Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Gegen den Strom

Atomstrom kommt mir nicht mehr ins Haus, beschloß unser Redakteur Timm Krägenow. Doch dann begann ein zähes Ringen mit dem Energiekonzern HEW.

Seit zwei Stunden wirbelt Ingenieur Kresse durch das Besprechungszimmer. Er hantiert mit dem grünen Faserstift, wirft abstrakte Skizzen an die Wandtafel und jongliert mit Begriffen wie „Normierungswert“, „Toleranzband“ und „zeitsynchrone Leistungsmessung“. Zwischen Kaffe und Keksen widmet er auch den Abrechnungsmodalitäten im deutschen Stromverbund einen kleinen, vierzigminütigen Exkurs. Keine Frage – Heribert M. Kresse hat viel zu erzählen.

Eigentlich will ich das alles nicht wissen. Andererseits darf ich es mir mit Herrn Kresse auch nicht verderben. Ich will nämlich seinem Arbeitgeber, den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW), künftig keinen Strom mehr abkaufen. Und dafür brauche ich seine Erlaubnis.

Der Reihe nach: Im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel bewohne ich eine kleine Wohnung. Darin gibt es unter anderem sechs Glühbirnen, einen Kühlschrank, einen E-Herd mit vier Platten und einen Durchlauferhitzer im Bad. Der Strom dafür wird bisher von den HEW geliefert, die ihre Energie zur drei Vierteln aus den Atomkraftwerken Stade, Krümmel, Brunsbüttel und Brokdorf beziehen. Das paßt mir nicht. Und deshalb faßte ich im Sommer den Entschluß, persönlich aus der Atomkraft auszusteigen. Den Gesetzgeber habe ich dabei ganz auf meiner Seite: Seit der Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes im vergangenen Frühjahr haben die HEW wie die anderen Energieversorger auch kein gesetzlich garantiertes Monopolgebiet mehr. Und ich habe, wie jeder andere Stromkunde auch, das Recht, meinen Energielieferanten frei zu wählen. Jedenfalls in der Theorie.

Daß es in der Praxis etwas komplizierter werden könnte, wußte ich seit dem 20. Juli 1998. Um die Mittagsstunde klingelte mein Telefon, am Apparat war Herr Röschmann von den HEW. Sein Hinweis, daß ich „Privatkunde ohne Durchleitungsfahrplan“ sei und es für solche Fälle noch keine Spielregeln gebe, brachte mich nicht sonderlich aus der Fassung. Auch daß er ankündigte, die Bearbeitung meines Falles werde „noch einige Wochen“ in Anspruch nehmen, verstörte mich nicht allzusehr. Als er aber zum Ende des Gesprächs sagte, daß er bei den HEW im Geschäftskundenbereich für die Hochspannungstechnik zuständig sei, wußte ich, daß mein privater Atomausstieg ein echtes Problem darstellt.

Jetzt sitzt der Starkstromingenieur Hans-Fred Röschmann mir gegenüber am Besprechungstisch in der HEW-Zentrale und lauscht den Ausführungen seines Kollegen Kresse. Dabei hat er die Arme vor seiner Brust verschränkt, konzentriert starrt er auf seine Schuhspitzen. „Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie den Versorger wechseln wollen“, sagt Diplom-Ingenieur Heribert M. Kresse und deutet mit dem Faserschreiber in die Luft: „Aber so einfach ist das leider nicht.“

Denn obwohl ich meinen Strom künftig aus einem Windpark der Hamburger „Ökostrom Handels AG“ beziehen werde, muß ich mich zuvor mit den HEW einigen. Und das, obwohl ich sie ja als Stromkunde verlassen will. Mir kommt das so vor, als müßte ich mich persönlich bei VW-Chef Ferdinand Piëch abmelden, bevor ich mir einen Fiat kaufen darf, aber das lasse ich mir nicht anmerken. Aufmunternd lächele ich Herrn Kresse an: „Das ist ja alles sehr interessant.“

