Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Geliebtes Vieh

Text: Wolfgang Hassenstein

Am Rand des Schwarzwalds macht ein Bauernhof vor, wie gut es Kühen und Kälbern tut, wenn man ihnen Zeit miteinander lässt

Auf Hof Gasswies sind Artgrenzen für die Lebenseinstellung unerheblich. Die Landwirte Silvia und Alfred Rutschmann, ihre Hunde und Katzen vorm Haus und die Rinder im Stall, sie alle gehen die Tage gelassen an. Jeder macht sein Ding, doch Gäste empfängt man freundlich und voller Vertrauen. Die südbadische Ruhe überträgt sich vom Menschen aufs Tier und umgekehrt.

An einem Tag Anfang März zeigen die Kühe aber, welch Temperament in ihnen schlummert. Die Wiesen sind nach ein paar frühen Frühlingstagen trocken, und so wird die Ankunft der schönsten Jahreszeit auf althergebrachte Weise gefeiert. „Auf geht’s“, ruft Vlad, der 20-jährige Betriebsangestellte, und leitet die Tiere auf den Triebweg. Dann, als sie das erste Mal in diesem Jahr die Weide erreichen, traben und galoppieren sie los, bocken, springen und beweisen dabei mit ihren rund 700 Kilo schweren Leibern eine verblüffende Sportlichkeit. Einige laufen voraus und erkunden das Terrain, andere machen ihrer Erregtheit in Rangkämpfchen Luft, wieder andere schrubben genüsslich ihre mächtigen Schädel im kurzen Gras, in dem die ersten Gänseblümchen blühen.

Die Bäuerin lacht und freut sich mit ihren Tieren. „An solchen Tagen weiß man, dass man das Richtige tut“, sagt Silvia. Der Trend geht zur Ganzjahres-Stallhaltung, die Rutschmanns aber sind den umgekehrten Weg gegangen, als Alfred den väterlichen Betrieb übernahm. „Ich musste erst die Nachbarn zum Flächentausch überreden“, erklärt er. Jetzt grenzen seine Weiden direkt an den Hof.

Alfred, Silvia und Vlad tun, was Verbraucher von den Landwirten erwarten: Sie sind gut zu ihrem Vieh. Man spürt es am Ton, am liebe- und humorvollen Blick aufs einzelne Tier. Kalbt eine Kuh das erste Mal, bekommt sie einen Namen. Susi, mit 13 die älteste in der 50-köpfigen Herde, ist am melancholischen Blick zu erkennen und am fehlenden Kopfschmuck – ihr wurden noch als Kalb die Hornansätze ausgebrannt. Seit Alfred die Rinder auf die Weide lässt, bleiben die Hörner dran, wachsen mal gerade, mal krumm und unterstreichen den Charakter der Tiere. So natürlich wie möglich soll es hier zugehen.

Und so genießen die Rinder auf Hof Gasswies ein seltenes Privileg: Die Kälber werden von ihren Müttern gesäugt. Den wenigsten Milchtrinkern und Käsefreunden ist bewusst, dass eine Kuh, um Milch zu geben, jedes Jahr kalben muss. Fast immer wird das Neugeborene der Mutter nach wenigen Stunden oder Tagen weggenommen. Ihre Milch ist in der landwirtschaftlichen Logik für den Menschen bestimmt.

„Dass wir es anders machen, war anfangs aus der Not geboren“, sagt Silvia. In der Zeit nach der Hofübernahme starben viele Kälber an Durchfall. Weil neugeborene Rinder Immunstoffe über die Muttermilch aufnehmen, füttern auch andere Bauern sie in den ersten Tagen damit. Den Rutschmanns erschien das zu kurz, und so probierten sie aus, was passiert, wenn die Kälber länger bei ihren Müttern trinken. Fortan blieben sie alle gesund.

Die muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung war etwas Neues. Weil die Rutschmanns sich wenig von anderen abschauen konnten, lief erst mal einiges schief. „Wir haben die Kälber 24 Stunden bei der Mutter gelassen“, erzählt Silvia, „mit dem Ergebnis, dass sie die Euter leersoffen und den Umstieg aufs Heu nicht lernten.“ In dieser Zeit ruinierte das Ausbleiben des Milchgeldes fast den Hof. Inzwischen haben Alfred und Silvia ein System entwickelt, das funktioniert – und Schule machen könnte.

„Kömmet, kömmet!“, ruft die Bäuerin am späten Nachmittag zur Weide hinüber. Schon traben die Kühe den Hügel hinunter, allen voran die jungen Mütter, erkennbar am grün markierten Schopf. Die Abläufe sind eingespielt: Erst geht es in den Melkstand, wo die Euter der gekennzeichneten Tiere nicht ganz leer gepumpt werden. Anschließend leitet Silvia wie eine Verkehrspolizistin mit ausgestreckten Armen die noch tragenden Tiere raus zum Fressen, die Mütter, von denen einige schon ungeduldig muhen, in den hinteren Teil des Stalls. Dann öffnet Vlad ein Gatter, Kühe und Kälber strömen zueinander, mit etwas Hilfe finden sich alle zusammengehörenden Paare. Und es kehrt Ruhe ein.

