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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

„In Gaza leben keine Kinder mehr“

Text: Andrea Hösch Fotos: Bert Heinzlmeier

Von Frieden können die Menschen im Gazastreifen nur träumen. Krieg und Gewalt bestimmen ihr Leben. Ein palästinensisches Bühnenprojekt will diesen zerstörerischen Kreislauf durchbrechen

Ein weiß Maskierter zerrt an einem unsichtbaren Tau Kinder auf die Bühne. Mit einem Satz springt der Fratzenmann von seinem Leiterthron und schleudert Arme und Beine durch die Luft. Unter den Schlägen und Tritten sacken die Mädchen und Jungen zu Boden. In ihren Gesichtern spiegelt sich Angst.

Mit dieser Szene beginnt das Gastspiel des Ashtar-Theaters im Berliner „Theater Aufbau Kreuzberg“. In dem Stück Gaza-Monologe (siehe Seite 48) schildern traumatisierte Kinder und Jugendliche auf Englisch oder auf Arabisch ihre Erlebnisse während des Krieges im Winter 2008/09. „Ich weiß jetzt Bescheid über Dinge, die ich und Menschen in meinem Alter nicht wissen sollten“, schreibt die 15-jährige Heba Daoud in ihrem Monolog. Die Worte lassen das Grauen, das sie erlebte, nur erahnen. Heute ist sie 19 Jahre alt und hat schon drei Kriege durchgemacht. Gerne wäre Heba in diesem Herbst mitgekommen – die Organisation „Kinderkulturkarawane“ hatte die Schauspieler aus Gaza zu einer Tournee durch Deutschland und Österreich eingeladen. Doch Heba und die anderen Autoren der Gaza-Monologe durften nicht ausreisen.

Nur ein Schauspieler hat es geschafft: Über Ägypten war Tamer Nijim schon 2013 nach Italien gelangt, um dort Schauspiel-Workshops zu geben. Zurück konnte er nicht mehr, denn die Grenzübergänge waren geschlossen worden. Tamer lebte auf der Straße, beantragte Asyl und bekam schließlich italienische Papiere. Als dann in diesem Sommer erneut ein Krieg zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas ausbrach, hielt es der 23-Jährige nicht mehr aus. Er musste sich Gewissheit verschaffen, dass seine Eltern und Geschwister noch leben. Mit dem Dokument schaffte er es in den Gazastreifen hinein und auch wieder heraus. Allen anderen war dieser Weg versperrt. Junge Schauspieltalente aus dem Westjordanland sprangen ein. Das Ashtar-Theater hat in Ramallah seinen Hauptsitz, die Gruppen in Gaza werden von Regisseuren vor Ort oder per Videoschaltung unterrichtet. Die anderen Ensemblemitglieder lernte Tamer erst in Deutschland kennen. Denn Israel hält die beiden Palästinensergebiete strikt getrennt, Besuche sind nicht möglich.

Gebückt schleicht Tamer im Kerzenschein über die Bühne. Immer wieder flüstert der schlanke Junge im schwarz-weißen T-Shirt: „Gaza ist eine Streichholzschachtel, Gaza ist eine Streichholzschachtel.“ Über Untertitel erschließt sich den Zuschauern das Bild von der Enge, die im abgeriegelten Gazastreifen herrscht: Auf dem kleinen Stück Land, kaum größer als Bremen, drängen sich 1,8 Millionen Menschen. Tamer lässt die Zuschauer auch wissen, dass ein Funke ausreicht, um Gaza erneut zu entzünden. Wütend berichtet der junge Mann in derselben Szene vom Tod seines Onkels im Krieg vor fünf Jahren, von der Live-Übertragung der Medien, der Trauer seiner Mutter, den Schreien und dem Weinen im Haus seiner Familie. „Dieses Land ekelt mich an, obwohl ich es liebe“, ruft Tamer ins Publikum. Er hat erlebt, dass Unrecht, Hass, Gewalt und Tod in Gaza normal wurden. Genauso wie Gleichgültigkeit.

