Geht doch!

Greenpeace Magazin - Geht doch: Neu ist so Neunziger

Neu ist so Neunziger

Bislang hatten die Klimaproteste wenig Auswirkung auf den Konsum. Doch es gibt Anzeichen für ein Umdenken

Die Textilindustrie bläst jährlich 1,2 Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre, mehr als Luft- und Schifffahrt zusammen. Dabei dachten wir bei „Fast Fashion“ doch bisher vor allem an katastrophale Arbeitsbedingungen und Umweltschäden durch Farben und Pestizide. Bislang wirtschaften vor allem die großen Ketten nach dem Motto: Je billiger, desto erfolgreicher – und pflastern die Städte mit Filialen. Unter der Produktion ihrer Klamotten leiden Umwelt und Menschen. Nun aber scheint sich etwas zu ändern, zwar nicht durch einen Sinneswandel der Branche, aber durch Konsumentendruck. So stoßen die Geschäftsmodelle jahrzehntelang erfolgreicher Mode-Billigheimer an ihre Grenzen: „Forever 21“ zum Beispiel hat Insolvenz angemeldet, die Umsätze von H&M sind stark zurückgegangen. Gleichzeitig floriert Secondhandmode, beflügelt vom allgemeinen Trend zu Gebrauchtwaren: Seit dem Jahrtausendwechsel ist der Umsatz des Einzelhandels mit Secondhand-Produkten laut Statistischem Bundesamt um mehr als 2,5 Milliarden Euro gestiegen. Die Mehrheit der Modekunden des Secondhandhändlers „Momox“ entscheidet sich laut einer Umfrage aus Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsgründen für gebrauchte Kleidung. Wird Modekonsum auch in der Breite endlich politisch? Optimistisch stimmt eine Meldung aus Schweden, wo nach der „Flygskam“ (Flugscham) nun die „Köpskam“ (Kaufscham) um sich greift. Die macht schon den Branchenriesen H&M nervös: Chef Karl-Johan Persson warnte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg gerade vor „schrecklichen gesellschaftlichen Konsequenzen“, wenn der Konsum plötzlich einbreche.
 

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Schraube locker
Je länger ein Elektrogerät durchhält, desto besser für die Umwelt. Die EU hat nun per sogenannter Durchführungsverordnung bestimmt, dass ab 2021 Produkte wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher einfacher zu reparieren sein müssen (also ohne exotisches Werkzeug oder spezielle Schrauben, die zufälligerweise nur der Hersteller anbietet). Das soll Reparaturen attraktiver machen als einen Neukauf. Kleingeräte wie Handys sind allerdings leider ausgenommen.

Wachstumsschmerz
Wachstum galt in Deutschland bislang als Voraussetzung für eine gesunde Wirtschaft, Konsumverzicht dagegen als Wunsch weltfremder Ideologen. Jetzt empfehlen sogar die fünf wichtigsten deutschen Wirtschaftsinstitute bei ihrer halbjährlichen Einschätzung der ökonomischen Lage weniger Wachstum: „Die Klimapolitik erfordert einen Konsumverzicht der heutigen Generationen.“ Priorität müsse die Einhaltung planetarer Grenzen haben, Innovationen allein würden dabei nicht helfen.

Billy aus zweiter Hand
Dass ein nachhaltiger Trend wirklich Mainstream wird, zeigt sich oft daran, dass Unternehmen auf den Zug aufspringen, deren Geschäftsmodell eher nicht auf Weltrettung ausgerichtet ist: Ikea bietet jetzt Secondhandmöbel an, Media-Markt testet die Rückgabe alter Smartphones per Automat. Das bedeutet nicht, dass sich die Denkmuster in den Konzernen geändert haben – die Kundenbedürfnisse aber schon, und das ist die gute Nachricht.