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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Geld – Deutsch

Text: John Lanchester

Eine praktische Übersetzungshilfe

Der Fachjargon der Finanzmärkte ist eine Fremdsprache, die zur Verschleierung dient. Denn Geld regiert die Welt. Und das soll möglichst unbemerkt bleiben

Wenn man die Sprache des Geldes benutzt, dann heißt das noch lange nicht, dass man damit auch eine bestimmte Moralvorstellung oder irgendein ideologisches Weltbild akzeptiert. Es heißt nicht, dass man das Gedankengut befürwortet, das in dieser Sprache enthalten ist. Die Sprache an sich beinhaltet nicht unbedingt schon einen Standpunkt. Sie eröffnet den Gesprächsteilnehmern erst einmal die Möglichkeit, sich auf eine ganz bestimmte Weise zu unterhalten. Ich habe selbst schmerzlich erfahren müssen, wie schwierig es ist, diese Sprache zu erlernen – oder wenn Ihnen schmerzlich ein wenig zu melodramatisch klingt, dann sagen wir eben, dass es auf jeden Fall lange gedauert hat und ich mir die Sprache nur nach und nach und ganz für mich allein erschlossen habe.

Die Sprache des Geldes hat etwas Nacktes, Amoralisches. Sie will weniger ein direkter Ausdruck politischer Inhalte sein als vielmehr ein Werkzeug, mit dem man über diese Inhalte diskutieren kann. Die Moral bleibt außen vor oder wird zumindest für die Dauer des Gesprächs vernachlässigt.

Manchen Menschen, die sich der Finanzsprache bedienen, ist tatsächlich alles, was nicht mit Geld zu tun hat, scheißegal. Sie glauben, dass die Armen arm sind, weil sie faul oder dumm oder schwach sind, und dass die reichen Leute reich sind, weil sie hart arbeiten und intelligent und stark sind. Sie glauben, dass all die offenkundigen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die es auf der Welt gibt, nur auf diesen grundsätzlichen, hässlichen Fakten beruhen.

Dennoch muss ich zugeben, dass dieses amoralische Element zu den Dingen gehört, die ich an der Sprache des Geldes schätze. Unser öffentliches Leben wird von Scheinheiligkeit beherrscht, von Menschen, die nicht sagen, was sie eigentlich meinen, weil sie nicht zur Zielscheibe der Medien werden wollen. In der Finanzsprache gibt es so etwas kaum. Im Allgemeinen neigt sie nicht zur Scheinheiligkeit. Sie ist in der Lage, mit lobenswerter Schnelligkeit zum Kern der Sache vorzudringen – wenn man über das sprachliche Rüstzeug verfügt, das man zur Teilnahme an der Diskussion benötigt.

AUSTERITÄT
Dieser Begriff gehört wohl zu den seltsamsten politischökonomischen Vokabeln, die während der letzten dreißig Jahre neu entstanden sind. Das englische „austere“ und das lateinische „austeritas“ bedeuten normalerweise so etwas wie sittenstreng, entaltam, schmucklos, ernst. Aber das sind alles recht allgemeine Eigenschaften, die keine handfeste, greifbare Bedeutung haben. Und das ist ein Problem, denn in unserem Zusammenhang sind nur die genauen Einzelheiten von Belang. Wovon wir hier eigentlich sprechen, ist die Ausgabenkürzung, also die Sparpolitik. Mit dem Wort Austerität versucht man, konkrete Einschnitte in den Staatsausgaben, die konkrete Personen betreffen, moralisch zu unterlegen und wertorientiert klingen zu lassen.

DEREGULIERUNG
Dieser Prozess, bei dem bestehende Regeln abgebaut und beseitigt werden, gehörte während der letzten dreißig Jahre in der angloamerikanischen Welt zu den Hauptforderungen des Finanzsektors. Und die Finanziers bekamen, was sie wollten. Dahinter stand der Gedanke, dass die Märkte sich viel besser selbst regulieren können als durch irgendwelche außen stehenden Instanzen. Diese These wurde durch die Kreditkrise gründlich widerlegt.