Damit der Strom aus dem Windpark in meine Wohnung kommt, muß er rund sieben Kilometer durch das Leitungsnetz der HEW fließen. Zur „Durchleitung“ sind die HEW gesetzlich verpflichtet, ich wiederum müßte den HEW dafür ein angemessenes „Durchleitungsentgelt“ bezahlen. „Das ist doch gar kein Problem“, sagt ganz verbindlich der Durchleitungsexperte von der Hamburger „Vasa Energy“, der mich bei den Verhandlungen berät. „Wieviel soll es denn kosten?“ Kresse und Röschmann werfen sich einen kurzen Blick zu. „Das müssen wir mal sehen“, sagt Herr Kresse. Außerdem will er vorher noch ein paar technische Fragen klären.

"Es kann ja sein, daß Sie mal kochen wollen, wenn überhaupt kein Wind weht“, sagt er. „Deshalb schlagen wir eine zeitsynchrone Leistungsmessung vor.“ Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Rund 2000 Mark kostet ein Stromzähler, der für jede Viertelstunde den aktuellen Stromverbrauch notiert. Alle paar Wochen muß künftig der Strommann bei mir klingeln, um die Daten auszulesen. Oder ich lege mir einen zweiten Telefonanschluß in den Zählerkeller, damit die Daten automatisch an die HEW-Zentrale übermittelt werden.

„Alles kein Problem“, sage ich freundlich. „Natürlich zahle ich für den neuen Stromzähler.“ Die beiden gucken sich fragend an. Außerdem könnte ich einfach aufschreiben, wann ich wieviel Strom verbrauche. „Das können wir leider nur akzeptieren, wenn ständig ein Notar dabei ist“, sagt Herr Kresse. Den wiederum kann ich nicht bieten.

In anderen Ländern, beispielsweise in Großbritannien und Norwegen, gibt es längst „Normallastkurven“, die das durchschnittliche Abnahmeverhalten von Privathaushalten wiedergeben und nach denen die Gebühren berechnet werden. Den HEW ist das zu ungenau. Röschmann und Kresse wollen künftig per Hand – „händisch“ sagt Herr Kresse immer wieder – meinen Stromverbrauch mit den Einspeisedaten des Windparks vergleichen. Ob ich demnächst eine händisch geschriebene Stromrechnung bekomme?

Der bürokratische Aufwand für den von den HEW gewählten Weg wird den Konzern und mich zusammen locker 10.000 Mark kosten. „Ganz wie Sie wollen“, sage ich freundlich zu Herrn Kresse. „Sie werden schon wissen, was für mich richtig ist.“ Im Stillen denke ich daran, wie einfach es seit Anfang 1998 ist, die Telefongesellschaft zu wechseln. Ein Brief genügt. Der letzte Postminister hatte seinen Job gemacht und den Zugang zum Netz der Telekom per Gesetz geregelt. Davon profitierten ausgerechnet die Telefontöchter der Stromkonzerne, die sich heute mit Händen und Füßen gegen eine Netzzugangsverordnung für das Stromnetz sperren. Die Welt ist ungerecht.

Vergangenes Jahr habe ich für Strom nebst Lieferung frei Haus etwa 500 Mark an die HEW gezahlt. Optimistisch gehe ich davon aus, daß mir die HEW allein für die sieben Kilometer Durchleitung nicht viel mehr abverlangen wollen. Wobei – sicher kann ich mir da nicht sein. In einem Faltblatt hat der Versorger Tarife für die Durchleitung veröffentlicht, die das Gruseln lehren. Danach soll sich das Durchleitungsentgelt nicht nur nach der Zahl der verbrauchten Kilowattstunden berechnen. Zum Arbeitspreis kommt noch ein Leistungspreis, für den die Viertelstunde mit dem höchsten Stromverbrauch im ganzen Jahr ausschlaggebend ist.

Laut dieser Tabelle müßte ich pro Kilowatt Leistung knapp 80 Mark bezahlen – nur für die Durchleitung. Da mein Durchlauferhitzer 21 Kilowatt schluckt, wären das allein für die Leistungskomponente jährlich 1600 Mark Gebühr – plus einige Pfennige für jede Kilowattstunde extra. Vielleicht sollte ich künftig öfter bei meiner Freundin duschen, die eine Gastherme hat. Aber inzwischen ist wohl auch den HEW klar geworden, daß sie sich mit solchen Preisen blamieren würden.

