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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

"Gemüse pflanzen genügt nicht."

Text: Vito Avantario

Armen Avanessian hat gemeinsam mit jungen, linken Philosophen die Theorie des Akzelerationismus bekannt gemacht. Sie beschreibt, wie der Hochgeschwindigkeitskapitalismus ausgerechnet durch die Idee der Beschleunigung überwunden werden kann

Herr Avanessian, ich gebe Ihnen die Diagnose des Patienten Erde und Sie liefern die Lösungen... Warten Sie, hier muss ein Missverständnis vorliegen. Lösungen zu liefern ist nicht Aufgabe von Philosophen. Wir analysieren, beschreiben, bewerten die Sachverhalte und übergeben unsere Ergebnisse der Politik, Nichtregierungsorganisationen oder kulturellen Einrichtungen. Die sollten dann die notwendigen Debatten anstoßen.

Klimakrise, Energiekrise, Finanzkrise – verschiedene Probleme türmen sich zu einer Megakrise auf. Wir steuern auf den totalen Unfall zu. Was ist zu tun? Leider erschöpft sich die politische Klasse im Krisenmanagement. Sie hat keine Visionen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Er hat damals unrecht gehabt. Mehr denn je geht es um positive Visionen, worum denn sonst? Sie setzen dem totalen Unfall aber ausgerechnet die Idee der Beschleunigung entgegen. Ist das nicht absurd? Nein. Wir glauben an den Fortschritt. Aber der Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausformung ist nicht fortschrittlich, er zerstört Ressourcen. Deshalb wollen wir eine neue Entschlossenheit gegen die Resignation, die er seit der Industrialisierung ausgelöst hat.

Im Jahr 1930 hat der Ökonom John Keynes die kapitalistische Verheißung entworfen, der Mensch werde in hundert Jahren nur drei Stunden täglich arbeiten. Danach sieht es bisher nicht aus. Die Arbeitswelt ist heute tiefer in den privaten Raum eingedrungen, als Keynes es ahnen konnte: Unternehmen überwachen ihre Konsumenten, die fossile Wirtschaft beschleunigt den Klimawandel, die Finanzkrise hat zu postdemokratischen Verhältnissen in Griechenland geführt. Kurz: Der Kapitalismus in der jetzigen Verfassung löst keine Probleme. Er beraubt uns der Zukunft.

Deshalb fordern linke Kritiker wie Naomi Klein eine Massenbewegung dagegen. Proteste im Stil der 68er-Bewegung sind überholt. Es genügt nicht, auf die Straße zu gehen, und es genügt auch nicht, gegen den Klimawandel anzukämpfen, indem man sein eigenes Gemüse anbaut und glaubt, dass durch die Transformation des Lokalen das Globale gesunden wird. In Wirklichkeit hat linke Politik, die sich ja für progressiv hält, keine bahnbrechenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Und wissen Sie, warum? Weil der Graben zwischen den fortschrittlichen Technologien, die etwa bei der Klimakrise Lösungen bieten könnten, und dem Wissen der Linken darüber immer größer wird.

Welche Alternativen bietet der Akzelerationismus? Es gilt, dem Kapitalismus das Monopol für die Fortschrittsverheißung zu entreißen, eigene Zukünfte zu entwerfen, um sie gegen die Fantasielosigkeit der Politik zu setzen. Proteste allein reichen nicht: Wir benötigen politisierte Wissenschaftler, politisierte Inge-nieure, politisierte Systemadministratoren, politisierte Programmierer, die die Wirtschaft infilitrieren und von innen heraus verändern. Von ihren Innovationen müssen ganze Gesellschaften profititieren, nicht nur einzelne Branchen wie die Finanzindustrie.

Finanzunternehmen investieren Milliarden in die Beschleunigung des Marktes, um Mikrosekundenvorteile gegenüber Konkurrenten zu erzielen. Verstehen Börsenhändler diese Algorithmen noch? Für unser Buch „Making of Finance“ haben Kollegen von mir mit dem US-Whistleblower Haim Bodek gesprochen. Der ehemalige Computerhändler hat in den 90er-Jahren die Automatisierung des Finanzmarktes maßgeblich vorangetrieben. Er sagt, 90 Prozent der Player des Finanzmarktes verstünden die Logik der Instrumente nicht mehr, die den automatisierten Handel steuern.

Kann die Politik den überhitzten Markt bremsen? Im Prinzip schon. Dazu benötigt sie aber Personal. Deswegen müssten sich linke Kapitalismuskritiker fragen: Haben wir denn selbst Personal, das solche Positionen besetzen könnte? Und die Antwort ist, nein, haben sie nicht. Darüber könnte die gesamte Linke einmal beschleunigt nachdenken.

ZUR PERSON
Als Herausgeber des Sammelbands #Akzeleration (Merve 2013) hat Armen Avanessian, 41, das akzelerationistische Manifest von Alex Williams und Nick Srnicek im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Avanessian hat in Wien und Paris Philosophie und Politikwissenschaften studiert. Von ihm ist bei Merve zuletzt erschienen: Armen Avanessian, Gerald Nestler: Making of Finance. 136 Seiten, 14 Euro.