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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.10

Gehirnwäsche für Urankritiker

Text: Claus Biegert

Neben Menschen
rechtlern verschwinden in China auch Gegner der Atomindustrie wie Sun Xiaodi hinter Gittern

Wer die Uranindustrie kritisiert, gilt in China als Staatsfeind. Sun Xiaodi wusste, dass er seine Freiheit aufs Spiel setzte, als er öffentlich behauptete, die Betreiber der Uranmine Nr. 792 hätten „Blut an ihren Händen“. Seit Sommer 2009 ist der 55-Jährige in einem Straflager eingesperrt.

Die Mine, in der Sun als Verwalter angestellt war, liegt im tibetischen autonomen Bezirk Gannan in der Provinz Gansu. 1988 ging er das erste Mal zur Firmenleitung und stellte Fragen – nach den Sicherheitsrichtlinien, den Gesundheitsschäden der Angestellten und dem Verbleib des kontaminierten Mülls. Besonders prangerte Sun die Verseuchung der Gewässer an. Seit der Inbetriebnahme der Mine im Jahr 1967 werde radioaktives Abwasser in den Fluss Bailong eingeleitet, der in den Jangtse mündet. Weil er nicht aufhörte, die Vergehen anzuprangern, wurde der unbequeme Kritiker 1994 entlassen. Von da an begann für seine Familie ein Leben voller Repressalien.

Doch Sun Xiaodi ließ sich nicht einschüchtern. Regelmäßig fuhr er nach Peking, um bei der Regierung Petitionen einzureichen, in denen er Korruptionsfälle auflistete und eine Untersuchung der Missstände forderte. Sofern er überhaupt eine Antwort erhielt, waren es Drohungen.

2002 wurde die Mine – angeblich wegen erschöpfter Uranerzvorkommen – offiziell geschlossen. Doch nur wenige Wochen später entstand an gleicher Stelle Longjiang Nuclear Ltd., eine privatwirtschaftlich betriebene Uranmine, an der viele lokale Politgrößen beteiligt sind. Bergarbeiter, die über die Risiken des Uranabbaus Bescheid wussten, wurden durch ahnungslose Wanderarbeiter ersetzt. „Sie haben lediglich ein militärisches Unternehmen in ein ziviles umgewandelt“, erklärt Sun Xiaodi, der alles sorgfältig dokumentierte.

Doch Ende April 2005 eskalierte die Situation: Wieder einmal hatte Sun in Peking eine Petition eingereicht, aber auch einem Journalisten von Agence France Press ein Interview gegeben. Danach wurde er unter Zeugen von Männern in Zivil gekidnappt. Monatelang hörte seine Familie nichts von ihm, dann ließ die Staatssicherheit verlauten, der „Schwerverbrecher“ sitze wegen „Geheimnisverrats“ im Gefängnis. Schließlich kam Sun Ende 2005 frei, wurde aber Tag und Nacht bewacht und so von jedem Außenkontakt abgeschirmt.

Kaum war der Hausarrest Ende März 2006 aufgehoben, verfasste der Urankritiker erneut eine Petition, besuchte einen Mitstreiter im Gefängnis und demonstrierte für dessen Freilassung. Es dauerte nur eine Woche, bis Sun wieder verhaftet wurde. Seine Familie wusste über Monate hinweg nicht, wo er eingesperrt war. Die erste Gelegenheit nach seiner erneuten Freilassung nutzte 
Sun, um mit Gleichgesinnten flussabwärts der 
Mine Wasserproben aus dem Bailong zu nehmen. Dem Radiosender „Sounds of Hope“ sagte er: „Wir haben harte Beweise gesammelt. Die Proben aus dem Bailong weisen darauf hin, dass Anwohner flussabwärts und entlang des Jangtse in großer Gefahr sind.“

Im Dezember desselben Jahres erhielt Sun Xiao-di den internationalen Anti-Atom-Preis „Nuclear Free Future Award“. „Wer den Durchbruch in eine Welt ohne Atomwaffen und Atom-energie schaffen will, muss seine Furcht überwinden und bereit sein, einen Weg voller Entbehrungen, Wunden und Tränen einzuschlagen, einen Weg, der durchaus unter Todesdrohungen stehen kann.

Gleichwohl bin ich der festen Überzeugung: Wenn sich alle Menschen um Frieden und Menschenwürde bemühen, kann auch eine Justiz die Verwirklichung einer atomfreien Zukunft nicht verhindern.“ Mit diesen Worten bedankte er sich für die Verleihung. Nominiert hatte ihn Michael Beleites, der einst Material aus den Wismut-Minen der DDR in den Westen geschmuggelt hatte.

2009 wurden der Umweltschützer und seine 26-jährige Tochter Dunbai zu zwei Jahren beziehungsweise 18 Monaten Straflager verurteilt. Aufhetzung der Öffentlichkeit „mit verleumderischen Slogans über ‚nukleare Verseuchung‘ und ‚Menschenrechtsverletzungen‘“ wurden ihnen vorgeworfen. Beide wissen, was „Umerziehung“ in einem Lager bedeutet: Gehirnwäsche und Schwerstarbeit.  

Mehr Infos dazu:
www.nuclear-free.com