitet habe. Sonst würden sie seinen Rücken brechen. Immer weiter drücken sie die Stuhllehne nach unten. Nabil hört seine Wirbel krachen. Wie Stromschläge fährt der Schmerz über die Nervenbahnen in die Beine. Doch er weiß: „Wenn ich gestehe, bringen sie nicht nur mich, sondern auch meine Frau und meine Kinder um.“ Das gibt ihm die Kraft zu schweigen. Schließlich holen ihn Freunde mit Beziehungen aus dem Gefängnis.

Im Übergangswohnheim Marienfelde macht Nabil Tee. Auf syrische Art rührt er ihn auf dem Gasherd direkt ins kochende Wasser. Grauer PVC-Boden, gelbe Wände, leere Pressspanschränke. Das Küchenfenster ist mit Alufolie beklebt, damit die Nachbarn nicht sehen, wie Nabils Tochter ohne Kopftuch Essen macht. Während das Teewasser sprudelt, ruft Nabil auf seinem Handy ein Video auf. Das Internet ist voll davon. Es treibt ihm die Tränen in die Augen, doch er muss es sich immer wieder ansehen.

„Ah, Syrien!“, schluchzt er, während auf dem kleinen Display zwei gefesselte Männer ihre nackten Rücken gegen eine Hauswand pressen. Ein Mann in Tarnanzug, vermutlich ein Soldat der syrischen Armee, steht über ihnen und brüllt: „Wer ist euer Gott? Wer?“ Er lässt eine Kettensäge an. „Ich sage euch, wer euer Gott ist“, schreit er. „Baschar al-Assad ist euer Gott! Baschar al-Assad!“ Dann trennt er den Gefesselten die Köpfe ab. Blut spritzt in die Kamera, die festhält, wie der Uniformierte die Körper verstümmelt, bis nur noch ein Haufen Fleisch daliegt. Ein Schicksal, sagt Nabil, das in Syrien auch regimekritischen Berichterstattern drohe. „Die Arbeit von Journalisten in Krisenregionen wird immer gefährlicher“, sagt Nothilfe-Referent Jens-Uwe Thomas in seinem Büro zwischen grauen Trennwänden, Papierstapeln und Aktenordnern. Auf fast allen Kontinenten existieren Fälle von staatlicher Repression. Doch in jüngster Zeit sind es zunehmend auch nichtstaatliche Gruppierungen, die das Leben und die unabhängige Arbeit von Journalisten bedrohen, darunter Terrormilizen wie der Islamische Staat im Irak und in Syrien, Boko Haram in Nigeria oder die somalische Shabaab-Miliz. „In Krisengebieten wird es zunehmend schwierig, zu erkennen, wo die Fronten zwischen den Konfliktparteien verlaufen“, sagt Thomas. „Journalisten wissen oft nicht mehr, wer Freund ist und wer Feind.“

Auf seinem Computer ertönt eine Melodie. Ein Anruf via Skype. „Hallo, Dimitri, wie geht es dir?“, sagt Thomas auf Russisch. Ein Journalist aus Aserbaidschan. Auf der Flucht vor dem dortigen Regime hat er sich über Georgien in die Ukraine durchgeschlagen. Der Geheimdienst sitzt ihm im Nacken. Durch Thomas’ Kopfhörer ist Dimitris Stimme zu hören, das verzerrte Rauschen einer Welt, in der tausende Journalisten um ihr Leben fürchten. „Wir arbeiten dran, Dimitri“, sagt Thomas am Ende des Gesprächs. „Halte durch, wir holen dich raus.“

Manchmal wirkt Thomas etwas langsam. Doch bald wird klar: Er hört einfach nur gut und geduldig zu. Wenn seine Schützlinge in Syrien, Afghanistan, Tadschikistan oder Somalia in Lebensgefahr schweben, sitzt Thomas auf heißen Kohlen. „Wie lange halten sie dort draußen durch?“, fragt er, nachdem er aufgelegt hat. „Bekomme ich für sie rechtzeitig ein Visum?“ Kürzlich wurde ein syrischer Journalist von einer Fassbombe schwer verletzt. Er brauchte dringend Geld für eine Operation, damit sein Bein nicht amputiert werden musste.

Nachts schläft Thomas mit solchen Problemen ein, morgens wacht er damit auf. Zum Ausgleich spricht er sich mit Kollegen aus, mit seiner Lebensgefährtin. Oder er schwimmt vierzig Bahnen Brust im Berliner Prinzenbad. „Das Wasser ist wie eine Glocke, darunter kann ich mal abschalten.“ Am Ende trieb Thomas das Geld für die Operation von Einzelspendern auf. Das Bein des Journalisten konnte gerettet werden.