Die Kunst hat ihn gerettet: „Ohne das Theater wäre ich verrückt geworden“, schreibt Tamer in seinem Gaza-Monolog. Bei der Gruppenarbeit mit Psychologen und Theaterleuten hat er gelernt, sich auszudrücken, offener und mutiger zu sein, aus Wut Kreativität zu machen. Auf der Bühne spürte er zum ersten Mal, dass man durch sein Handeln die Gesellschaft verändern kann. „Ich bin sehr glücklich, dass ich mich damals nicht für die Waffe, sondern für die Bühne entschieden habe“, sagt Tamer, „denn das Theater ist stärker als Waffen und Gewalt.“

Iman Aoun streicht ihrem Schützling über den Kopf und lächelt. Die Mitbegründerin und künstlerische Leiterin des Ashtar-Theaters ist froh über jeden, den sie vor den Fängen der militanten Kämpfer bewahren kann. Mit einem Schnippen ihrer Finger verdeutlicht sie, wie schnell in Palästina aus einem friedliebenden Jungen ein Selbstmordattentäter wird. „Was die Politik nicht erreicht, kann die Kunst schaffen. Sie vermag es, Frust und Wut in Hoffnung und Chancen umzuwandeln, sodass sich eine ganz neue Welt entfalten kann“, sagt sie.

Doch jeder neue Krieg wirft die 51-Jährige schmerzlich zurück. Vor allem der jüngste im Sommer dieses Jahres lässt die Theateraktivistin beinahe verzweifeln. Bei Luftangriffen der Israelis kamen 2100 palästinensische Zivilisten um, darunter mehr als fünfhundert Kinder, zehntausend Menschen wurden verletzt. Viele Familien verloren ihre Häuser – und ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Die einzige gute Nachricht ist“, sagt sie mit Tränen in den Augen, „dass alle Autoren der Gaza-Monologe überlebt haben.“

Iman Aoun weiß, dass sie mit ihrer theaterpädagogischen Traumaarbeit viel zu wenige Menschen erreicht: Alle Bewohner Gazas sind durch die Erlebnisse während der Kriege seelisch geschädigt und bräuchten Hilfe. Aoun hat schon wieder einen Stapel neuer Monologe in der Tasche. Sie wird auch diese Texte veröffentlichen und so den Opfern ein Gesicht und eine Stimme gegen Krieg und Gewalt geben. Um Gaza eine friedliche Zukunft zu ermöglichen, müsse aber weit mehr geschehen: „Es ist doch heuchlerisch, dass Deutschland einerseits Waffen an Israel verkauft und andererseits für den Wiederaufbau in Gaza zahlt“, schimpft die Palästinenserin. Die Menschen in Deutschland müssten dafür sorgen, „dass diese scheinheilige Politik aufhört“.

Tamer hat große Angst vor einem neuen Krieg. Trotzdem will er nach Gaza zurückkehren. Inzwischen hat er beim Ashtar-Theater eine vierjährige Trainerausbildung absolviert und darf Schauspielprogramme mit Kindern anleiten. Er habe durch die Theaterarbeit viel Positives erfahren. Was er selbst bekommen habe, wolle er nun an andere weitergeben. „Gaza braucht mich mehr als jeder andere Ort auf dieser Welt“, sagt er leise. In seiner Heimat wird er dann wieder jeden einzelnen Tag zählen, den er überlebt – so wie alle anderen auch.
ashtar-theatre.org
kinderkulturkarawane.de

 

Die Gaza-Monologe
In den Gaza-Monologen aus dem Jahr 2010 beschreiben 31 Kinder und Jugendliche, was es heißt, in einem abgeriegelten Land zu leben, von Albträumen geplagt zu werden, sich nirgendwo sicher fühlen zu können und nicht zu wissen, wen es als nächsten treffen wird. „Die Gaza-Monologe sind ein vereinter Schrei angesichts von Unterdrückung, Krieg und Besatzung“, sagt Iman Aoun, die künstlerische Leiterin des Ashtar-Theaters. Mit den jugendlichen Autoren erarbeiteten die Theatermacher eine Inszenierung, die mehrmals im Gazastreifen aufgeführt wurde. Weil die jungen Schauspieler damals wie heute nicht ausreisen durften, trugen 1500 Jugendliche ihre Botschaft in alle Welt: Am 17. Oktober 2010 führten sie die Gaza-Monologe in 49 Ländern auf. Das gemeinnützige Bühnen-projekt finanziert sich vor allem durch Spenden- und Stiftungsgelder. Ashtar, die Namensgeberin des Theaters, ist eine mesopotamische Göttin der Fruchtbarkeit und des Wohlstands.
thegazamonologues.com