„Das sind die schönsten Momente des Tages“, sagt Silvia, „eine Belohnung für alle.“ Während die Kälber gierig an den Zitzen saugen, verharren ihre Mütter ganz still. „Die sind jetzt ganz Euter“, erklärt sie leise. Nach etwa einer Viertelstunde sind die Kälber satt und der kuschelige Teil beginnt. „Die Küh’ himmeln ihre Kälber an“, sagt die Bäuerin. Mit großen rauen Zungen lecken sie ausgiebig deren Fell.

Eine gemeinsame Stunde haben Mutter und Kalb morgens und abends nach dem Melken, dann gehen sie wieder getrennter Wege. Das klappt zwanglos, darauf legt Silvia besonderen Wert. Die Kälber treffen sich im „Kindergarten“, die Kühe lockt eine Schaufel Mais zum Fressplatz. Draußen sei das nicht viel anders, erklärt sie: Kalbt eine Kuh mal unbemerkt am Rand der Weide, schließt sie sich schon bald zum Grasen wieder der Herde an, um ihr Junges zwischendurch zum Säugen zu besuchen.

Schmerzvoller ist die endgültige Trennung nach gut drei Monaten, wenn die Jungtiere, anfangs noch von einer Amme begleitet, endgültig eine eigene Herde bilden. Silvia weiß, dass manche ihre Methode kritisieren, weil die Verbindung zwischen Mutter und Kalb dann noch enger ist. Wie schwer die Trennung fällt, hänge sehr von der einzelnen Kuh ab. Einige nähmen es leicht, andere riefen noch viel nach ihren Kälbern. „Ich glaube aber nicht, dass das ein Grund sein kann, ihnen die gemeinsame Zeit vorzuenthalten“, sagt sie. Und für die Kälber sei es „sowieso gut“. Ein Zurück sei für sie nicht mehr denkbar.

Alfred ist ein Biobauer durch und durch, der über einen Kuhfladen ins Philosophieren geraten kann. Er liebt Vergleiche mit der Natur, von der er sich so viel wie möglich abschauen möchte. Dass es in diesen Frühlingstagen so viel Nachwuchs gibt, ist kein Zufall: Das „saisonale Abkalben“ hat auf Hof Gasswies System. Nur im Sommer darf für zwei, drei Monate ein Deckbulle auf die Weide, neun Monate später kommen die Kälber Schlag auf Schlag.

„Anfangs ging es auch darum, dass wir über Weihnachten Urlaub machen wollten“, erzählt er. Kühe werden vor dem Abkalben „trockengestellt“, um das Euter zu schonen – passiert das bei allen gleichzeitig, können sich die Bauern in der melkfreien Zeit leichter vertreten lassen. „Jetzt kalben unsere Kühe in der Jahreszeit, in der das beste Futter wächst“, erklärt er. „Wir müssen weniger Gras für den Winter schneiden, lassen die Wiesen blühen und teilen die Nahrung mit Insekten und Vögeln.“ Für seine 60 Hektar Acker hat Alfred eine siebengliedrige Fruchtfolge ausgetüftelt. Auch Sojabohnen baut er an, die ein Freiburger Hersteller zu Tofu verarbeitet. Der ständige Wechsel hält Schädlinge, Unkraut und Pilze in Schach.

Doch so gut das alles funktioniert – geht man die Dinge langsamer an, kommt weniger Geld rein. 5000 Liter Milch liefert jede der 50 Kühe von Hof Gasswies im Jahr, ein Drittel weniger als eine gepäppelte Stallkuh. Zwar zahlt die Molkerei „Schwarzwaldmilch“ für Biomilch etwas mehr. Aber die tiergerechten Innovationen deckt das nicht ab. Nur eine vielfältige Mischkalkulation sichert die Finanzierung des Hofes. Das Fleisch der männlichen Rinder, die nach zwei bis drei Jahren geschlachtet werden, vermarkten die Rutschmanns lokal. Hinzu kommen die Einkünfte aus Obst- und Ackerbau, aus der alten Schnapsbrennerei, aus der Solaranlage auf dem Stalldach. Und ohne Subventionen aus Brüssel liefe auch hier nichts.

Alfred und Silvia Rutschmann hoffen, dass die Ge-sellschaft künftig die Leistungen nachhaltig wirtschaftender Landwirte, die wie sie neue Wege gehen, stärker honoriert. Über die „Regionalwert AG“, einen Verbund von Öko-Betrieben der Schwarzwaldregion, wollen sie Kunden dazu ermuntern, in vorbildliche Höfe zu investieren.

Am nächsten Morgen, die Kühe sind wieder auf der Weide, ruft Alfred vom Hof herüber und fuchtelt mit den Armen: „Kalb!“ Bei Evita ist es so weit. Die Fruchtblase ist geplatzt, sie hat sich in einer Stallecke ein ruhiges Plätzchen gesucht. Als die Vorderklauen des Kalbes zu sehen sind, krabbelt der Bauer von hinten durchs Stroh, legt einen Strick darum und hilft mit sanftem Zug bei der Geburt. Dann geht alles ganz schnell. Evita begrüßt ihr Kalb mit leisem Muhen und ausgiebigem Abschlecken. Drei Monate lang wird sie es ins Leben begleiten.