Autoritäre Regime. Terrorgruppen. Rebellenmilizen. Mörderbanden. Nach zwanzig Jahren Reporter ohne Grenzen steht die Pressefreiheit in vielen Teilen der Welt mit dem Rücken zur Wand. In Syrien, dem derzeit gefährlichsten Land, sterben fast wöchentlich Journalisten. In Somalia verübt die Shabaab-Miliz gezielte Morde. Auch Pakistan ist für Reporter ein Minenfeld. Auf den Philippinen schießen maskierte Auftragsmörder von Motorrädern aus Journalisten nieder. Und wer in Mexiko wagt, über das organisierte Verbrechen zu berichten, riskiert, von den Killern der Drogenkartelle grausam verstümmelt zu werden.

In den ersten drei Quartalen des Jahres zählt das „Barometer der Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen bereits 82 getötete Journalisten, Blogger, Medienmitarbeiter und Bürgerjournalisten. 368 sitzen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. 2013 wurden weltweit mehr als doppelt so viele Journalisten entführt wie im Vorjahr, insgesamt 87. Für dieses Jahr wird erneut eine hohe Zahl befürchtet.

Was können ein Dutzend Idealisten in Berlin mit humanistischen Werten und Slogans wie „Pressefreiheit ist Menschenrecht!“ gegen ein globales Aufgebot aus Diktatoren, Killern, Schlägertrupps und Folterknechten ausrichten? Hat sich Reporter ohne Grenzen zu viel vorgenommen? „Kaum haben wir an einer Stelle einen kleinen Sieg errungen, beginnt an einem anderen Ort ein Bürgerkrieg oder es entsteht ein neues repressives Regime“, sagt Michael Rediske, Gründungsmitglied und Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, in einem ICE. Er wirkt erschöpft, sein Gesicht ist grau, mit tiefen Falten. „Der Stein fällt ständig runter, und wir schieben ihn immer wieder ein Stück hinauf.“

Ein früher Morgen im September. Der Waggon ist nur zur Hälfte besetzt. Geschäftsleute mit weißen Hemden und Krawatten sitzen über Zeitungen und Laptops. An den Kleiderhaken über ihnen schaukeln Sakkos. Rediske – sandfarbener Mantel, sandfarbene Jacke, sandfarbenes Hemd – ist unterwegs zu einem TV-Interview. Es geht um das zwanzigjährige Jubiläum von Reporter ohne Grenzen.

Auslöser der Gründung der deutschen Sektion war der Tod des Reporters Egon Scotland, der im jugoslawischen Bürgerkrieg Anfang der Neunzigerjahre von einem Scharfschützen erschossen wurde. Nach dem Fall der Mauer hatten die Jugoslawien-Kriege die Hoffnung auf dauerhaften Frieden enttäuscht. Scotlands Tod führte der Öffentlichkeit die Gefahren für Kriegsreporter vor Augen. „Wir wollten so etwas wie Amnesty International für Journalisten sein“, sagt Rediske. „Recherchieren, aufklären, mobilisieren.“

Der zierliche Mann erinnert sich noch genau, wie er damals, im Juni 1994, als Medienredakteur der Taz das erste jährlich erscheinende Fotobuch „100 Fotos für die Pressefreiheit“ herausbrachte – gekoppelt mit einem Aufruf zur Gründung einer deutschen Sektion der Reporters sans frontières. Vierzig Journalisten trafen sich im Konferenzraum der Tageszeitung zur Gründungsversammlung. „Wir haben stundenlang über die Satzung diskutiert“, sagt Rediske; vor den getönten Scheiben des ICE wischen die schrägen Ziegeldächer verschlafener Dörfer vorbei. „Dann stellten wir bei der Taz einen wackligen Schreibtisch auf und einen Praktikanten ein – so haben wir angefangen.“

Schon kurz nach der Gründung im Jahr 1994 beteiligt sich Reporter ohne Grenzen an der ersten internationalen Aktion. Nach dem Völkermord an den Tutsi in Ruanda und der anschließenden Vertreibung von fast einer Million Hutu baut die Organisation mit dem UN-Flüchtlingswerk einen Radiosender für geflohene ruandische Hutu im benachbarten Kongo auf. Im Wechsel mit französischen Kollegen leitet Rediske einen Monat lang die Redaktion von Radio Gatashya, das die Flüchtlinge darüber informiert, wie sie Essen, Trinkwasser und Medizin erhalten können.