FISKALISCH UND MONETÄR
Ich fürchte, ich ging schon auf die fünfzig zu und hatte diese beiden Begriffe mein Leben lang gehört oder gelesen, manchmal sogar mehrmals am Tag – also wohl insgesamt mehrere tausend Male –, bevor ich mir endlich die Mühe machte, herauszufinden, was sie eigentlich bedeuten. Fiskal oder fiskalisch kommt von lateinisch „die Staatskasse betreffend“ und hat daher vor allem mit Steuern und Staatsausgaben zu tun; monetär heißt allgemein die Finanzen betreffend und umfasst finanz- oder geldpolitische Maßnahmen wie die Festsetzung des Leitzinses, wofür die jeweilige Zentralbank eines Landes verantwortlich ist.

MORAL HAZARD
Auf Deutsch: moralisches Risiko. Vor der Finanzkrise von 2008 hatten die meisten Menschen noch nie von diesem Begriff gehört, aber während der Krise wurde er so oft benutzt, dass er uns allen schließlich zum Hals raushing. Ein Moral Hazard liegt dann vor, wenn eine ökonomische Struktur über keinerlei Bestrafungsmechanismen verfügt oder diese nicht einsetzt und im schlimmsten Fall die Leute auch noch zu riskantem Verhalten ermutigt. Die Banken mussten für ihre Fehler in keiner Weise büßen und hatten daher auch keinen Anreiz, sie in Zukunft zu vermeiden. Der Begriff könnte fast als ein Beispiel für Gegenteilisierung dienen, aber vielleicht sollte man ihn eher als simple Verschleierung der Tatsachen betrachten, denn eigentlich ist hier die Rede davon, dass die wahren Übeltäter wieder einmal ungeschoren davon gekommen sind.

HAIRCUT
Auch als Sicherheitsabschlag bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Maßnahme, bei der die Leute, die einem Unternehmen oder einer Regierung Geld geliehen haben – also die Anleiheninhaber – nicht ihr gesamtes Geld zurückbekommen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Metapher hinter diesem Begriff verstanden habe, aber jetzt ist der Groschen gefallen: Es ist nicht so, als ginge man zu einem teuren Friseur, der einem eine schicke Frisur verpasst, vielmehr handelt es sich um eine Standard- oder Einheitsfrisur, einen Armeerasierhaarschnitt. Dahinter steht der Gedanke, dass alle die gleiche Menge an Geld/Haaren verlieren.

KOSTEN
Jeder Mensch weiß, was Kosten sind. In der Ökonomie wird dieser Begriff aber oftmals euphemistisch für Menschen gebraucht. Wenn also ein Unternehmen davon spricht, seine Kosten zu senken, dann meint es in Wirklichkeit, dass es Leute entlassen wird.  

QUANTITATIVE LOCKERUNG
Im Deutschen auch gebräuchlich: der englische Begriff Quantitative Easing (QE). Eine unkonventionelle Methode, die Regierungen und Zentralbanken einsetzen, wenn der Leitzins so niedrig ist, dass er unmöglich noch weiter gesenkt werden kann, während gleichzeitig nach wie vor die Notwendigkeit besteht, die Konjunktur anzukurbeln. Bei der quantitativen Lockerung kauft eine Regierung ihre eigenen Anleihen zurück und benutzt dafür Geld, das eigentlich gar nicht existiert. Es ist so, als würde man sich von jemandem Geld leihen, ihn dann mit einem Stück Papier ausbezahlen, auf den man das Wort Geld geschrieben hat, und dann – Abrakadabra – würde sich herausstellen, dass es sich bei diesem Stück Papier tatsächlich auch um Geld handelt. Einem ganz gewöhnlichen Börsenspekulanten ist so etwas natürlich nicht möglich, aber Regierungen sehr wohl. Dieses wie durch Zauberhand geschaffene neue Geld benutzen sie, um ihre Schuldscheine zurückzukaufen.

KREDIT
Die Bedeutung von Krediten ist so fundamental, dass ohne sie das gesamte Wirtschaftssystem in sich zusammenbrechen würde. Deshalb war die Kreditkrise auch so ein großes Problem. Kredit gründet – wie schon der Name besagt – auf Glauben, von lateinisch „credere”: Letztendlich ist er nichts anderes als eine Form des Vertrauens und der Zuversicht. Es gehört zu den brillantesten Schachzügen der Finanzdienstleistungsbranche, das Wort Schuld – ein Wort, von dem die Leute aufgrund ihrer Erziehung glauben, dass es etwas sehr Schlechtes ist – in Kredit umgetauft zu haben, in etwas also, das nach einer guten Sache klingt, von der man gar nicht genug bekommen kann. Ein hervorragendes Beispiel für Gegenteilisierung.