Anfang Januar haben HEW-Monteure den neuen Zähler bei mir eingebaut. Jetzt warte ich gespannt auf die erste händisch geschriebene Stromrechnung.

Von TIMM KRÄGENOW

Die Atomkonzerne machen es der Konkurrenz sehr schwer

„Bis Ende 1999 wollen wir eine Regelung erarbeitet haben“, heißt es von den großen Stromkonzernen, oder auch: Aus „praktischen Gründen sind Privathaushalte von der Durchleitung ausgeschlossen“. Knapp ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Energiewirtschaftsgesetzes verweigern fast alle Netzbetreiber noch immer die Durchleitung von Ökostrom an Privathaushalte. Wo sie sich auf Pilotprojekte einlassen, wie die Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) mit mir, bestehen sie auf ein äußerst kompliziertes Vorgehen.

Aufwendig und teuer wird die Durchleitung vor allem, weil die Netzmonopolisten auch bei Kleinverbrauchern den Einbau eines rund 2000 Mark teuren Computerzählers verlangen. Zudem dürfen die Netzbesitzer selbst die Preise festlegen, die konkurrierende Stromerzeuger für die Nutzung ihres Netzes zahlen müssen. Diese Möglichkeit, Konkurrenzangebote beliebig zu verteuern, nutzen sie nach Kräften. Wie Greenpeace ermittelte, berechnen sie sich selbst für die Durchleitung ihres eigenen Atomstroms über 300 Kilometer nur 6 Pfennig pro Kilowattstunde, für die Durchleitung von fremden Windstrom lassen sie sich aber 13 Pfennig bezahlen.

In meinem Fall stehen die genauen Konditionen noch nicht fest. Nach ersten Kalkulationen kann allein das Durchleitungsentgelt leicht die Höhe erreichen, die bisher die gesamte Stromversorgung durch die HEW (inklusive Lieferung) gekostet hat. Insgesamt, also einschließlich des Ankaufs von Windstrom, wird sich meine Stromrechnung wohl verdoppeln.

Noch komplizierter wäre die Regelung, wenn mein Strom-lieferant außerhalb des HEW-Netzes liegen würde. Für solche Fälle fordern die Netz-Monopolisten ein Jahr im voraus einen „Durchleitungsfahrplan“, der für jede Viertelstunde verbindlich Stromlieferung und Stromnachfrage festlegt. Das ist bei einer Windkraftanlage und einem Privathaushalt wegen der unvermeidlichen Schwankungen gänzlich unmöglich.

Wegen dieser absurden Anforderungen gibt es auf dem Markt noch kein einfach zu bestellendes Ökostrom-Angebot für Privathaushalte. Die von Umweltverbänden gegründete Düsseldorfer „Naturstrom AG“ und die „Elektrizitätswerke“ der Stromrebellen von Schönau bieten nicht durchgeleiteten Ökostrom an, sondern erheben nur einen Ökoaufschlag auf die Stromrechnungen der Monopolisten, mit dem sie Solar-, Biomasse- und Blockheizkraftwerk-Strom fördern. Eine Ausnahme ist die „Naturenergie AG“ in Grenzach-Whylen. Sie kann in Baden-Württemberg ein Durchleitungsangebot machen, aber nur deshalb, weil sie eine Tochter der Atomkonzerne ist.

Um die Durchleitung von Ökostrom praktikabel zu machen, muß die Bundesregierung den Zugang zum Stromnetz gesetzlich regeln: Preise und Bedingungen müssen wie im Telefonmarkt von der Politik bestimmt werden.

Wer die Forderung nach einem fairen Netzzugang unterstützen möchte und sich für den Bezug von Ökostrom interessiert, kann bei der „Aktion Stromwechsel“ von Greenpeace mitmachen. Informationen gibt es unter der Telefonnummer 040/30618-0