In den Folgejahren werden immer wieder auch deutsche Journalisten getötet. 1995 stirbt in Tschetschenien der Stern-Reporter Jochen Piest bei einem Angriff von Separatisten. Nahe einer Straßensperre in Grosny erschießt ein russischer Soldat die Focus-Korrespondentin Natalja Aljakina-Mrozek. 1999 werden im Kosovo der Stern-Reporter Gabriel Grüner und der Fotograf Volker Krämer erschossen. 2001 stirbt in Afghanistan der Reporter Volker Handloik, ebenfalls für den Stern unterwegs, in einem Hinterhalt der Taliban. Im Irak kommt 2003 der Focus-Reporter Christian Liebig bei einem Raketenangriff ums Leben. Zuletzt wird im April 2014 die deutsche AP-Kriegsfotografin Anja Niedringhaus an einem Kontrollposten in Afghanistan erschossen.

Der Luftstoß eines entgegenkommenden ICEs rüttelt Rediskes Wagen durch. In Gedanken an die toten Kollegen gleitet sein Blick aus dem Fenster. „Wir können Journalisten nicht gegen die Taliban schützen“, sagt Rediske leise. „Da sind wir einfach machtlos.“ Reporter ohne Grenzen hält Kontakt mit Familien, unterstützt sie in finanziellen Notlagen, zählt die Opfer. In einer jährlichen Rangliste und einer Weltkarte wird die Pressefreiheit in allen Staaten gemessen, um Druck auf Regierungen zu erzeugen. Neben den Feinden kürt Reporter ohne Grenzen auch die „Helden der Pressefreiheit“ – in der Hoffnung, die öffentliche Aufmerksamkeit möge sie vor Repressionen und Gewalt schützen.

Rückschläge einstecken. Durchatmen. Weitermachen. Den Stein immer wieder ein Stück hinaufschieben. „Pressefreiheit muss ständig neu erkämpft werden“, sagt Rediske. „Wir lassen uns nicht unterkriegen!“

Damaskus, März 2012. Nach seiner Folter auf dem deutschen Stuhl schreibt Nabil unter Pseudonym weiter gegen Assads Regime an. Fast täglich durchsuchen Geheimpolizisten sein Büro und seine Wohnung. Doch Nabil löscht alle Daten, sobald er einen Beitrag veröffentlicht hat. Assads Spürhunde können ihm nichts nachweisen. Stattdessen drücken sie seinen Kindern auf dem Schulweg die Kalaschnikow an die Stirn und brüllen: „Wir pusten eure Gehirne raus!“

Nabil sieht keinen anderen Ausweg mehr: Mit seiner Frau und seinen vier Kindern flieht der Journalist ins benachbarte Jordanien. Doch Assads Killertrupps sind bekannt dafür, dass sie sich unter syrische Flüchtlinge mischen. Nabil kontaktiert Reporter ohne Grenzen. Korrespondenten überprüfen seinen Fall. Ihr Befund: Nabil und seine Familie schweben in Lebensgefahr.

Im Januar 2014 stellt Jens-Uwe Thomas beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Aufnahmeantrag für Nabil und seine Familie. Sieben Monate später erhalten sie endlich ein Visum. Reporter ohne Grenzen bezahlt die Tickets. Ein Mitarbeiter holt die Flüchtlinge in seinem alten Volvo persönlich am Berliner Flughafen ab.

In Berlin ist Nabil mit seiner Familie sicher. Doch mit Anfang fünfzig muss er wieder bei Null anfangen. Reporter ohne Grenzen hilft ihm dabei: Anmeldung beim Bürgeramt, Wohnungssuche, Sprachkurse und Schule für die Kinder, Termine beim Jobcenter. Als Journalist hat Nabil in Deutschland kaum eine Chance, schon aufgrund der Sprachbarriere. „Vielleicht kann er seine bestehenden Kontakte nutzen“, hofft Thomas. „Vielleicht in der Türkei, wo syrische Journalisten als Experten für den Konflikt im Nachbarland derzeit gefragt sind.“

Tatsächlich gibt es ermutigende Fälle – wie den des Bloggers Emin Milli aus dem autoritär regierten Aserbaidschan. Auch ihn hat Reporter ohne Grenzen nach Deutschland geholt. Mittlerweile hat Milli in Berlin einen unabhängigen Fernsehsender aufgebaut. Meydan TV strahlt online und über Satellit regimekritische Beiträge für die Exilgemeinschaft und nach Aserbaidschan aus.

Seit der Gründung von Reporter ohne Grenzen vor zwanzig Jahren hat sich Journalismus radikal gewandelt. Blogger wie Nabil und Milli gewinnen an Bedeutung. In repressiven Ländern ist das Internet für viele Menschen die einzige Quelle für kritische Informationen. Kein Wunder also, dass die Feinde der Meinungsfreiheit auch im digitalen Bereich kräftig aufrüsten.