SYNERGIE
Ein Begriff, bei dem es sich hauptsächlich um Bullshit handelt. Wenn er überhaupt etwas bedeutet, dann den Zusammenschluss zweier Unternehmen, bei dem die Unternehmensführung die Gelegenheit bekommt, Leute zu entlassen. Wenn zum Beispiel zwei Unternehmen, die ein ähnliches Produkt herstellen, miteinander fusionieren, dann haben sie auch eine ähnliche Lager- und Auslieferungsstruktur. Das bedeutet, dass bei einem der beiden Unternehmen die Beschäftigtengruppen aus diesen Bereichen ihren Job verlieren. Man will auf diese Weise Kosten einsparen und den Gewinn steigern, doch meistens kommt es dazu gar nicht. Es ist eine erwiesene Tatsache, dass die meisten Unternehmenszusammenschlüsse Geld kosten, statt welches einzubringen.

SHAREHOLDER VALUE
Auch Aktionärswert oder Marktwert des Eigenkapitals genannt. Das Konzept wurde in einem sehr einflussreichen, 1970 erschienenen Artikel von Milton Friedman vorgestellt und basiert auf der Überzeugung, „dass in einem System des freien Unternehmer- und Privateigentums der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns als Angestellter der Firmeneigentümer zu gelten hat“, also mit anderen Worten als Angestellter der Aktionäre (shareholder). Die einzige Aufgabe dieses Angestellten besteht darin, für seine Arbeitgeber so viel Geld wie nur möglich zu verdienen, ohne jede Rücksicht auf soziale Verantwortung oder größere Zusammenhänge. Dabei ist es der Theorie nicht einmal gelungen, ihre eigenen Bedingungen zu erfüllen: Seit sie gegen Ende der Sechzigerjahre populär wurde, ist die Rendite auf Vermögenswerte und Anlagekapital um 75 Prozent gefallen. Dem Shareholder Value steht die Idee entgegen, dass Firmen ein Eigenleben und einen individuellen Charakter haben und dass die besten von ihnen ihr Geld verdienen, indem sie sich für ihre Kunden engagieren.

REFORM
Eine Art Kaugummiwort. In seiner modernen ökonomischen Ausprägung wird es niemals und zu keinem Zeitpunkt bedeuten, dass man plant, mehr Leute einzustellen, der vorhandenen Belegschaft ein höheres Gehalt zu bezahlen oder bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Stattdessen ist Reform einer der zynisch-euphemistischen Begriffe und heißt fast immer, dass man Leute entlässt und denjenigen, die bleiben dürfen, weniger Geld für ein größeres Arbeitspensum zahlt.

WETTBEWERBSFÄHIGKEIT
Dieser Begriff wird oft im Zusammenhang mit Produktivität gebraucht. Je mehr Arbeit pro Stunde geleistet wird und je höher die Qualität dieser Arbeit ist, desto produktiver und daher auch wettbewerbs-fähiger wird das fragliche Individuum oder Unternehmen oder auch die gesamte Wirtschaft. Ein Land kann seine Wettbewerbsfähigkeit steigern, indem es aus seinen Bürgern mehr Arbeit für weniger Lohn herausholt. Genau das tat Deutschland Anfang des 21. Jahrhunderts und wurde so in weniger als einem Jahrzehnt vom „kranken Mann Europas“ zu dessen wirtschaftlichem Motor. Politiker reden gern von Wettbewerbsfähigkeit, weil das weniger schmerzlich klingt als mehr arbeiten für weniger Geld und weniger Arbeitnehmerrechte – auch wenn es in der Praxis meist genau darauf hinausläuft.

Eine ausführliche Einführung in die Finanzterminologie liefert der britische Autor im Glossar seines neuen Buches.
John Lanchester: Die Sprache des Geldes. Klett-Cotta 2015, 352 Seiten, 19,95 Euro