„Im Netz tobt ein ständiger Kampf“, sagt Hauke Gierow, Referent für Informationsfreiheit im Internet bei Reporter ohne Grenzen. „Regierungen sperren Webseiten – wir helfen Bloggern mit spezieller Software, die Zensur zu umgehen, indem wir Webseiten kopieren und von eigenen Servern aus zugänglich machen.“ Als Wikileaks anfangs stark zensiert wurde, stellte Reporter ohne Grenzen die geheimen Lageberichte der US-Armee in Afghanistan im Netz bereit. Auch zensierte Blogs von Oppositionellen in Russland, China oder Pakistan werden so zugänglich gemacht.

Gierow – Kapuzenpulli, rote Umhängetasche, schwarzer Laptop voller Aufkleber – ist 29 Jahre alt, hat Politikwissenschaften und Sinologie studiert und sich auf politische Fragen rund ums Internet spezialisiert. Seit 2012 hat er eine halbe Stelle bei Reporter ohne Grenzen, wo man bemüht ist, den Staub der Gründerjahre wegzupusten und den beängstigenden Entwicklungen in der digitalen Welt gerecht zu werden: NSA-Skandal, globale Massenbespitzelung, US-Datenmengen von einer Billion Kilobyte – täglich.

Vor allem in Krisenregionen kann die digitale Überwachung für Journalisten und Blogger tödlich sein. Zum Beispiel im arabischen Inselstaat Bahrain, wo das Regime seit Jahren die Reformbewegung des Arabischen Frühlings unterdrückt. 2010 schlugen Sicherheitskräfte im Gefängnis mit Gummischläuchen auf den Regierungskritiker Abdal-Ghani al-Khanjar ein, dann legten sie ihm Protokolle seiner SMS und E-Mails vor. „Sein Computer war nie beschlagnahmt worden“, sagt Gierow. „Die Informationen müssen aus gezielter Überwachung stammen.“

Die von autoritären Regimen eingesetzte Überwachungstechnologie ist nicht selten „Made in Germany“. In Bahrain tauchte kürzlich eine Liste mit Dutzenden von Computern von Oppositionellen und Menschenrechtlern auf, die mit der Spähsoftware FinFisher überwacht wurden – einem Produkt der Firma Gamma aus der Nähe von München. „Wir brauchen für den Export von Überwachungstechnologie strenge gesetzliche Regelungen“, fordert Netzreferent Gierow, „ähnlich wie für den Waffenhandel.“

Gegen den anfänglich erbitterten Widerstand des Bundeswirtschaftsministeriums setzte sich Reporter ohne Grenzen gemeinsam mit verbündeten Menschenrechtsorganisationen wie Privacy International und dem European Center for Constitutional and Human Rights durch. Nach jahrelangen Kampagnen, Unterschriftensammlungen, Stellungnahmen, einer Bundestagsanhörung und einer Beschwerde bei der OECD gegen Hersteller von Überwachungstechnologie beschloss das Europäische Parlament kürzlich, deren Export streng zu regeln. In Deutschland wird der Beschluss voraussichtlich zum Jahresende rechtskräftig. Wer Spähsoftware und die zugehörige Technik exportieren will, um Daten abzufischen und auszuwerten, braucht dann ein Gutachten vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Ein wichtiger Schritt im Kampf für die weltweite Informationsfreiheit.

Welchen Herausforderungen wird sich Reporter ohne Grenzen in den nächsten zwanzig Jahren stellen müssen? Wohin entwickelt sich der Journalismus, in einer Zeit, in der Berichterstatter immer öfter kurzerhand ermordet werden? „Es brennt an allen Ecken – in Diktaturen, aber auch in unseren westlichen Demokratien“, sagt Vorstand Michael Rediske bei der Jubiläumsfeier in der Akademie der Künste in Berlin. „Wir wissen nicht, was noch alles kommt, aber wir bleiben dran.“

Draußen spiegelt sich das Brandenburger Tor im regennassen Asphalt des Pariser Platzes, über den Dächern thront die Kuppel des Reichstags. Im warmen Licht des Festsaals stehen angegraute Vertreter der Gründergeneration Seite an Seite mit jungen Bloggern und Internet-Nerds. Man ist lässig gekleidet, es gibt Salzbrezeln aus Plastikbechern, dazu Prosecco mit Orangensaft. Auch Nabil ist gekommen, der syrische Journalist aus dem Übergangswohnheim Marienfelde. In ein paar Tagen, sagt er, werde er seine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Er hat sich einen Nadelstreifenanzug und eine rosafarbene Seidenkrawatte geliehen, seine Lederschuhe sind auf Hochglanz poliert. Nabil ist mit Abstand der eleganteste Gast des Abends. „Ehrensache“, sagt er und lächelt. „Meine neue Familie feiert schließlich Geburtstag.“